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    Kleinbardorf

    Warum ein Täschchen wie ein Schatz gehütet wurde

    Ein Ledertäschchen schreibt Geschichte: Dritte Bürgermeisterin Waltraud Kleinert (Zweite von links) übergab an Ronald Killian aus Newton/USA in Sulzfeld eine kleine Tasche, die Martha Hofmann vor ihrer Deportierung 1942  einer Familie in Kleinbardorf als Erinnerungsstück hinterließ.  Nach 76 Jahren ging es nun an die angereiste Verwandtschaftsfamilie (Dritter von links Mark Killian, Zweite von rechts Ronalds Schwester Vicki und daneben Vickis Tochter Jacki, ganz links Dolmetscher Ekkehard Hübschmann).
    Ein Ledertäschchen schreibt Geschichte: Dritte Bürgermeisterin Waltraud Kleinert (Zweite von links) übergab an Ronald Killian aus Newton/USA in Sulzfeld eine kleine Tasche, die Martha Hofmann vor ihrer Deportierung 1942 einer Familie in Kleinbardorf als Erinnerungsstück hinterließ. Nach 76 Jahren ging es nun an die angereiste Verwandtschaftsfamilie (Dritter von links Mark Killian, Zweite von rechts Ronalds Schwester Vicki und daneben Vickis Tochter Jacki, ganz links Dolmetscher Ekkehard Hübschmann). Foto: Josef Kleinhenz

    Eine kleine braune Lederhandtasche spielt in dieser Geschichte eine besondere Rolle. Sie gehörte einer jüdischen Mitbewohnerin Kleinbardorfs. Die Tasche wurde vor 76 Jahren als Andenken in einer Familie zurückgelassen. Nun wurden Gäste aus den USA, die den Judenfriedhof Kleinbardorf besuchten, damit überrascht.

    Als Andenken verschenkt

    Martha Hofmann, eine damals 46-jährige Jüdin, war in der NS-Zeit laut einer Aufzeichnung am 23. April 1942 deportiert und in Ostpolen ermordet worden. Vor ihrem Abschied hatte sie ihr Täschchen Amalie Herold in Kleinbardorf geschenkt, in deren Familie sie ein- und ausgegangen war.

    Die 93-jährige Zeitzeugin Renate Hellmuth, Tochter von Amalie Herold, berichtet heute lebhaft über Martha Hofmann und deren Geschwister Betty, Selma und Ignaz . „Da war ich noch ein zwölfjähriges Schulkind“, sagt Renate. Die Hofmanns waren damals wesentlich älter als sie.

    Die 93-jährige Renate Hellmuth (Bild) ist die letzte Zeitzeugin der jüdischen Geschichte in Kleinbardorf
    Die 93-jährige Renate Hellmuth (Bild) ist die letzte Zeitzeugin der jüdischen Geschichte in Kleinbardorf Foto: Josef Kleinhenz

    „Marthas Vater war Emanuel Hofmann“, erzählt Renate Hellmuth. Als Metzger führte er in Kleinbardorf einen kleinen gutgehenden Handelsbetrieb. Nach 1942 wurde Marthas Täschchen bei den Herolds wie ein Schatz gehütet. Später hat es Wilma Birkel, Renate Hellmuths Nichte, in Sulzfeld zum Aufbewahren bekommen. Birkel hat das Täschchen „vor zehn Jahren“ dann Waltraud Kleinert überlassen, der heutigen dritten Bürgermeisterin von Sulzfeld. Sie ist zuständig für das kommunale Referat „Jüdische Geschichte“. Auch bei ihr war es gut aufgehoben. In einem Gespräch mit dieser Zeitung versuchte die Kommunalpolitikerin einen Verwandtschaftsbezug zu den USA-Gästen herzustellen: „Ich gehe davon aus, dass Martha Hofmann die Ururgroß-Tante von Ronald Killian gewesen ist“, der aus Newton nahe Boston angereist war.

    Kleinert freute sich von Herzen

    Mit gekommen waren seine Schwester Vicki aus Washington und sein Sohn Mark aus Atlanta sowie Vickis Tochter Jacki aus Los Angeles. Der Besuch war für Waltraud Kleinert Anlass genug, Martha Hofmanns Andenken an Ronald Killian zu übergeben. Im Haus des Gastes in Sulzfeld wurde das Geschenk zu einem denkwürdigen Augenblick. "Ich freue mich von Herzen, das Andenken in die Hände der Familie zurückgeben zu können, wo es hingehört", sagte Kleinert. Die Gäste waren alle erst einmal sprachlos. Sie wunderten sich, dass nach 76 Jahren ein solches Erinnerungsstück überhaupt noch existierte.

