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    KOLITZHEIM

    Auf der Suche nach der Balance in der Flur

    An der Flurneuordnung in Kolitzheim scheiden sich momentan die Geister. Gelingt die Gratwanderung zwischen Wirtschaftlichkeit und Ökologie? Das ist die spannende Frage.
    An der Flurneuordnung in Kolitzheim scheiden sich momentan die Geister. Gelingt die Gratwanderung zwischen Wirtschaftlichkeit und Ökologie? Das ist die spannende Frage. Foto: Norbert Vollmann

    Irgendwie scheint es mit der geplanten Flurneuordnung in Kolitzheim nicht richtig vorangehen zu wollen. Auch beim jüngsten Anlauf im voll besetzten Sportheim ist es den Verantwortlichen trotz aller Bemühungen nicht gelungen, in die richtige Spur zu kommen. So blieb am Ende des Abends der fast schon beschwörende Appell von Bürgermeister Horst Herbert, den Weg gemeinsam zu gehen. Doch noch ist die sowohl passende landwirtschaftliche als auch ökologische „Schlaglänge“ auf der Suche nach der „Balance“ zwischen Ökologie und Wirtschaftlichkeit nicht gefunden.

    Auch das zeigte der Abend aber deutlich: In umliegenden Gemeindeteilen und Ortschaften, in denen die Flurneuordnung vor nicht allzu langer Zeit abgeschlossen worden ist oder gerade in den Startlöchern steht, stößt es bei den Landwirten auf Unverständnis, dass in Kolitzheim der Widerstand und die Skepsis so groß sind.

    Kommt die Anordnung von Amts wegen?

    So könnte es jetzt durchaus zu der Konstellation kommen, die man seit nun bald eindreiviertel Jahren zu vermeiden versucht: Die Anordnung der Flurneuordnung von Amts wegen durch das für Unterfranken zuständige Amt für Ländliche Entwicklung in Würzburg ohne, dass es zu einer örtlichen Entscheidung gekommen ist.

    Ausschlaggebend ist am Ende einzig und allein die Abwägung des Handlungsbedarfes durch das Amt in Würzburg. Die Grundlage bildet der Antrag auf Flurneuordnung in der Kolitzheimer Gemarkung. Den haben die Gemeinde und die bestehende „alte“ Flurbereinigungsgenossenschaft im September 2016 gestellt. 2017 war im Rahmen einer „Flurwerkstatt“ ein grobes Konzept erarbeitet worden.

    In einer Zusammenkunft Ende Oktober 2017 waren die Verantwortlichen erstmals konkret mit verschiedenen Bedenken konfrontiert worden. Zugleich wurde ihnen eine Unterschriftenliste gegen die geplante Flurneuordnung übergeben. Das führte jetzt zu der weiteren öffentlichen Informationsveranstaltung für Grundstückseigentümer, Pächter, aber auch sonstige an dem Projekt interessierte Bürger.

    Konventionelle trifft auf ökologische Landwirtschaft

    Der Haken an der Sache in Kolitzheim ist, dass hier die konventionelle auf die von Michael Mäuser angeführte ökologische Landwirtschaft trifft. Im Lager, das der Bio- und Ökolandwirt um sich schart, sind die Bedenken und Vorbehalte groß. Es wird befürchtet, dass Natur- und Landschaftsschutz trotz „aller schönen Pläne“, um einen Ausgleich für die Eingriffe in den Naturhaushalt zu schaffen, am Ende auf der Strecke bleiben könnten, Tiere, Pflanzen und Natur somit die Verlierer sind.

    So ist vorgesehen, dass die Verhandlungen und Abstimmungen zum Beispiel mit der am Landratsamt angesiedelten Naturschutzbehörde in Bayern bei dem Verfahren erst in die entscheidende Phase treten, wenn ein konkreter Wege- und Gewässer-Erschließungsplan als Grundlage auf dem Tisch liegt. Dieser Zeitpunkt ist der Gegenseite in Kolitzheim zu spät, ja man kann schon sagen, zu riskant.

    Die Vorgehensweise der Naturschutzbehörde

    Die Kreisbehörde verweist jedoch darauf, dass das Flurbereinigungsverfahren Kolitzheim eben noch nicht angeordnet sei. Auch der jüngste Informationsabend habe rein dazu gedient, „eine Konsensbildung bezüglich der Beantragung einer Flurbereinigung zu erreichen“. Pressesprecherin Tanja Dannhäuser: „Wir bitten daher um Verständnis, dass die untere Naturschutzbehörde zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussagen zur geplanten Flurbereinigung treffen kann.“ Damit bestätigt das Landratsamt die Vorgehensweise seiner Naturschutzbehörde.

    Dennoch ist dieser Punkt den Kritikern ein wichtiges Anliegen. Michael Mäuser: „Wir mussten die Bremse reinhauen, weil es zu einseitig war. Erst kommt der Profit, dann irgendwann der Natur- und Landschaftsschutz, das ist mir zu spät. Wir müssen aufwachen und der Natur wieder etwas zurückgeben. Ich will überzeugt werden“.

    Rückendeckung bekam Mäuser von Erich Rößner. Der Alitzheimer ist Mitglied der Naturschutzwacht im Landkreis Schweinfurt, Naturführer und Vorsitzender der Gerolzhöfer Bund-Naturschutz-Ortsgruppe. Er beklagt vor allem, dass die „Maschenweiten“ zum Nachteil bestimmter Arten in der Flur größer würden und es Diskrepanzen zwischen Planung, Umsetzung und späterer Biotop-Pflege gebe.

