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    Gerolzhofen

    110 Betten für den „Wilden Mann“

    Die Spekulationen über die künftige Nutzung des seit fünf Jahren leerstehenden „Wilden Manns“ reichten vom Flüchtlingsheim bis zur Seniorenresidenz. Nun haben sie ein Ende. Die Katze ist aus dem Sack, der Verkauf fix. Der Gerolzhöfer Elektrounternehmer und Stadtrat Rainer Krapf hat den Hotel-Gasthof am Gerolzhöfer Marktplatz von Peter Wolf jun. erworben. Geplant ist ein großer moderner Anbau an der Breslauer Straße, um hier ein sogenanntes In-Hotel mit 110 Betten entstehen zu lassen. "In" steht für Inklusion oder auch Integration. Das bedeutet, hier arbeiten Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in vielen Bereichen zusammen. Im Sommer 2020, so das ehrgeizige Ziel, soll der anvisierte Eröffnungstermin sein.

    Das Hotel wie auch das angeschlossene öffentliche Restaurant im Hauptgebäude wird die Arbeiterwohlfahrt Unterfranken betreiben. Über sechs Millionen Euro nimmt die Krapf Immobilien GmbH & Co. KG, deren Geschäftsführer Rainer Krapf ist, für den Bettenanbau inklusive Lobby, Tagungsbereich und Tiefgarage in die Hand. Nach Aussage des neuen Hausherrn und Investors sei nach den vielen kursierenden Gerüchten die Zeit gekommen, „zu sagen, was wir hier vorhaben.“ Rainer Krapf: „Das Betreiberkonzept der AWO für ein InHotel steht und ich stehe voll dahinter.“

    Charakter der Gasträume bleibt erhalten

    Die Räumlichkeiten der Gastwirtschaft im eigentlichen Hotelgasthof selbst möchte Krapf „im Sinne von Peter Wolf sen. und Edith Leuner bis auf kleine technische Verbesserungen so belassen, wie sie einst hervorragend eingerichtet worden sind.“ Rainer Krapf unterstreicht: „Vom Charakter wird dort alles bleiben wie es ist.“

    Neben dem komplett barrierefrei ausgebauten Hotelneubau mit 110 Betten in 55 bis 56 Zimmern und einer hellen und freundlichen, weil gläsernen Lobby werden eine Tiefgarage mit 34 Stellplätzen und drei Außenparkplätze geschaffen. Die Moderne kommt nicht zuletzt im verglasten Zwischenbau mit Zugang zum Gastronomie- und Frühstücksbereich sowie in der Fassadengestaltung des Anbaus zum Ausdruck, die die Anordnung am Marktplatz mit den vielen relativ kleinen Häuschen aufnimmt.

    Tagungsbereich unter dem Dach des Anbaus

    Im Dachgeschoss wird ein großer heller Tagungs- und Schulungsraum für bis zu 100 Personen entstehen, der sich in zwei oder drei Räume aufteilen lässt. Werden Tische aufgestellt, werden entsprechend weniger Personen hineinpassen. Dem Tagungsbereich vorgelagert ist ein Büffet-Raum mit Teeküche. In dem im Drei-Sterne-Standard eingerichteten Anbau selbst sollen sich als besondere Komponenten der Steigerwald und hier insbesondere die Faktoren Holz und Wein widerspiegeln und eine Symbiose mit dem Gebäude bilden.

    Hotel in Marktbreit dient als Vorbild 

    Als Vorbild für das Vorhaben in Gerolzhofen dient dem Bezirksverband der Arbeiterwohlfahrt das allerdings kleinere InHotel Mainfranken in Marktbreit. Dieses Übernachtungs- und Tagungshotel war im Sommer 2015 im Haus der ehemaligen AWO-Akademie als erstes „Inklusions-Hotel“ in Unterfranken eröffnet worden. „Hier ist alles ein bisschen anders … wie schön“ heißt es dazu auf der AWO-Homepage.

    Für extrem schwer vermittelbare schwerbehinderte und langfristig arbeitslose Menschen ansprechende und langfristige Arbeitsplätze zu schaffen, sei trotz aller damit verbundenen Schwierigkeiten eines der Ziele der AWO - und das Hotel in Marktbreit sei eines der besonders gelungenen Beispiele dieses Engagements, so Thomas Geuppert, Bereichsleiter für Behindertenhilfe und Integration bei der AWO Unterfranken. Umso mehr sei man auf gute Bewertungen wie auf booking.com stolz.

    "Mittelsfrau" Ulrike Hahn 

    Das Engagement des Wohlfahrtsverbands in Gerolzhofen sei auf Ulrike Hahn als „Mittelsfrau“ zurückzuführen. Die in Gerolzhofen beheimatete Bereichsleiterin der AWO in Sachen Altenhilfe hatte Wind von Plänen im Hinblick auf den "Wilden Mann" bekommen und schließlich die Idee für ein InHotel „mitgesponnen“, so Geuppert. Für ihn ist ein Hotel ein idealer Inklusionsbetrieb, weil sich hier viele Tätigkeiten im Haus wiederholen, wenn es etwa um Reinigung oder Service geht, die gemeinsam von Menschen mit und ohne Behinderung übernommen werden können. Die Mitarbeiter, die über diese Schiene den Weg zurück oder überhaupt erstmals auf den regulären Arbeitsmarkt schaffen, fänden dadurch Beheimatung und enorme Bestätigung.

