• aktualisiert:

    Bergrheinfeld

    30 Jahre Mauerfall: Eine Freundschaft trotzt dem Todesstreifen

    Lydia Derleth (West) und Inge Dietz (Ost) lernten sich als Teenager kennen. Dann kamen DDR, Trennung und viele Prüfungen für die "besten Freundinnen" und ihre Familien.
    Inzwischen sind beide über 80 und mit dem Autofahren ist es schwierig: Inge Dietz (links) und Lydia Derleth versuchen aber nach wie vor, sich so oft als möglich zu sehen. Das Bild ist zwei Jahre alt. Foto: Derleth

    Echte Freundschaft ist stärker als Grenzen, ja sogar als der Todesstreifen, der bis vor 30 Jahren Deutsche in Ost und West voneinander trennte. Die Geschichte einer solchen Freundschaft, die vom Teenager-Alter bis heute nicht nur gehalten hat, sondern ständig gewachsen ist, hat Lydia Derleth (81) aus Berghreinfeld zu erzählen. 

    Den Vater besucht und eine Freundin gefunden

    Mit 16, also 1954, reiste sie als junge Frau erstmals in die Ostzone, die damals bei weitem noch nicht so gesichert war, als das wenige Jahre später der Fall sein sollte. Den Vater wollte sie besuchen, der auf Montage bei den Siemens Werken in Suhl arbeitete und als Logiergast bei einer Familie unter der Woche eine Untermiete gefunden hatte.  Ein paar Häuser weiter wohnte eine befreundete Familie und die hatte ebenfalls eine Tochter in diesem Alter. So lernte Lydia Inge Langbein kennen. "Es war Freundschaft von Anfang an, wir sind beide Einzelkinder und haben wohl jede für sich die fehlende Schwester gesucht und gefunden".

    Unbeschwerte Tage in der "Ostzone". 30 Jahre Mauerfall. Lydia (unten) und ihr Verlobter Alfred Derleth besuchen Lydias Freundin Inge Langbein, die ein gutes Jahr später Lothar Dietz das Ja-Wort geben wird. Foto: Derleth

    Die beiden werden schnell "beste Freundinnen", doch die Grenze wird immer undurchlässiger. Auch der Vater muss zurück nach Bergrheinfeld, muss seine Untermiete in Suhl aufgeben. Zwar werden reichlich Briefe geschrieben, Besuche werden aber immer schwerer, 1959 wird aus Inge Langbein Inge Dietz, ein Jahr später heiratet Lydia ihren Alfred. Ost und West entwickeln sich immer mehr auseinander, die Leben der beiden jungen Frauen verlaufen dennoch irgendwie parallel, die Kinder auf beiden Seiten der Grenze (Lydia Derleth hat zwei Töchter und einen Sohn, Inge Langbein zwei Töchter) sind nahezu gleich alt.   

    Mit Paketen über den Mangel hinweggeholfen

    In der DDR ist der Mangel groß, Lydia Derleth schickt zahllose Pakete - mit Kaffee, Obst und all den vielen Dingen, die es in der DDR nicht gab - an die befreundete Familie Derleth, die inzwischen aus beruflichen Gründen nach Ilmenau gezogen ist. "Vor allem Kindernahrung in Gläschen habe ich verschickt", erinnert sich Lydia Derleth, denn die war im Osten überhaupt nicht zu bekommen. Manches Päckchen verschwand ganz oder kam erst nach Wochen an.

    Um sich wenigstens ab und an persönlich treffen zu können, wird  nach allen Regeln der Kunst getrickst. "Inges Mutter wurde als meine Tante angegeben", erinnert sich Lydia Derleth schmunzelnd. Als die Töchter der Freundin in der DDR Jugendweihe feierten, wurde die "Westverwandtschaft" als Patin angegeben. Dennoch sei es unheimlich schwer gewesen, eine Einreiseerlaubnis zu bekommen, obwohl auf beiden Seiten alle Hebel in Bewegung gesetzt wurden.    

    Auch im Osten wurde viel gefeiert

    Und wenn es geklappt hat mit dem Westbesuch, dann wurde jede Minute ausgenutzt. "Wir haben viele schöne Feste gefeiert und der Zusammenhalt unter den Menschen in der DDR war groß", so Lydia Derleth im Rückblick.  Einmal konnten die beiden jungen Familien mit ihren Kindern sogar einen gemeinsamen Urlaub in der DDR verbringen. Doch jede nach vielen Mühen und noch mehr Papierkram genehmigte Reise in die DDR war wie ein Ausflug in eine andere Welt. Ein halbes Dutzend Kontrollen hatte der Westbesuch zu absolvieren, bis das eigentlich nur etwas mehr als 80 Kilometer entfernte Suhl, in das die Familie wieder zurückgezogen war, erreicht war.    

