• aktualisiert:

    Werneck

    Als die Menschen Schutz im Bunker suchten

    Von 1932 bis etwa 1940 konnten die Wernecker Kinder im Naturschwimmbad zwischen den früheren zwei Wern-Armen planschen. Bernd Göbel, Vorsitzender des Historischen Vereins Markt Werneck, zeigte das Foto beim Rundgang. Foto: Silvia Eidel

    Teils versteckt, teils noch sichtbar, teils auch verschwunden sind in Werneck die Spuren des nationalsozialistischen Deutschland, des sogenannten "Dritten Reichs". Umso mehr bedarf es genauer Recherche und genauem Hinsehen, damit dieses Kapitel deutscher Geschichte als Mahnung für die Zukunft nicht vergessen wird. 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges führte der Historische Verein bei einem Rundgang zu Resten von Bunkern oder Lagern und löste dabei manches Rätsel.

    Einst ein Naturschwimmbad

    Den Treffpunkt für die 25 Teilnehmer am TSV-Sportheim hatte Bernd Göbel, Vorsitzender des Historischen Vereins Markt Werneck, nicht zufällig gewählt. Denn dort lag ab 1932 ein Naturschwimmbad zwischen den ehemaligen zwei Wern-Armen, dem natürlichen Wern-Lauf und der höher gelegenen, künstlich angelegten "Mühlen-Wern", die Wasser zur "Strobels-Mühle" im Ort transportierte. "Zehn auf zwanzig Meter groß war das Schwimmbad", wusste Göbel, der mit Plänen und Fotos seine Erläuterungen unterlegte.

    Während die beiden Eingänge zum großen Luftschutzbunker in Werneck vorhanden sind, wurde der Raum selbst in den 1950er Jahren zugeschüttet. Foto: Silvia Eidel

    Aber die Begradigung und Verlegung der Wern durch den Reichsarbeitsdienst (RAD), eine vormilitärische Einrichtung der Nationalsozialisten, beendete spätestens 1940 das Bade-Vergnügen für die Jugend. Ein RAD-Lager war bereits 1936 auf der Höhe über Werneck, der heutigen Bergsiedlung, errichtet worden. Dort hatte Göbel ausgerechnet bei seinem elterlichen Anwesen den Eckpfosten dieses 12 000 Quadratmeter großen Lagers wiederentdeckt. Er war nach dem Krieg in die Begrenzung des Grundstücks eingebaut worden. Vom Gebüsch versteckt nahmen die interessierten Wernecker dieses Relikt wahr.

    Mit dem Spaten exerziert

    Nur zwei Jahre, bis 1938, hatte die RAD-Kaserne junge Männer beherbergt, die auf Fotos mit Spaten anstelle von Gewehren exerzierten und patrouillierten. Dann kamen junge Frauen, sogenannte Arbeitsmaiden der RADwJ (für weibliche Jugend), in das Lager. Sie mussten den Bauern bei der Feldarbeit helfen.

    Nach Kriegsende waren zunächst amerikanische Soldaten dort untergebracht, ab Frühjahr 1946 bis in die späten 1950er Jahre Flüchtlinge und Aussiedler, viele aus dem Sudetenland. In den Holzbarracken fanden etliche später bekannte Wernecker Familien ein spärliches Zuhause, wie einige Rundgangsteilnehmer wussten.

    Von dem erhöhten Punkt der Bergsiedlung aus wies Göbel hinüber zu einer roten Backsteinruine außerhalb von Werneck neben der Meininger Straße. "Das war keine Flak, kein Bunker, keine Scheinwerfer-Batterie", räumte er mit alten Vorstellungen auf. "Das wurde im März 1944 als neue Leitstelle gebaut, um die Flak-Stellungen im südlichen Bereich von Schweinfurt zu koordinieren". Die bisherige Leitstelle war in Sennfeld stationiert.

