• aktualisiert:

    Geldersheim

    Alfred Popp: Der Vollblut-Geldersheimer

    Eines von 34 000 Bildern von historischem Wert. Mitte der 30er-Jahre wurde die Wern begradigt. Dabei rollten nicht etwa die Bagger. Es geschah alles in Handarbeit. Im Hintergrund ist der Geldersheimer Kirchturm zu sehen. Foto: Archiv Popp

    "Ich müsste 200 Jahre alt werden um alles aufzuarbeiten, was es noch Interessantes in der Geldersheimer Ortsgeschichte gibt." Sollte so etwas biologisch möglich sein, dann würde sich das, was Alfred Popp alles an Geschichtlichem rund um seinen Heimatort zusammengetragen hat, in dieser Zeit wohl noch einmal verfünffachen. Seit genau 50 Jahren ist er als Heimatforscher aktiv. Wer Alfred Popps Wohnung betritt, hat sozusagen Zugang zum Geldersheimer Ortsgedächtnis, das in rund 350 Ordnern und 34 000 Bilddateien fein säuberlich geordnet ist.     

    So gut wie zu jedem Anwesen, den Familiengeschichten, den Spitznamen der Familien und natürlich zur Geschichte des Ortes bis hin zur ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 763 weiß er etwas, holt auf Nachfrage einen Ordner aus einem der vielen Schränke und präsentiert Bilder dazu. Heimatforschung, das  ist "fast wie eine Sucht", so der 75-Jährige, der  in fünf Jahrzehnten weder Zeit noch Mühen und auch nicht den finanziellen Aufwand gescheut hat, um die Geschichte seines Heimatortes vor dem Vergessen zu bewahren.     

    Besonders wichtig ist es Alfred Popp, daran mitzuarbeiten, dass die Bildstöcke erhalten bleiben. Dieser Jakobusbildstock stammt aus dem Jahr 1536. Spanien-Pilger, die den Jakobsweg gegangen waren, spendeten ihn aus Dankbarkeit für ihre glückliche Heimkehr.  Foto: Glauch

    Die Suche nach der Geschichte hinter den Zahlen

    Angefangen hat diese Leidenschaft 1969. Popp war gerade frisch zum Kommandanten der örtlichen Feuerwehr gewählt, ein Fest zu deren 100. Jubiläum stand an, aber - das fiel dem jungen Kommandanten auf - es gab so gut wie keine Unterlagen über diese Feuerwehrgeschichte. Also fing er selber an zu forschen, fragte nach Bildern, Unterlagen, Dokumenten – und die Passion für die Entdeckung der Ortsgeschichte war geboren.

    Die Frage "100 Jahre Feuerwehr, da muss es doch eine Geschichte dazu geben?", war nicht die einzige die Alfred Popp stellte. Es sollten noch  viele folgen. Auch unbequeme, wie zum Beispiel die über die NS-Vergangenheit des Ortes. Ein schwieriges Thema, nicht nur vor 50 Jahren, auch heute noch, so die Erfahrung von Alfred Popp. So manches Mal habe man ihm geraten "den alten Kram" doch ruhen zu lassen. Geldersheim hatte eine starke NS-Ortsgruppe und noch heute erzählt er die Geschichte vom Lehrer, der Nazi war und der sich, als die Amerikaner anrückten, im Leichenwagen versteckte, ohne Namensnennung.  In seinen Archiven befinden sich auch viele Fotos aus jener Zeit, in der Hakenkreuzfahnen am Dorfplatz "Plua" hingen, der damals "Adolf-Hitler-Platz" hieß und auf dem eine "Hitler-Linde" wuchs. Auch vom Kirchturm herunter wehte die unselige Flagge.  

    Als Bilder noch auf Glasplatten festgehalten wurden

    Einmal wurden ihm rund 500 Fotos auf Glasplatten – vornehmlich aus der NS-Zeit – zur Verfügung gestellt. Die Linde wurde nach der Befreiung aus dem Boden gerissen, die Wunden, die der Krieg geschlagen hatte, verheilten viel langsamer.  Die meisten Bürger öffneten ihm jedoch ihre Schatullen mit alten Unterlagen und Dokumenten, die heute die Sammlung von Alfred Popp ausmachen.  

    Viele Stunden verbringt Alfred Popp täglich damit, Dokumente und Bilder zu sichten und zu archivieren. Auch die Sammlung der katholischen Kirchengemeinde hat er geordnet und führt sie fort. Foto: Glauch

    Der gelernte Maurer, der später viele Jahre und bis zu seiner Pensionierung beim Wasser- und Schifffahrtsamt in Schweinfurt gearbeitet hat und der 13 Jahre Kreisbrandmeister im Landkreis Schweinfurt war, ging mit seinen Forschungen aber auch bis an die Ursprünge seiner Heimat. Als "Geldersheimer durch und durch" hat er alles zusammengetragen, was es über die drei Kaiserbesuche in Geldersheim (Kaiser Otto II. 976, Kaiser Heinrich III. 1049 und Kaiser Josef I. 1702)  zu wissen gibt, hat sich intensiv mit dem  Testament des Spitalstifters und Namensgebers der örtlichen Grundschule, Dr. Valentin Engelhardt, beschäftigt und weiß alles über die Bildstöcke des Ortes, von denen es 35 gibt.   

    Vom Flugplatz bis zum "Fränkischen Hof"

    Alleine die Geschichte der Gasthäuser "Fränkischer Hof" und "Krone" füllen mehrere Ordner, dazu kommen Kirchengeschichte,die Dokumentation herausragender Ereignisse und der wirtschaftlichen Entwicklung des Ortes.  Letztere wäre ein eigenes "historisches Sammelgebiet", gab es doch einmal an die 500 Landwirte aller Größenordnungen im Ort, heute sind es noch rund zehn.  Ein anderes Spezialgebiet ist für ihn die Geschichte des Flugplatzes, der sich seit 1934 vor den Toren der Gemeinde befand – erst im Dienst der Nazis, nach Kriegsende übernahmen ihn die Amerikaner.  

    Die Geldersheimer Kirchgaden sind ein einzigartiger Schatz. Häufig sind noch die alten Handwerkerzeichen an den Türeinrahmungen zu erkennen. Auch über die Gaden hat Alfred Popp alle verfügbaren Unterlagen gesammelt. Foto: Helmut Glauch

    Suchen ist die eine Seite, finden die andere. "Es gibt so gut wie kein Archiv, in dem ich noch nicht war", erzählt Popp, der sich täglich mit langen Spaziergängen in der Natur fit hält. Von Freiburg bis Dresden, von Nürnberg bis Würzburg hat er sich förmlich durch die Archive gegraben, um weiße Flecken in der Geldersheimer Ortsgeschichte mit Fakten  zu füllen. Es hat sich gelohnt. Popp hat heute viele "Unterlagen, die sonst niemand hat", wie er selber einräumt. Unterlagen, die ein gewichtiges Buch füllen könnten, das aber noch nicht geschrieben ist. Alfred Popp, der Mann, der beinahe zu jedem Stein in Geldersheim eine Geschichte weiß, will weiter sammeln, forschen, aufarbeiten, denn "es freut mich immer, wenn ich Licht in eine Sache gebracht habe".   

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!