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    Gerolzhofen

    100 Jahre Hilfe zur Selbsthilfe

    Zusammen mit dem Bezirksvorsitzenden Stefan Wolfshörndl (Mitte) stellten sich die Suffragetten zum gemeinsamen Foto auf (von links): Ulrike Hahn, Silvia Kirchhof, Gabriela Triphan und Anneliese Ring. Foto: Gudrun Theuerer

    Im Februar 1919, vor 100 Jahren, hielt sie als erste Parlamentarierin in der Weimarer Nationalversammlung eine Rede. Dabei vertrat sie, auch wenn sie damals noch die Herren zuerst nannte, ihre Position als Frau durchaus selbstbewusst mit den Worten: "Ich möchte hier feststellen (....), dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist."  Gesprochen hat dies Marie Juchacz (1879-1956) , die mit ihrem Einsatz für die Gleichberechtigung der Frauen eine bedeutende Rolle in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung spielt.

    Im Dezember des gleichen Jahres, also ebenfalls vor 100 Jahren, gründete sie die Arbeiterwohlfahrt, damals noch als Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD. Eine Wanderausstellung erinnert nun an Marie Juchacz, wirft einen Blick auf ihr Wirken und beschreibt die Entstehungsgeschichte der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Die Beleuchtung ihres politischen Engagements ist dabei ein Spiegel der deutschen Geschichte von der Weimarer Republik bis hin in die Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg.

    Gemeinsam einen Auszug der Rede gehört

    Diese Ausstellung wurde jetzt zum doppelten Jubiläum vom AWO Ortsverein Gerolzhofen in die Stadtbibliothek nach Gerolzhofen geholt, wo sie bis zum 24. Juli kostenlos zu besichtigen ist. Zur feierlichen Eröffnung mit Stehempfang waren neben zahlreichen Gästen auch der Schirmherr der Ausstellung, Gerolzhofens Bürgermeister Thorsten Wozniak sowie der AWO-Bezirksvorsitzende und Bürgermeister von Gerbrunn, Stefan Wolfshörndl, in den Spitalhof gekommen.

    Musikalisch in das Thema des Abends führte "Suffragette" Silvia Kirchhof mit der deutschen Übersetzung des  Liedes "Sister Suffragette" aus dem bekannten Musical "Mary Poppins", ein. Begleitet wurde sie dabei von drei weiteren Suffragetten in Gestalt von Ulrike Hahn, Anneliese Ring und Gabriela Triphan. Zur Freude der Gäste gab es im Laufe des Abends noch weitere passende Chansons von Claire Waldoff und Fred Bertelmann zu hören, ebenfalls vorgetragen und moderiert von Silvia Kirchhof.

    In ihrer Begrüßung erinnerte die Ortsvorsitzende Ulrike Hahn an das vielfältige Engagement der AWO, nicht nur für alte Menschen, sondern auch für Kinder und Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Handicaps. Eine eindrucksvolle Vorstellung von der Gründerin der AWO, Marie Juchacz, erhielten die Gäste dann mit einem akustischen Auszug aus ihrer Rede vor der Nationalversammlung. Bürgermeister und Schirmherr Thorsten Wozniak erinnerte daran, dass die Themen Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe, die zur Gründung der Arbeiterwohlfahrt vor 100 Jahren geführt haben, auch heute noch aktuell sind, und es daher wichtig und richtig sei, dass auch der Ortsverein Gerolzhofen das 100-jährige Bestehen der AWO feiere.

    Weitere Veranstaltungen geplant

    Den Rückblick auf das Leben sowie das soziale und politische Engagement von Marie Juchacz gab anschließend Bezirksvorsitzender Stefan Wolfshörndl. Er resümierte, dass die erste Rednerin in der Weimarer Nationalversammlung weniger durch ihre weitere parlamentarische Arbeit in Erinnerung bleibt, als vielmehr durch die Arbeiterwohlfahrt, den sie am 13. Dezember 1919 gegründet hat. Und aus der Geschichte heraus, stellte Wolfshörndl fest, dass die AWO eben mehr sei als nur die, "mit den alten Leuten, den Senioren und den Pflegeheimen".

    Neben dem sozialen Engagement unter dem Motto "Hilfe zur Selbsthilfe" war und ist die AWO auch immer ein politischer Wohlfahrtsverband, der sich in der Verantwortung für die Gesellschaft sieht, im Einsatz für die Grundwerte, die Demokratie, für Freiheit, Gleichheit und sozialen Ausgleich und gegen Rassismus, gegen Gewalt, für die Umwelt und Nachhaltigkeit. Bevor sich die Gäste dann zur Besichtigung der Ausstellung aufmachten, durften alle zur Feier des Tages gemeinsam noch einen bunten Strauß aus Luftballons in den Abendhimmel steigen lassen.

    Zum Jubiläum hat der der Ortsverein Gerolzhofen noch weitere Veranstaltungen geplant. Am 25. Juli um 19.30 Uhr findet in der Erlöserkirche ein historischer Vortrag von Nadja Bennewitz zum Thema "Frauen ergreifen das Wort" statt. Am 28. Juli um 14 Uhr sind alle Interessierten zu einer Stadtführung mit Evamaria Bräuer eingeladen. Motto der Führung, die am Stadtmodell neben der Stadtpfarrkirche beginnt ist,"Von der Wohltätigkeit zur Wohlfahrt".

    Die Wanderausstellung stellt Marie Juchacz (1879-1956), ihr Leben und Wirken als Frauenrechtlerin und als Gründerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) vor. Konzipiert wurde sie vom AWO-Bundesverband. Foto: Gudrun Theuerer

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