    Thomas Geuppert geht davon aus, ab dem dritten Jahr des Hotelbetriebs 40 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu beschäftigen. Mindestens 40 Prozent davon seien schwerbehindert und/oder zuvor langzeitarbeitslos gewesen, schätzt er. Eine Sorge Geupperts gilt allerdings der Frage, wie die Leute, die vielfach im Schichtbetrieb arbeiten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Gerolzhofen kommen. Über einen Bahnanschluss wie Marktbreit verfügt Gerolzhofen bekanntlich nicht.

    Bürgermeister freut sich über das Signal

    Bürgermeister Thorsten Wozniak betont: „Ich freue mich unwahrscheinlich, dass hier wieder Leben einzieht. Es ist ein ganz starkes Bekenntnis von allen Beteiligten zum Standort Gerolzhofen und zu seinem Marktplatz und seiner Altstadt.“

    "Eine ganz tolle Geschichte und elegante Lösung."
    Gerolzhofens Bürgermeister Thorsten Wozniak

    Lob zollt das Stadtoberhaupt Rainer Krapf dafür, nach vielen Anläufen als Stadtrat eine Lösung für die Wiederbelebung des Wilden Manns zu finden, nun selbst Verantwortung und das Heft in die Hand genommen zu haben. Wozniak: „Dazu gehören unternehmerischer Mut und eine Vision.“ Er freue sich, dass es in diesem Zusammenhang gelungen sei, mit der AWO einen sehr guten Partner zu finden, um Integration zu leben. Der Bürgermeister: „Eine ganz tolle Geschichte und eine elegante Lösung. Für die Stadt ist es ein Signal, das man sich nur wünschen kann.“

    Druck auf Marktplatzgestaltung wächst 

    Thorsten Wozniak sieht durch die aktuelle Entwicklung aber auch und gerade die Stadt jetzt in die Pflicht genommen und unter Zugzwang gesetzt. Damit meint er, „früher als gewollt“ wieder in die Diskussion um die erst kürzlich vom Stadtrat hintangestellte Diskussion um die Marktplatzgestaltung und Innenentwicklung Gerolzhofens einsteigen zu müssen. Ein längerer Baustellenbetrieb vor der Tür wäre für den Hotelbetrieb sicher ein Manko und ist so auch nicht in einem Gutachten vorgesehen, das die AWO im Hinblick auf die Chancen eines InHotels in Gerolzhofen in Auftrag gegeben hatte.

    Wozniak kündigte an, nun auch Gespräche seitens der Stadt mit Rainer Krapf über eine eventuelle Erweiterung der für das Hotel geplanten Tiefgarage unter dem benachbarten Grabenschulhof zu führen. Dort könnten zusätzlich sehr zentrumsnah öffentliche Parkplätze entstehen.

    Genugtuung bei Peter Wolf jun.

    Und was sagt der letzte Vorbesitzer zu der aktuellen Entwicklung? Obwohl alles sehr lang gedauert habe, hätte es in seinen Augen keine bessere und schönere Lösung für das Gebäude als auch für Gerolzhofen geben können, was die Entwicklung von Stadt und insbesondere der Innenstadt anbelangt, so Peter Wolf jun. Herausgekommen sei ein „Stadthotel mit einer schönen Gastronomie“ dazu, freut sich der in Dietramszell bei Bad Tölz lebende gebürtige Gerolzhöfer.

    Öffnung zum Adventsmarkt

    Um den „Wilden Mann“ bis zur Eröffnung von Hotel und Gastwirtschaft wieder mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken und die Räumlichkeiten vorzustellen, wird ihn Rainer Krapf parallel zum Kulinarischen Adventsmarkt am Samstag von 14 bis 21 und am Sonntag von 14 bis 19 Uhr bei Weihnachtsgebäck, Kaffee und Kuchen sowie Getränken für die Allgemeinheit öffnen. Die Gaststuben werden ferner in der Übergangszeit für Veranstaltungen und Feiern mit Catering vermietet. Auch die vier Fremdenzimmer im Haus können gebucht werden, allerdings ohne Frühstück.

    Die Geschichte des "Wilden Manns"
    Die frühesten Nachrichten von der "Schankstatt zum Wilden Mann" reichen weit zurück. Schon vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) werden Besitzer genannt.
    Danach sind es die Familien Stephan und Hellmek, welche über Generationen bis 1894 hier wirtschaften. In jenem Jahr eröffnet hier laut Inserat Josef Härterich mit einer großen "Kretelfleisch-Parthie" seine neu eingerichtete Wirtschaft mit Metzgerei. Nach der Jahrhundertwende lässt er das Gebäude abbrechen und durch den heutigen Neubau mit dem charakteristischen Erker unter dem Dach ersetzen. Ferner errichtet  Josef Härterich entlang der Breslauer Straße, damals "Wildemannsgässle" genannt, einen modernen Saalbau.
    1954 wird die Brauerei Düll aus Krautheim neuer Besitzer des Gasthofes. Nach größerem Umbau ziehen Simon und Anni Doll mit ihrer Tochter Gabi als Pächter ein. Mit dem Namen der Dolls ist das erste Haus am Platz nach dem Krieg jahrzehntelang eng verbunden.
    Ende der 1980er-Jahre erwirbt Peter Wolf senior von den Dülls den Traditionsgasthof mit seiner über 400-jährigen Wirtshausgeschichte. Nach umfangreichen Umbauarbeiten wird der „Wilde Mann“ im Mai 1994 wieder eröffnet. In der Folgezeit geben sich am Ende in immer kürzeren Abständen mehrere Pächter die Klinke in die Hand.  Seit Ende 2013 war der Hotelgasthof zuletzt geschlossen. Die AWO Unterfanken wird ihm jetzt neues Leben einhauchen, indem sie hier 2020 ein Inklusionshotel eröffnet. (novo)

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