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    Bad Neustadt

    Gardner Denver: Riesenauftrag im Kampf gegen Corona

    10 000 Beatmungsgeräte hat die Bundesrepublik direkt beim Unternehmen Dräger bestellt. Die Pumpen dazu werden bei Gardner Denver in Bad Neustadt gebaut - unter Hochdruck.
    In einem Schutzraum von Gardner Denver in Bad Neustadt baut Oliver Beyer das Gebläse für eine Pumpe im Beatmungsgerät auf. Das Bad Neustädter Unternehmen arbeitet momentan unter Hochdruck.  
    In einem Schutzraum von Gardner Denver in Bad Neustadt baut Oliver Beyer das Gebläse für eine Pumpe im Beatmungsgerät auf. Das Bad Neustädter Unternehmen arbeitet momentan unter Hochdruck.   Foto: Martina Harasim

    Solche Großaufträge sind ungewöhnlich: Das Familienunternehmen Dräger in Lübeck hat von der Bundesregierung den Auftrag über 10 000 Beatmungsgeräte bekommen – ein Vielfaches der üblichen Jahresproduktion. Die meisten Apparate sollen schon bis zum Jahresende zum Beispiel bei der stationären Behandlung von Covid-19-Patienten eingesetzt werden.

    Arbeit auch an den Feiertagen

    Die Seitenkanalgebläse für diese Beatmungsgeräte fertigt das Unternehmen  Gardner Denver in seinem Werk in der Industriestraße  in Bad Neustadt. 15 der 180 Mitarbeiter arbeiten seit März teilweise im Drei-Schicht-Betrieb, auch an Feiertagen, um diesen großen Auftrag zu bewältigen.

    "Sie tun das gerne", sagt Gesamtbetriebsratsvorsitzender Hubertus Kiesel bei einem Rundgang durch die Fertigungshalle. Denn seine Kollegen wissen, mit ihrer Arbeit leisten sie einen Beitrag dazu, dass Menschen, die schwer an Covid-19 erkrankt sind, optimal behandelt werden können.  

    Große Herausforderung

    Dräger ist ein Unternehmen, das sich auf Medizin- und Sicherheitstechnik spezialisiert hat. Es ordert in der Regel 400 Seitenkanalgebläse pro Monat bei Gardner Denver, erläutert Betriebsleiterin Caroline Seit. Die zusätzliche Bestellung von 10 000 Stück sei eine große Herausforderung für das gesamte Team am Standort Bad Neustadt. Eine Herausforderung, der man gewachsen ist, wie die Zahlen beweisen: Im März lieferte Gardner Denver 800 Geräte, im April waren es 1280. 

    An dieser Maschine dreht Dino Wolf die Laufräder der Seitenkanalgebläse.
    An dieser Maschine dreht Dino Wolf die Laufräder der Seitenkanalgebläse. Foto: Martina Harasim

    Eine Herausforderung war es auch, alle Teile für die Produktion zusammenzubekommen, berichtet Gerhard Grone, der Leiter der Instandhaltung. Einer der Rohteil-Lieferanten produziert in Italien, wo der Shutdown zahlreiche Betriebe komplett stillgelegt hatte. Dieser durfte dank einer Ausnahmegenehmigung für systemrelevante Zulieferer weiter produzieren. Zusätzliche Spezial-Werkzeuge von Werkzeugherstellern aus dem Landkreis konnte er in einem sehr kurzen Zeitraum organisieren. Ebenso die, für die Medizintechnik erlaubten, drehmomentgesteuerten Elektro-Schrauber aus Schweden. Zudem wurde eine CNC-Drehmaschine umgebaut, um die Fertigungskapazität der Laufräder zu erhöhen.

    Arbeit im Schutzraum

    Wie Produktionsleiter Wolfgang Spieß erläuterte, wird das Endprodukt in einem speziell ausgestatteten Schutzraum montiert. Damit wird man den hygienischen Standards gerecht, die für medizinische Produkte vorgeschrieben sind. Hygiene sei ein zentrales Anliegen. "Daher werden einzelne Komponenten wie Deckel, Laufrad und Gehäuse vor der Montage mit einer speziellen Beschichtung versehen, die die Ansammlung von Bakterien begrenzt und unempfindlich gegen Staub und andere Verschmutzung ist", erläuterte Stefan Endres, Meister der Fertigung.

    Jedes einzelne Gerät muss eine Testphase durchlaufen. Benedikt Braun von Gardner Denver in Bad Neustadt bei der Endmontage.
    Jedes einzelne Gerät muss eine Testphase durchlaufen. Benedikt Braun von Gardner Denver in Bad Neustadt bei der Endmontage. Foto: Martina Harasim

    Das Seitenkanalgebläse ist so groß wie ein Handteller, wiegt gut 1,5 Kilogramm und besteht aus einem Motor, einem Verdichterteil mit Laufrad und einem Deckel. In dem Schutzraum wird jedes einzelne Gerät getestet, ob es den Vorgaben entspricht. Hat es diesen Test bestanden, gehen die Seitenkanalgebläse ins Dräger-Werk nach Lübeck, wo Mechaniker die Beatmungsgeräte zusammenbauen.

    Geräte für Wuhan

    Dieser Großauftrag ist nicht der erste, den Gardner Denver in Sachen Corona ausführte. So lieferte man  beispielsweise Seitenkanalgebläse für die Beatmungsgeräte, die  nach dem Neubau eines Krankenhauses Anfang des Jahres im chinesischen Wuhan zum Einsatz kamen. Und, sagt Caroline Seit, es wird wohl auch nicht der letzte sein. "In den vergangenen Wochen erreichte das Management Anfragen aus Australien, Kanada, den USA, England, Frankreich und Indien, die in einem eigens dafür benannten Team aus den Abteilungen Produktmanagement, Entwicklung, Logistik, Einkauf und den Fertigungsmeistern auf die Umsetzbarkeit geprüft werden."

    Wie funktioniert ein Seitenkanalgebläse?
    Durch ein schnell rotierendes Schaufel-Laufrad wird Luft angesaugt, die anschließend durch Zentrifugalkraft nach außen gedrückt wird, wodurch eine Verdichtung zu Stande kommt. Die Luft strömt dann über den Seitenkanal wieder zurück nach innen und wird zwischen zwei weiteren Schaufeln erneut beschleunigt und nach außen komprimiert.
    Ein Beatmungsgerät drückt - vereinfacht ausgedrückt - sauerstoffhaltige Luft mit Überdruck in die Lungen und verdrängt Flüssigkeit aus den Lungenbläschen. Das ist eine hoch komplexe Behandlungsmöglichkeit. Denn moderne Beatmungsgeräte können die Beatmungsform an die individuellen Bedürfnisse des Patienten anpassen.
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