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    Mellrichstadt

    Eberhard Streit: Macher mit Lust am Gestalten

    Letzter Arbeitstag am 30. April: Im Interview gibt Mellrichstadts scheidender Bürgermeister Eberhard Streit Einblick in die Bürde des Amtes und sein Leben nach der Amtszeit.
    Hatte die Stadt und die Verwaltungsgemeinschaft 14 Jahre lang unter seinen Fittichen: Mellrichstadts Bürgermeister Eberhard Streit scheidet am 30. April aus dem Amt.
    Hatte die Stadt und die Verwaltungsgemeinschaft 14 Jahre lang unter seinen Fittichen: Mellrichstadts Bürgermeister Eberhard Streit scheidet am 30. April aus dem Amt. Foto: Simone Stock

    So scheidet man doch nicht aus dem Amt als Bürgermeister von Mellrichstadt. Normalerweise. Schon gar nicht am Ende einer Zeit, die Eberhard Streit von September 2006 bis Ende April 2020 in die Pflicht genommen hat. Fast 14 Jahre oder – anders gerechnet – 160 Monate, 710 Wochen beziehungsweise 5000 Tage hat er alles gegeben, um Mellrichstadt nach vorne zu bringen. Und nun zum Abschied? Keine Feierstunde mit verdienter Würdigung. Es wird (gefühlt) ein heimlich, still und leiser Abgang – geschuldet der Corona-Pandemie, die die ganze Welt in Atem hält.

    Die Amtszeit von Bürgermeister Eberhard Streit wird in der langen Stadthistorie von Mellrichstadt als Erfolgs-Kapitel ihren Niederschlag finden – ganz sicher. Mit Verlaub, der Satz „So einen hat die Stadt gebraucht“ bringt sein Werk und Wirken, sein Tun und Handeln auf den Punkt. Mit nachfolgendem Interview lässt diese Zeitung Eberhard Streit noch einmal ausführlich zu Wort kommen.

    Frage: Sie klingt im ersten Moment vielleicht abstrakt, doch stellt sich die Frage aus der Neugier heraus: „Wie kann man ohne das Amt leben, für das man gelebt hat?“

    Eberhard Streit: Ich denke, in der Übergangsphase vom aktiven Berufsleben in den Ruhestand geht es einem Bürgermeister grundsätzlich nicht anders als jedem von uns, der seine Aufgabe mit Engagement und mit Leidenschaft gemacht hat. Ich erlebe gerade, dass der Ruhestand, den man sich in besonders stressgeprägten Zeiten so sehr gewünscht hat, jetzt durchaus als ungewisse Zukunft vor einem steht, weil man ja gar nicht so recht weiß, wie das so genau werden wird. Mit dem Anspruch, all die angefangenen Projekte stabil zu etablieren und die Amtsgeschäfte auch in Corona-Zeiten ordentlich an unseren neuen Bürgermeister zu übergeben, das fühlt sich gerade ein bisschen so an, als würde man mit Tempo 100 in die Parklücke fahren. 

    Letztendlich bin ich aber guter Dinge, dass ich auch den Ruhestand aktiv gestalten kann und freue mich auf eine weniger Stress geprägte, aber immer noch spannende Zeit nach dem Amt.

    Befällt Sie jetzt nicht so ein Gefühl wie „verloren im Niemandsland“? Lassen Sie uns ein wenig teilhaben nicht am neuen, aber am anderen Leben des Eberhard Streit!

    Streit: Ich glaube, dass ich gut damit umgehen kann, dass meine Amtszeit endet und ich dann wieder ganz einfach der Bürger Eberhard Streit bin. Ich habe meine Situation als Bürgermeister schon immer mit der eines Staffelläufers verglichen, das heißt mit der Wahl und der Amtsübernahme übernimmt man den Staffelstab und läuft los so gut und so schnell man kann. Ich habe in diesem Sinne immer versucht, zusammen mit dem Team im Stadtrat und in der Verwaltung, die Stadt so weit als möglich nach vorne zu bringen, um dann in guter Position den Staffelstab/die Verantwortung an den nächsten Läufer zu übergeben. Dafür ist man letztendlich ja auch gewählt. 

    Und dann ist noch ganz wichtig, bei der Übergabe an den Nachfolger muss man den Staffelstab dann auch loslassen können und fiebert ähnlich wie ein Staffelläufer wahrscheinlich immer noch weiter mit.

    Die Bürgermeisterbürde – ein Amt mit doppeltem Boden! Was überwiegt: Ein Knochenjob mit Pflichten quasi rund um die Uhr? Oder die Lust auf das Gestalten abseits von Routinepfaden?