    Freunde in der Jugend, Freunde fürs Leben. Inge Dietz (rechts) bei einem ihrer seltenen Besuche in Bergrheinfeld. Links Inge und Lothar Derleth. Foto: Derleth

    "Musikkassetten wurden an der Grenze konfisziert", erinnert sich Alfred Derleth.  Einmal wurde er sogar zum Verhör einberufen, weil man ihn in Verdacht hatte, Kontakte zur Bundeswehr zu haben. "Unterwäsche, die wir für unser Zwangsumtauschgeld in der DDR gekauft hatten, mussten wir an der Grenze auspacken und wieder zurückschicken", ergänzt Lydia Derleth. "Unsere mitgebrachten Sachen, die die Einreisekontrolle überstanden hatten, mussten wir dennoch bei Nacht und Nebel auspacken, weil man nie wissen konnte, ob die ach so netten Nachbarn im Wohnblock doch nicht Augen und Ohren offen hielten, um entsprechenden Stellen Meldung zu machen", so Lydia Derleth. Eine Einschätzung, die Inge Dietz im Telefongespräch uneingeschränkt teilt.

    Aus Vorsicht: Politik war kein Thema

    Lydia und Alfred Derleth sind noch heute glücklich verheiratet und leben in Bergrheinfeld. Foto: Helmut Glauch

    "Während der Besuche ist nie über Politik geredet worden", erinnert sich die Bergrheinfelderin. Nach der Grenzöffnung wurde bekannt, welchen Repressalien die Ost-Familie Dietz ausgesetzt gewesen war, weil sie nicht den Kontakt zu den Freunden im Westen abbrach. Sowohl Inge Dietz, als auch ihrem Mann Lothar, die beide verantwortungsvolle Positionen innehatten, sei nahegelegt worden, die Freundschaftsbande rigoros zu kappen. Wenn nicht, sei ihnen der Weg für mögliche Beförderungen verbaut – sie haben sich für die Freundschaft und gegen die mögliche Beförderung entschieden. Gängeleien gab es reichlich. "Duftsteine für die Toilette, die ich meiner Freundin mitgebracht habe, damit es bei ihr im Betrieb auf der Toilette nicht mehr so stinkt, musste sie wieder entfernen, sonst hätte sie umgehend ihre Arbeit verloren."       

    Durch dick und dünn gegangen 

    "Wir sind durch dick und dünn gegangen, haben Freud und Leid miteinander geteilt", bilanzieren Lydia Derleth und Inge Dietz. Auch, wenn es zum Beispiel anlässlich der Hochzeiten der Töchter der Freundin im Osten keine Besuchserlaubnis mehr gab. Im Zuge des kleinen Grenzverkehrs gab es noch an und ab die Möglichkeit, sich wenigstens tageweise zu sehen. Die Schikanen, die dabei in Kauf genommen werden mussten, würden alleine ein kleines Büchlein füllen. 

    Alles stehen und liegen gelassen, als die Grenze fiel

    Und dann der Tag der Grenzöffnung. "Ich habe alles stehen und liegen gelassen und mir gesagt, jetzt fahre ich ganz einfach zum Kaffeetrinken in den Osten und überrasche meine Freundin".  Über Eußenhausen-Mellrichstadt, endlose Trabi-Kolonnen auf der Gegenspur, fuhr Lydia Derleth nach Suhl. Die Freundschaft hat gehalten, auch wenn es im Alter schwieriger ist, sich zu treffen, da sich die Senioren zunehmend nicht mehr die Strecke mit dem Auto zutrauen. Lothar Dietz, der als Ingenieur in der DDR gearbeitet hat, ist inzwischen verstorben. Doch die Freundschaft hat bereits in der nächsten Generation Fuß gefasst. "Unsere Christine hat eine enge Freundschaft zu Monika, der Tochter von Inge", berichtet Lydia Dietz. Diese Freundschaft hat also nicht nur die Deutsch-Deutsche-Teilung überstanden, sondern auch die Generationengrenze überwunden.     

    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!