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    SCHWEINFURT

    Ein ganzer Bahnhof voller Worte

    Legal sprayen: Das ging beim Hip Hop-Jam im Umfeld des Stattbahnhofs. Foto: Wolfram Hanke

    „Reim hart nei“ ist das Motto des Hip Hop-Jams im Stattbahnhof. Ein Familientreffen der Schweinfurter Hip Hop-Szene, die inzwischen über ganz Deutschland verteilt lebt, aber immer noch Verbindungen in die alte Heimat pflegt. Dementsprechend herzlich ist die Atmosphäre. Passend dazu findet im kleinen Saal ein U20-Poetry Slam statt. Ein ganzer Bahnhof voller Worte.

    Der Hip Hop-Jam startet schon am Nachmittag mit den Graffiti-Sprayern, die sich in der Bahnunterführung neben dem Stattbahnhof austoben dürfen. Organisiert von Philipp Katzenberger arbeiten bis zu zehn Sprayer an ihren farbenfrohen Kunstwerken. Abstrakte Bilder, figürliche Gestaltungen oder einfach nur Schriftzüge. Man spürt förmlich die Sehnsucht nach einer „Hall Of Fame“, wie sie in Würzburg am Mittleren Ring schon lange existiert. Eine Fläche, in der die Künstler legal an ihren Bildern arbeiten können.

    Vor dem Stattbahnhof sorgen die Jungs vom Kaschpasoundz Soundsystem für den richtigen Soundtrack für einen entspannten Nachmittag. Und Markus Leja, in der Hip Hop-Szene bekannt als Bruder Obba, verkauft T-Shirts und Taschen seines Labels etptt. Leja ist Teil der Schweinfurter Hip Hop-Crew KaEsZeh, die seit 1997 die Szene in Schweinfurt dominiert und viele Talente hervorgebracht hat.

    Filmemacher und Kameramann Marc Kaut dreht regelmäßig Musikvideos für KaEsZeh-Mitglieder in Berlin oder Leipzig. Und auch beim Jam in Schweinfurt heißt KaEsZeh der Leim, der alles zusammenhält. Vor zwei Jahren gab es die erste Auflage von „Reim hart nei“ mit 600 Besuchern im Stattbahnhof. Gegen 21 Uhr startet das Programm von Auflage zwei auf der Bühne im großen Saal. DJ Stee und Mal Broke sorgen für den richtigen Sound, damit sich Newcomer beim sogenannten Open Mic zum ersten Mal ins Rampenlicht trauen können. Danach gehts nahtlos weiter mit Gino & AkDalero, zwei Jungs aus Schweinfurt, die das Publikum für den Abend anheizen. Danach kommen gleich die Dizzy Whizzards aus Nürnberg auf die Bühne. Eine Band, deren Verbindung nach Schweinfurt der MC Big Roo ist. Big Roo heißt im bürgerlichen Leben Sebastian Rupin und war jahrelang mit den Jungs von KaEsZeh, aber auch mit der Drum'n'Bass-Crew „Wir tanzen konzentriert“ unterwegs, bevor er angefangen hat, in Erlangen zu studieren.

    Mit Terra Pete kommt der erste kleine Hip Hop-Star auf die Bühne, der aus der Schweinfurter Szene stammt. In Schweinfurt geboren und aufgewachsen, war er von Anfang an KaEsZeh-Mitglied, bevor er nach München und inzwischen nach Berlin übersiedelte. Im bürgerlichen Leben heißt Terra Pete Björn Radler, ist inzwischen 35 Jahre alt und hat jahrelang bei FAG Kugelfischer als Schleifer gearbeitet, bevor er entlassen wurde. Seitdem hält er sich mit Jobs als Schädlingsbekämpfer oder Tatortreiniger über Wasser. Seit er in Berlin lebt, hat seine Hip Hop Karriere einen echten Schub erhalten. Von seinem alten Kumpel Marc Kaut gedrehte Videos wie „Zweimal so nice“ werden über die Hip Hop-Plattform Juice präsentiert. Und zu seiner Show nach Schweinfurt bringt er sein neues Album „Bambooyeah“ mit. Das Comic-Artwork hat sein alter Kumpel Philipp Katzenberger gestaltet.

    Ebenfalls gebürtiger Schweinfurter ist der Rapper Juju Rogers, der inzwischen auch in Berlin eine erfolgreiche Rap-Karriere starten konnte. Mit „LIT - Lost In Translation“war Rogers gut drei Monate auf Tour mit Stationen in Paris, London, Hamburg, Innsbruck oder Gent. Abschluss ist in Schweinfurt. Dort ist Julian Rogers, so heißt er bürgerlich, als Sohn eines amerikanischen GIs und einer Deutschen geboren, aufgewachsen am Bergl. Abitur hat er am Alexander-von-Humboldt Gymnasium gemacht, dort hat er auch jahrelang die Trompete im Schulorchester gespielt. Seit vier Jahren lebt der 27-jährige in Berlin und studiert nebenbei Regionalwissenschaft Afrika an der Humboldt-Universität. Aber sein Schwerpunkt, erzählt er, ist die Musik.

    Als prominenter Gast steht zum Abschluss der Wiesbadener Rapper Eloquent auf der Bühne im großen Saal. Mit im Gepäck: das brandneue Album „Schön ist anders“, das er Anfang Mai veröffentlicht hat. Ein echtes Schwergewicht in Sachen Deutschrap. Kritische Texte sind sein Markenzeichen. Sein Track „Jazz auf gleich“ hat inzwischen mehr als 360 000 Klicks auf YouTube. Das Sahnehäubchen auf dem Familienfest im Stattbahnhof. Wolfram Hanke

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