    Streit: Erst einmal habe ich zu Beginn meiner Amtszeit feststellen müssen, dass das Amt des Bürgermeisters ein enormes Spektrum an Aufgaben umfasst. Es geht um Schulen, um Kindergärten, um Straßenbau genauso wie um Trinkwasser und die Entsorgung von Abwasser. Man hat als Bürgermeister und VG-Vorsitzender Personalverantwortung in der Verwaltung, hat die Verantwortung für einen Bauhof, ist Mitglied in Aufsichtsgremien lokaler Unternehmen, an denen die Stadt beteiligt ist, und darf sich auch um die 1200 Hektar Wald der Stadt kümmern. Das Amt ist sehr vielfältig, spannend, aber deshalb natürlich auch anstrengend.

    Ich empfand es immer als eine Herausforderung, aber auch als Ehre, dass mir die Bürgerinnen und Bürger von Mellrichstadt diese Aufgabe übertragen haben. Aber natürlich gibt es in fast 14 Jahren auch große Wechselbäder der Gefühle. Die Zeit, in der ich in Mellrichstadt zum Beispiel zusammen mit den Bürgern unser Stadtentwicklungskonzept erarbeitet habe, die Planung zum Stadtumbau, die gute Zusammenarbeit mit Bürgern, Stadtrat und Regierung von Unterfranken, das waren überwiegend schöne Erfahrungen. 

    Ein Highlight war natürlich der Stadtumbau selbst mit dem Baustellen-marketing des Aktiven Mellrichstadt und den Baustellenfesten, die unter Federführung von Brigitte Proß organisiert wurden und damit das Ganze zu einem Erlebnis gemacht haben. Damit hat Mellrichstadt übrigens in Kreisen der Stadtmarketing-Experten in der Region und darüber hinaus viel Anerkennung erhalten. Aber natürlich gab es in dieser Zeit auch weniger erbauliche Themen, zuallererst fällt mir dabei natürlich das Thema „Ärztehaus am Alfons-Halbig-Platz“ ein, und da daneben viele kleinere Begebenheiten, die weniger erfreulich waren, die aber am Ende auch nicht mehr von Belang sind. Am Ende des Tages war es natürlich vielmehr die “Lust am Gestalten abseits der Routinepfade“.

    Weinen Sie insgeheim der verpassten Siemens-Karriere nach? Oder war die Entscheidung für die Kommunalpolitik die richtige?

    Streit: Alles im Leben hat seine Zeit, und alle meine Lebensabschnitte haben mich geprägt. Die Schule, die Ausbildung, das Studium und die Arbeit als Ingenieur bei der Firma Siemens. Die verschiedenen Aufgabenbereiche dort, vom Entwickler bis zum Produktmanager für Antriebstechnik mit europaweitem Wirkungsbereich, das alles war spannend und aus heutiger Sicht eine gute Schule für die Aufgabe als Bürgermeister. 

    Aber Bürgermeister sein zu dürfen ist natürlich etwas ganz besonderes, denn in dieser Funktion kann man sein direktes Lebensumfeld in vielen Belangen, die ich ja bereits angesprochen habe, maßgeblich gestalten und prägen. Man muss sich in all diese Handlungsfelder einarbeiten, Ideen entwickeln, bei der Umsetzung und Gestaltung mitwirken und darf dabei die finanziellen Aspekte nicht aus den Augen verlieren. Ich habe diese Aufgabe gerne und mit Leidenschaft ausgeführt und ich bin froh und dankbar dafür, dass mir die Bürger von Mellrichstadt diese Aufgabe von 2006 bis 2020 übertragen haben.

    Welche Antwort möchten Sie gerne hören, wenn die Bürger Ihre Amtszeit bewerten sollen? Bitte vervollständigen Sie daher den Satz wunschgemäß mit eigenen Worten: „Eberhard Streit hinterlässt …“

    Streit: … eine Stadt, die sich in den letzten 14 Jahren trotz und mit den allgemeinen Veränderungen kontinuierlich weiterentwickelt hat und die ihre Position im Landkreis gefestigt hat. Eine Stadt, in der auch der innere Zusammenhalt stimmt. 

    Auf dieser Basis können unser neuer Bürgermeister und der neue Stadtrat gut aufbauen. Es ist mir aber auch klar, dass es heute neue Herausforderungen gibt, die es jetzt mit neuen Ansätzen zu meistern gilt.

    Den Schlussakkord haben die außergewöhnlichen Umstände dieser Corona-Krise gesetzt. Bedauerlich für Eberhard Streit, dass er am Ende seiner Amtszeit mit der Verwaltung in Isolation leben und auch die für 30. April angesetzte Abschiedsfeier dem Virus geopfert werden musste. Am 1. Mai 2020 besetzt nun Nachfolger Michael Kraus den Bürgermeisterstuhl. Ihm mag es dabei wohl ähnlich ergehen – nur in umgekehrter Weise zum Amtsantritt.

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