    Heiße Einflugschneise über Werneck

    Denn unerwarteter Weise waren ab August 1943 die Luftangriffe der Amerikaner auf Schweinfurt aus Südwesten geflogen worden. "Hier über Werneck war also die heiße Einflugschneise", machte Göbel klar und verwies auf den "Black Thursday" des 14. Oktober 1943, als die amerikanischen Bomber ihre höchsten Verluste mit 60 Flugzeugen verzeichneten. "Viele Maschinen sind hier runtergekommen". Die deutsche Wehrmacht verstärkte daraufhin ihre Flakstellungen, etwa in Ettleben auf zwei Batterien mit zwölf "Flugabwehrkanonen".

    Fotos vom ehemaligen Lager des Reichsarbeitsdienstes in Werneck, das nach dem Krieg den Aussiedlern als Unterkunft diente, zeigte Bernd Göbel beim Historischen Rundgang durch Werneck. Foto: Silvia Eidel

    Die Flak-Koordinierungsstelle etliche Meter unter dem roten Backsteinbau und ungefähr 80 Quadratmeter groß dürfte einst auch eine Art Lager direkt an der Meininger Straße dabei gehabt haben. Göbel verwies auf eine Luftaufnahme amerikanischer Aufklärer von 1945, auf der Baracken zu sehen waren.

    Luftschutzbunker für 1000 Leute

    Weil die Angriffe auf Schweinfurt stetig zunahmen, beschloss der Wernecker Gemeinderat 1943, einen Luftschutzbunker für 1000 Personen zu bauen. "Es gab ja am 24. und 25. Februar 1944 zwei Angriffe auf Schweinfurt mit 1000 Bombern", erzählte Göbel. Drei Treffer wurden dabei auch in Werneck verzeichnet, unter anderem im Dach des Schlosses, dessen Brand von den dort untergebrachten Unteroffiziersschülern gelöscht wurde.

    Gebaut wurde der Bunker von russischen Kriegsgefangenen bis zum Dezember 1944. Die Rundgangsteilnehmer durften im Garten des Anwesens Alfons Meyer an der Meininger Straße die beiden Eingänge besichtigen, die innen zusammenführten. Bis hoch zur heutigen Gaststätte "Rumpelkammer" führte der Bunker, der bei der Schule einen Entlüftungs- und Notausstieg hatte.

    "Wir waren als Kinder oft da drin", erinnerte sich der 82jährige Herbert Eichelmann. "Da waren Bänke drin, auch ein paar Betten, und elektrisches Licht." Immer wenn die Sirene heulte, liefen die Kinder aus der Schule hinein. "Wir hatten komischerweise gar keine Angst", wunderte sich der Senior.

    Tod durch Beschuss aus der eigenen Flak

    Das Kriegsende in Werneck, den 8. April 1945, erlebten viele Einwohner in diesem Bunker. Tragischerweise, so Göbel, fanden andere Bürger beim Heranrücken der Amerikaner in den Ort den Tod durch den Beschuss aus den eigenen Flak-Stellungen bei Ettleben.

    Nicht nur den 73 gefallenen, vermissten und zuhause umgekommenen Kriegsopfern aus Werneck ist am "Weißen Kreuz" eine Gedenkstätte gewidmet, die als Abschluss des Rundgangs diente. Vor allem den Vertriebenen, die sich in Werneck und Unterfranken neu orientieren mussten, dient der Ort als Erinnerung und Mahnmal.

    Weil die Fülle der Informationen und Stationen zur Geschichte Wernecks im Nationalsozialismus, zu Partei und Personen, zu Zwangsarbeit, Deportation, Aussiedler, zum Schloss und zu den Kirchen umfangreich ist, soll bei einer zweiten Führung auch dieses Kapitel begangen werden, versprach am Ende Bernd Göbel.

    Das Rätsel um die Ruine des roten Backsteinbaues an der Meininger Straße in der Einfahrt zu Werneck ist gelöst: Dort war ab 1944 eine Leitstelle zur Koordinierung der südlichen Flakstellungen um Schweinfurt untergebracht. Foto: Silvia Eidel

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!