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    GREßTHAL / SÖMMERSDORF

    Als Jesus im Feuer auferstand: Die Premiere der Passion

    Vor allem der Judas von 1933 hat Ottilie Keß beeindruckt. Wie er vor dem Hohen Rat wegrannte und den großen Apostel-Mantel herumwarf, ist der heute 96-jährigen Greßthalerin noch gut in Erinnerung geblieben. Die äußerst rüstige alte Dame, die vor 85 Jahren die allerersten Fränkischen Passionsspiele in Sömmersdorf sah, besuchte jetzt wieder einmal eine Vorstellung dort. Und stellte natürlich etliche Veränderungen fest.

    Das beginnt schon beim Veranstaltungsort. „Damals wurde im Garten der Wirtschaft gespielt“, erzählt die 96-Jährige von der damaligen Dorfgastwirtschaft von Ignaz Greubel in der Ortsmitte. Heute liegt das Passionsspielgelände am Ortsrand im Waldstück „Münsterholz“.

    „Das war damals eine Sensation“

    „Das war ein schöner Garten mit großen Bäumen und vorne war eine einfache Bühne mit Vorhang“, weiß Ottilie Keß noch, die als Elfjährige im Frühsommer 1933 mit einigen Verwandten zu einer Sonntag Nachmittag-Vorstellung nach Sömmersdorf geradelt war. Viele einfache Holzbänke waren für die Zuschauer aufgestellt, und der Garten und das Dorf seien voller Leute gewesen. „Das war damals ja eine Sensation“, ist sich die Greßthalerin bewusst, „ein Ereignis für uns, noch dazu in unserer Nähe.“

     Wenn besorgte Bürger Blut sehen wollen 

    Maria, ihr Mann Pilatus und Satan, der Sohn 

    Mittendrin statt nur dabei 

    Echte Gefühle für eine glaubhafte Passion 

     

    Natürlich sei alles viel einfacher gewesen als jetzt, ein solch opulentes Bühnenbild wie in diesem Jahr habe es nicht gegeben, kein Zuschauerdach und auch nicht so viele Mitwirkende. Aber „schöne Kostüme“ hätten die Schauspieler damals schon getragen: „Der Jesus hatte ein weißes Gewand und die Muttergottes ein rotes Kleid und ein blaues Tuch.“

    Einen Satan gab es damals nicht

    An den Einzug Jesu in Jerusalem kann sie sich erinnern, an die Leute aus Sömmersdorf, die „Hosianna“ gerufen hatten. „Ich seh‘ noch die Mutter vom Robert Seemann vor mir, eine große Frau, mit einem Kind auf dem Arm“, denkt sie an den verstorbenen Ehrenvorsitzenden der Fränkischen Passionsspiele. Weil Ottilie Keß‘ Eltern eine Schreinerei in Greßthal betrieben, waren und sind ihr viele Menschen aus den umliegenden Dörfern bekannt.

    Die Geißelung Jesu sei damals auf der rechten Seite der Bühne gewesen, überlegt sie. Und der Kreuzweg sei in einem engeren Kreis als heute abgelaufen. „Es war halt alles viel primitiver“. Einen Satan habe es damals auch nicht gegeben. Aber eine Mutter Maria, die sehr ergreifend gespielt habe.

    Und dann: die Auferstehung 

    Im Gedächtnis geblieben ist Ottilie Keß vor allem die Auferstehung: „Da hat es plötzlich ein großes Licht gegeben, wie ein Feuer, und dann stand dahinter der Heiland. Ich hab am Samstag Abend direkt darauf gewartet“, gesteht die Seniorin. Denn bei der aktuellen Passionsspiel-Version ersetzt die sogenannte Gärtner-Szene – Jesus erscheint Maria Magdalena – eine wie auch immer gespielte Auferstehung. Tatsächlich war 1933 eine Stichflamme im Lagerfeuer der Grabwächter auf der Bühne erzeugt worden, indem durch ein Rohr am Boden, vom Feuer bis hinter den Vorhang, Magnesium geblasen worden war. „Man hat sich eine Auferstehung halt so vorgestellt.“

    Der Dorflehrer Guido Halbig hatte die ersten Sömmersdorfer Passionsspiele inszeniert, weil die theaterbegeisterten und -erprobten Männer des Gesangvereins „Sängerlust“ im Heiligen Jahr 1933 ein etwas größeres Werk aufführen wollten. Halbig selbst spielte damals den Hohe Priester Kajaphas. „Der hat ein wenig schöner Hochdeutsch gesprochen als die anderen“, ist der 96-Jährigen noch erinnerlich.

    Damals war alles „sehr feierlich“

    Insgesamt „war das damals alles sehr feierlich, sehr andächtig“, unterstreicht Ottilie Keß, „die haben mit einer solchen Inbrunst gespielt und es hat die Leute angesprochen“. Aber auch das heutige modernere und lebendigere Stück habe ihr gut gefallen. Auch wenn sie zugibt, dass sie mit dem Prolog und dem Epilog, der Rahmenhandlung in der Gegenwart, nichts anfangen könne.

    Offenbar spricht aber das Stück auch heute wieder die Menschen an: „Ich hab‘ an dem Samstag Abend ganz viele junge Leute gesehen“, meint die Seniorin über ihren kleinen Ausflug in die Theaterwelt. „Und die Pizza hat auch richtig gut geschmeckt.“

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