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    Schweinfurt

    Auf Tour mit der mobilen Tierärztin

    Tierärztin Silvia Pfaff untersucht das entzündete Ohr von Labrador-Hündin Susa. Reporterin Irene Spiegel leuchtet mit der Stirnlampe. Foto: Anand Anders

    Diese grünen Augen. Diese weißen Pfötchen. Dieses süße Gesichtchen. Seit meinem Einsatz als "Reporter in Betrieb" mit der mobilen Tierärztin Silvia Pfaff geht mir "Herr Süßmann" nicht mehr aus den Sinn. Der kleine Kater ist kurzfristig auf die Patientenliste gekommen, nachdem ihn die in Schweinfurt ansässige Tierschutzorganisation Pro Animale auf einer Müllhalde gefunden hat. Er muss geimpft und gechipt werden, damit er in ein Zuhause abgegeben werden kann. Und von diesem Moment an ist mir  klar, es soll unser Zuhause sein.

    Doch der Reihe nach. Als kürzlich eine Arbeitskollegin erzählte, zu ihrem Hund komme eine Tierärztin nach Hause, kam sofort die Idee auf, als "Reporter in Betrieb" mit dieser Tierärztin einmal auf Tour zu gehen. Silvia Pfaff betreibt seit einem guten halben Jahr eine mobile Tierarztpraxis, die einzige im Landkreis Schweinfurt. Ihre Philosophie gründet auf eine Weisheit von Mahatma Gandhi, wonach man „die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation daran bemessen kann, wie sie ihre Tiere behandelt“. Und da ein Tierarztbesuch für Tier und Besitzer in den meisten Fällen mit sehr viel Stress und großer Angst verbunden ist, bietet sie Konsultationen zu Hause oder sogar bei einem gemeinsamen Spaziergang auf "neutralem Boden" an. 

    Rund 1000 Kilometer fährt Silvia Pfaff jeden Monat

    Eine echte Marktlücke, wie die Nachfrage in Stadt und Landkreis Schweinfurt zeigt. Rund 1000 Kilometer fährt Silvia Pfaff jeden Monat. Sie macht Gesundheitschecks und Impfungen, Krankenbehandlung und kleinere chirurgische Eingriffe und – was vielen Tierbesitzern wichtig ist – auch Sterbebegleitung zuhause. Was sie in ihrer mobilen Praxis medizinisch nicht leisten kann, zum Beispiel röntgen oder operieren, übergibt sie niedergelassenen Kollegen. "Tierarzt war schon immer mein Traumberuf", sagt Silvia Pfaff.  Und sie ist sicher, dass sie ihr kurvenreicher Weg zur Verwirklichung ihres Traums zu der Ärztin gemacht haben, die sie heute ist.

    Bevor Reporterin Irene Spiegel mit der mobilen Tierärztin Silvia Pfaff auf Tour geht, müssen die Medikamentenkoffer mit den nötigen Arzneimitteln befüllt werden. Foto: Anand Anders

    Fünf Hausbesuche stehen an diesem Nachmittag im Terminplan. Vormittags wird immer die Büroarbeit erledigt, um 14 Uhr geht dann die Sprechstunde los. Eine Stunde vorher muss ich da sein. Denn vor der Abfahrt müssen die Behandlungstasche hergerichtet, die Autoapotheke aufgefüllt und die benötigten Impfstoffe in die Kühlbox gepackt werden. Silvia Pfaff hat ihr Auto mit einem intelligenten Arnzeimittelschrank ausgestattet. Die ausziehbaren Schubladen sind gleichzeitig tragbare Medikamentenkoffer und können bequem zum Patienten ins Haus mitgenommen werden. In den Koffern befinden sich Spritzen für Herz, Magen und Darm, Augen, Ohren und Haut. Und, was ganz wichtig ist: "Immer das Auto abschließen." Die Medikamente dürfen niemals öffentlich zugänglich sein. 

    Mit diesem Erkennungsgerät wird der Transponderchip überprüft. Foto: Anand Anders

    Für die ersten Patienten brauchen wir Impfstoffe. Es sind kleine Bengalkatzen, die ihre zweite Impfung erhalten. Die Züchterin wohnt am Bergl, hat den Zuchtkatzen ein eigene kleine Dachgeschosswohnung eingerichtet. Als wir das Zimmer betreten, sitzen die Kleinen vor dem Fernseher und verfolgen interessiert eine Dokusoap. "Sie müssen sich an die Geräusche in einer Wohnung gewöhnen", erklärt die Züchterin. Denn Bengalkatzen werden von ihren Besitzern wegen ihres hohen Wertes – die Jungtiere werden für 1000 bis 1200 Euro verkauft – im Haus gehalten. Mit ihrem spektakulär gemusterten Fell sehen sie aus wie kleine Leoparden. Und sind auch so wendig. Zu zweit muss man sie festhalten und dann ganz schnell die Spritze setzen.

    Im "Heimtierausweis" wird jede Impfung vermerkt. Foto: Anand Anders

    Lana, Lucy und Sirius gefällt das überhaupt nicht, und Mutter Aurora schaut auch ganz argwöhnisch zu. Die Tierärztin überprüft danach noch den Transponderchip, den sie bereits vor vier Wochen implantiert hat. Er sitzt hinter dem linken Ohr, fühlt sich wie ein Reiskorn unter der Haut an. Wenn die Katze einmal wegläuft und gefunden wird, kann man über den Mikrochip den Halter ermitteln.  Jede Katze besitzt zudem einen "Heimtierausweis". Darin sind Geburtsdatum, Name und Geschlecht aufgeführt, und hier wird auch vermerkt, welche Impfstoffe gespritzt wurden. Lana, Lucy und Sirius wurden gegen Katzenschnupfen und Katzenseuche geimpft. Zwei Wochen werden sie jetzt noch bei der Züchterin bleiben und dann an die neuen Besitzer verkauft. 