    Verhärtete Fronten

    An den verhärteten Fronten konnte an diesem Abend auch der Umstand nichts ändern, dass die Gemeinde Kolitzheim unter Bürgermeister Horst Herbert und die bestehende Flurbereinigungsgenossenschaft mit Klaus Treutlein an der Spitze Eugen Köhler von der Hauptgeschäftsstelle Unterfranken des Bayerischen Bauernverbands in Würzburg und Peter Kraus, den Leiter der Abteilung Land- und Dorfentwicklung am Amt für Ländliche Entwicklung Unterfranken eingeladen hatten.

    Klaus Treutlein betonte, wie wichtig es für die Vorstandschaft sei, „es schwarz auf weiß zu haben“, in welche Richtung sie weitermachen solle. Allein sein Wunsch blieb auch diesmal unerfüllt, obwohl der Handlungsbedarf in seinen Augen objektiv ist.

    Eugen Köhler versuchte zwar die mit der Unterschriftenliste zu Papier gebrachten Argumente der Gegner ein Stück weit zu entkräften, vermied es aber tunlichst Öl ins Feuer zu gießen. Die Kritiker vermochte er jedoch nicht wirklich mit seinen Ausführungen zu zukunftsfähigen Bewirtschaftungsstrukturen durch eine gute Erschießung und Erreichbarkeit der Feldflur im Sinne der Eigentümer und Pächter bei gleichzeitigen Verbesserungen im Naturhaushalt zu überzeugen.

    Eugen Köhler: „Stillstand wäre Rückschritt“

    Stillstand wäre in seinen Augen aber Rückschritt. Er schlug deshalb vor, das genossenschaftliche Prinzip bei der Flurneuordnung zu nutzen und durch gemeinsames und konstruktives Handeln für einen Interessenausgleich zu sorgen.

    Stimmen aus umliegenden Dörfern

    Die Vorteile der Flurbereinigung in umliegenden Gemeindeteilen stellte zunächst Anton Bedenk als örtlicher Beauftragter der Teilnehmergemeinschaft in Herlheim heraus. Er sagte: „Unvorstellbar, wenn ich an die alten Zustände denke. Es gibt keinen Verlierer, es gewinnen zwei. Bei uns sind alle zufrieden“.

    Ähnlich äußerte sich Werner Herbert als örtlicher Beauftragter in Zeilitzheim: „Ich wüsste nicht, was wir verkehrt gemacht haben. Die Kritiker waren mit eingebunden und es war ein gutes Miteinander. Das Konzept ist gut und griffig.“

    Benedikt Schuster sprach für das laufende Verfahren in Unter- und Oberspiesheim. Dort seien über 90 Prozent dafür. Während der Planung habe man Vogel- und Naturschützer ins Boot geholt.

    Bisher nur Vorüberlegungen

    Peter Kraus vom Amt für Ländliche Entwicklung in Würzburg war es wichtig, zu betonen, dass es sich bislang nur um Vorüberlegungen hinsichtlich eines Wege- und Gewässernetzes handele. Er untermauerte: „Es besteht noch ein großer Handlungsspielraum innerhalb der eingeschlagenen Pflöcke“.

    Bürgermeister Horst Herbert verwies auf die maroden Betonwege. Sie seien kein Vergnügen, weder für die Landwirtschaft, noch für Spaziergänger, Radfahrer oder Freizeitsportler, die sie benutzen. Ohne neue Flurbereinigung würden allein die Erneuerung und der Ausbau der Wege das Vierfache kosten. Das sei nicht finanzierbar. Am dringenden Handlungsbedarf in Kolitzheim gebe es keine Zweifel.

    Wie geht es nun weiter?

    Wie geht es nun weiter? Bis Pfingsten will man intern das weitere Vorgehen abstimmen, so Johannes Krüger vom ALE in Würzburg. Die Fragen des Naturschutzes nehme man dabei sehr ernst. Deshalb würden momentan Überlegungen angestellt, im Vorfeld zur Verträglichkeit von Flurbereinigung und Naturschutz eine sogenannte Landschaftsplanungsstufe 1 bei einem Fachbüro in Auftrag zu geben, „um eine Tendenz zu haben“, auch wenn dies weitere Zeit in Anspruch nehme. Der Baudirektor schätzt, dass es ein halbes bis ein dreiviertel Jahr dauern wird, bis das Ergebnis der Untersuchungen vorliege. Auf diesem Wege könne man zum einen feststellen, welches Artenpotenzial vorhanden sei und zum anderen festlegen, was zu tun sei, um den Lebensraum dieser Arten zu erhalten.

    Beim Verfahren in Unter- und Oberspiesheim würde zum Beispiel der Ortolan von der engen Zusammenarbeit mit Landesbund für Vogelschutz, Bund Naturschutz und Unterer Naturschutzbehörde profitieren.

    Immerhin seien mittlerweile schon einmal die Kosten aufgrund der hohen Förderung kein Problem und Thema mehr, so Krüger. So ist er zuversichtlich, auch in Sachen Naturschutz in Kolitzheim eine Lösung zu finden.

    Moment ist es eher ein Kreuz mit der Flurneuordnung in Kolitzheim. Die von Michael Mäuser angeführten Gegner befürchten, dass die Natur als Verlierer vom Feld geht. Die Befürworter sind indes um einen Konsens bemüht.
    Moment ist es eher ein Kreuz mit der Flurneuordnung in Kolitzheim. Die von Michael Mäuser angeführten Gegner befürchten, dass die Natur als Verlierer vom Feld geht. Die Befürworter sind indes um einen Konsens bemüht. Foto: Norbert Vollmann
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