    Gemeinderätin Kleinert übergab auch das kommunale Wappen mit Unterlagen über das Leben der Juden und das Buch „Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken“ des Würzburgers Roland Flade. Sie erzählte zuvor vom Leben der Juden in Kleinbardorf. Dabei hob sie besonders Martha Hofmann hervor. Ihre Infos hatte sie in erster Linie von Renate Hellmuth erhalten.

    Führung mit Reinhold Albert

    Natürlich verbrachten die Gäste viel Zeit auf dem Judenfriedhof bei Kleinbardorf, um Gräber der Familie ausfindig zu machen. Die Führung übernahm Kreisheimatpfleger Reinhold Albert. Ronald Killian hatte Ekkehard Hübschmann aus Harsdorf als Dolmetscher mitgebracht. Der Oberfranke hatte Vorträge in Boston zur deutschen Geschichte gehalten. Killian hatte sich die Referate angehört und sich mit ihm in Verbindung gesetzt.

    Auf der Freifläche am Ortsausgang Richtung Sulzfeld  (links) stand laut Zeitzeugin das Haus, in dem früher die jüdische Mitbürgerin Martha Hofmann wohnte. Vor wenigen Jahren wurde das drei Wohneinheiten umfassende und in die Jahre gekommene Gebäude dem Erdboden gleichgemacht.  Nach den Vorstellungen der Gemeinde soll dort ein Schild aufgestellt werden, um in Kleinbardorf auf  ein Judenschutzhaus hinzuweisen. Dort war einst auch der Schuhmachermeister Gottfried Döpfner mit einer Werkstatt zu Hause.
    Auf der Freifläche am Ortsausgang Richtung Sulzfeld (links) stand laut Zeitzeugin das Haus, in dem früher die jüdische Mitbürgerin Martha Hofmann wohnte. Vor wenigen Jahren wurde das drei Wohneinheiten umfassende und in die Jahre gekommene Gebäude dem Erdboden gleichgemacht. Nach den Vorstellungen der Gemeinde soll dort ein Schild aufgestellt werden, um in Kleinbardorf auf ein Judenschutzhaus hinzuweisen. Dort war einst auch der Schuhmachermeister Gottfried Döpfner mit einer Werkstatt zu Hause. Foto: Josef Kleinhenz

    Hübschmann hatte sich unterdessen mit den Vorfahren Killians beschäftigt. Laut seinen Recherchen sei am 31. Januar 1870 Hermann Hofmann in Kleinbardorf geboren worden. Es sei der Urgroßvater von Ronald Killian und dessen Schwester Vicki gewesen. Er habe im Haus Nummer 6 (heute Obere Hauptstraße 8) das Licht der Welt erblickt.

    Waltraud Kleinert erinnerte im Gästehaus von Sulzfeld noch an den Gedenkgang in Würzburg, der 2011 für alle deportierten jüdischen Mitbürger in Unterfranken veranstaltet wurde. Mit rund 3000 Besuchern fand er ein überaus großes Echo. Kleinert: „Da habe ich das Schild für Martha Hofmann aus Kleinbardorf getragen“. Den Gästen übergab sie ein Foto, das mit Interesse aufgenommen wurde.

    Koffer aus Stein für die Aumühle

    An der Aumühle in Würzburg entsteht jetzt ein unterfränkisches Gedenkprojekt. Die Gemeinde Sulzfeld beteiligt sich daran, indem sie einen aus Stein gemeißelten Koffer bereit stellt, kündigte Kleinert an. Symbolisch soll er für den „schlimmen Abschied“ der Juden stehen und als Denkmal auch für den jüdischen Friedhof bei Kleinbardorf angefertigt werden.

    Voll des Lobes über die Informationen und die freundliche Aufnahme in der Gemeinde verabschiedeten sich die Gäste, um für die weitere Spurensuche ihrer Vorfahren nach Mannheim zu fahren.

    Spurensuche der Familie Hofmann
    Nach den Aufzeichnungen des damaligen Kleinbardorfer Lehrers Otto Mölter wurde Martha Hofmann am 31.3.1896 geboren, ihre Schwester Betty am 23.12.1898 und ihre zweite Schwester Selma am 31.1.1901. Bruder Ignaz erblickte am 12.3.1905 das Licht der Welt. Zu lesen steht, er sei 1939 nach England ausgewandert, um von dort nach Amerika überzusiedeln. Die Juden der Familie Hofmann führten seit 1.1.1939 den Zunamen Israel bzw. Sara. Die Eintragungen wurden in den Standesamtsregistern notiert. „Emanuel Hofmann und seine Frau Maria, geborene Blum, kauften sich in ein jüdisches Altersheim ein und siedelten 1939 dorthin über“, heißt es. Tochter Martha Hofmann hatte dem Finanzamt Bad Neustadt laut ihrem Brief, der ebenfalls in Kopie vorliegt, am 23.10.1939 mitgeteilt, dass ihre Eltern Emanuel Israel und Maria Hofmann ins israelitische Wohnheim Würzburg verzogen.
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