    Maniküre für Kaninchen Max

    Maniküre: Kaninchen Max werden die Krallen geschnitten. Foto: Anand Anders

    Weiter geht es nach Niederwerrn zu Kaninchen Max. Der "Deutsche Riese" hat offene Liegeschwielen.  Dagegen kann die Tierärztin wenig machen, es sind die negativen Begleiterscheinungen solcher Riesenzüchtungen. Die Kaninchen sind nämlich so groß und schwer, dass sie beim Sitzen immer die Fersenknochen belasten. Das führt dann zu einer Nekrose. Bei Max ist es ganz schlimm, weil seine früheren Besitzer ihn im Käfig auf einem Gitterrost hielten und er sich dadurch die Fersen komplett wund gescheuert hat. Frauchen Marion, die Max aus dem Tierheim holte, wo er mit seinen offenen Pfoten abgegeben wurde, hat ihm nun Söckchen mit Wattepolstern genäht. Auch eine Maniküre ist fällig, stellt Silvia Pfaff fest und zückt die Kneifzange. Max ist tapfer, lässt artig alles mit sich geschehen. Danach verkriecht er sich aber ganz schnell in seinem Körbchen. Sichtlich froh, die Prozedur überstanden zu haben.

    Für Labradorhündin Susa wird Salbe abgefüllt. Foto: Anand Anders

    Die nächste Patientin wartet in Poppenhausen. Die schwarze Labrador-Hündin Susa hatte früher immer große Angst vor dem Besuch in der Tierarztpraxis, erzählt ihr Frauchen. "Sie bekam regelrecht Panikattacken." Beim Hausbesuch von Silvia Pfaff ist das nun ganz anders. In der vertrauten Umgebung und im Kreis der Familie ist die Hündin viel entspannter, lässt sich bereitwillig untersuchen, gibt zur Begrüßung sogar Pfötchen. Susa hat ein Hämatom am Ohr. Ich setze die Stirnlampe auf den Kopf und leuchte der Tierärtzin, die das Ohr genau unter die Lupe nimmt. Eine Spezialsalbe muss täglich auf die Schwellung geschmiert werden. Während ich die nötige Ration in ein Schraubglas abfülle, erledigt Silvia Pfaff das Schriftliche. In ihrer Ein-Frau-Praxis muss sie alles selbst machen: Rechnungen schreiben, Medikamente bestellen, Termine vereinbaren, was eben so anfällt. Doch die 51-Jährig schätzt die Selbstständigkeit, nachdem sie viele Jahre im Angestelltenverhältnis tätig war. Zuerst als ausgebildete Tierarzthelferin und nach dem Medizinstudium als Tierärztin. 

    Stippvisite bei Riesenschnauzer-Babys

    Silvia Pfaff begutachtet die Riesenschnauzer-Babys. Foto: Irene Spiegel

    Noch zwei Hausbesuche stehen auf unserer Liste. Bei Hundezüchterin Cornelia Göttler in Dittelbrunn macht Silvia Pfaff nur eine kurze Stippvisite, um nach den sieben Riesenschnauzer-Babys zu sehen, die sie vor kurzem geimpft hat. Alles in bester Ordnung, die Kleinen sind topfit. Auch der Hundemama geht es gut. Der Züchterin gibt die Tierärztin noch ein paar Tipps zur Ernährung der Kleinen, die schon von der Muttermilch entwöhnt worden sind. Für alle sieben Hundebabys gibt es bereits Kaufinteressenten. In zwei Wochen sollen sie an die neuen Besitzer abgegeben werden. Dann herrscht erst einmal wieder etwas Ruhe im Haus.

    "Herr Süßmann" lebte bis kurzem auf einer Müllhalde. Foto: Irene Spiegel

    Und nun zum Highlight bei meinem Reporter-in-Betrieb-Einsatz: Herr Süßmann. Als ich ihn sehe und in den Arm nehme, ist klar, warum der kleine Kater "Herr Süßmann" heißt – weil er so ein süßer, braver, feiner Kerl ist. Der vier Monate alte Kater lebte in einer Katzenkolonie auf einer Müllhalde am alten Sennfelder Bahnhof.  Natascha Wothke von der Tierschutzorganisation Pro Animale hat ihn aus dieser Verwahrlosung gerettet. Er soll nun ein schönes Zuhause bekommen. Am liebsten würde ich Herrn Süßmann gleich mitnehmen. Doch so einfach geht das nicht. Vor einer Adoption muss das neue Zuhause erst einmal geprüft werden. Außerdem gebe es schon mehrere Interessenten für Herrn Süßmann, meint die zweite Vorsitzende der Tierschutzorganisation. Habe ich da überhaupt eine Chance? Um es kurz zu machen: Herr Süßmann hat vor zwei Tagen sein neues Zuhause bezogen – und es ist unser Zuhause.

    Tagblatt-Serie Reporter in Betrieb
    Mit unserer Serie „Reporter in Betrieb“ wollen wir über den Tellerrand schauen. Wir wollen wissen, wie geht es in anderen Berufsfeldern tatsächlich zu? Damit Sie, liebe Leserinnen und Leser des Schweinfurter Tagblatts, etwas davon haben, übernehmen wir Ihre Arbeit. Sie haben einen interessanten Job, den Sie uns zutrauen, dann melden Sie sich. Schreiben Sie Ihren Vorschlag, wen wir wo ersetzen sollen, an das Schweinfurter Tagblatt. Entweder per Post an Schweinfurter Tagblatt, z. Hd. Oliver Schikora, Schultesstraße 19a, 97 421 Schweinfurt, oder per Mail an red.schweinfurt@mainpost.de

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