• aktualisiert:

    Schweinfurt

    Antisemitismus in der Musik: Appell an Schüler, genau hinzuhören

    Regisseur Peter Ohlendorf und Autor Timo Büchner sprachen in Schweinfurt über antisemitische Äußerungen in Songtexten – und wie Musiker diese heute teilweise codieren.
    Zu Gast an der Friedrich-Fischer-Schule Schweinfurt: Der Regisseur Peter Ohlendorf zeigte Ausschnitte aus seinem Film "Blut muss fließen". Der Buchautor Timo Büchner, der auf dem Bild nicht zu sehen sein wollte, begleitete ihn. Foto: Lisa Marie Waschbusch

    Der unter dem Pseudonym Thomas Kuban bekannte Journalist sitzt in einem Auto. Sonnenbrille, blonde Perücke. Sein Gesicht ist durch den Rückspiegel erkennbar. Kuban ist auf einer verdeckten Recherche, er fährt zu einem geheimen Neonazi-Konzert ins Elsass nach Frankreich. Mit einer Knopflochkamera ausgestattet wird er sich dort unter rechtsextreme Musikfans mischen. Die Szene, die ein Teil von Kubans langjähriger Undercover-Recherche ist, ist in dem Film "Blut muss fließen" zu sehen.

    Dessen Regisseur Peter Ohlendorf ist an diesem Mittwochmorgen zu Gast an der Friedrich-Fischer-Schule in Schweinfurt. Mit ihm ist der Buchautor Timo Büchner aus Berlin angereist. Gemeinsam wollen sie Impulse gegen Antisemitismus in der Musikszene setzen – vor allem bei jungen Leuten. Denn: "Nazis treten nicht immer so radikal auf wie hier in dem Film", gibt Ohlendorf zu bedenken. Antisemitische Äußerungen – anders als in dem Film zu sehen – seien oft nicht so leicht als solche zu erkennen.

    Rechtsrock bezieht sich auf alle Musikgenres

    "Wir sehen mittlerweile eine Professionalisierung in der Rechtsrockszene", sagt Büchner, der in seinem Buch "Weltbürgertum statt Vaterland – Antisemitismus im Rechtsrock" hunderte von Musiktexten analysiert. Heute würden statt klaren judenfeindlichen Äußerungen antisemitische, sprachliche Codes verwendet, die auf alte Stereotype wie "Krummnase" oder gar eine "jüdische Weltverschwörung" anspielten.

    Der Begriff Rechtsrock meint keineswegs bloß Rockmusik als Genre, stellt Büchner klar. "Es hat Ende der 70er-Jahre durchaus mit Rockmusik angefangen", sagt der Autor. Mittlerweile gebe es ein Sammelsurium an Musikstilen, die extrem rechte Botschaften – damit sind nationalistische, antisemitische, sexistische, homophobe oder rassistische Äußerungen gemeint – transportieren. Man rechne eine Band aber nur dann dem Rechtsrock zu, wenn sich diese Äußerungen im Gesamtwerk der Band verdichten, erklärt Büchner. Zur Veranschaulichung zitiert er Textpassagen des NS-Rappers "Makss Damage".

    Was die Musiker motiviert

    Was motiviert Musiker dazu, derartige Äußerungen in ihre Songs zu packen? "Sie wollen Jugendliche erreichen und für die Neo-Nazi-Szene rekrutieren", sagt Büchner. Außerdem, so fand es der Buchautor in seinen Analysen heraus, werde Rechtsrock als Waffe genutzt, um "Menschen aufzuputschen, damit sie Straftaten begehen". In Ohlendorfs Film kommt eine ukrainische Wissenschaftlerin zu Wort, die versucht, das Phänomen zu erklären und dabei den Rechtsrock als "Einstiegsdroge Nummer Eins" bezeichnet.

    Ohlendorf fragt in die Runde, ob einer der Schüler die Lieder des Rappers Bushido höre. Als sich ein junger Mann meldet, will der Regisseur wissen, ob er sich mal dessen Internetauftritt angesehen habe. Der Schüler verneint. "Das hätten Sie mal tun sollen", antwortet Ohlendorf prompt. Was er meint: Bushido war vor Jahren in die Kritik geraten, weil er eine Karte des Nahen Ostens veröffentlicht haben soll, auf der Israel fehlte. Dem Schüler ist das entgangen. Und er gesteht ein, wie andere Schüler auch, sich bei vielen Liedtexten keine großen Gedanken zu machen. Ohlendorf appelliert an die Schüler, "genauer hinzuhören, welche Botschaften auch subkutan transportiert werden".

    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!