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    Kreis Schweinfurt

    BN: Eichenwälder nicht "vergiften"

    Schwammspinner auf einem Eichenblatt. Der Bund Naturschutz spricht sich gegen "flächige Vergiftungsaktionen" mit Insektiziden über Eichenwäldern aus. Derzeit können sich Waldbesitzer melden, die an der diesjährigen Insektizidbekämpfung teilnehmen wollen. Foto: Foto Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft

    Auch in diesem Jahr plane die Forstverwaltung, "in den nächsten Wochen Eichenwälder in vielen Landkreisen vom Hubschrauber aus flächig mit dem Insektizid Mimic (Wirkstoff Tebufenozid) zu vergiften", heißt es in einer Mitteilung des Bund Naturschutz (BN). Davon seien auch Eichenwälder im Landkreis Schweinfurt betroffen.

    "Notwendigkeit der Gifteinsätze nicht belegt"

    "Wir kritisieren, dass die Forstverwaltung das Insektensterben im Wald forciert, ohne, dass sie bisher belegen kann, dass die flächigen Gifteinsätze überhaupt notwendig sind, um die Eichenwälder in ihrer Substanz zu erhalten“, so Ralf Straußberger, Waldreferent des BN. Die Schweinfurter BN-Kreisgruppe appelliert an die Waldbesitzer und Kommunen im Landkreis "einem flächigen Gifteinsatz in ihren Wäldern nicht zuzustimmen“, so Kreisgruppenvorsitzender Edo Günther. Wortgleich denselben Appell haben auch andere unterfränkische BN-Kreisgruppen veröffentlicht.

    Der Schmetterling legt im Sommer seine Eier, etwa 400 bis 600 Eier umfasst ein Gelege. Im folgenden Frühjahr, im April, Mai schlüpfen die Raupen und begeben sich in die Baumkronen. Eine Raupe frisst etwa einen Quadratmeter Laub, bis sie ausgewachsen ist, und häutet sich sechs- bis siebenmal.

    Der durch die Klimakrise forcierte Fraß durch die Schwammspinnerraupen könne zum Ausfall einzelner Bäume führen, was sich laut einer Einschätzung der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) im Rahmen der üblichen Durchforstungsmengen bewegen dürfte. BN-Waldreferent Straußberger fordert von der Staatsregierung, "dass sie die Waldbesitzer angemessen entschädigt, die ihre Wälder nicht vergiften lassen, anstatt wie im letzten Jahr auf Staatskosten ein Insektensterben im Wald zu organisieren und durchzuführen“.

    Eichen mit höchstem "Insektenreichtum"

    Flächige Vergiftungen der sehr artenreichen Eichenwälder seien vor dem Hintergrund des sehr erfolgreichen Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ überhaupt nicht mehr zeitgemäß und der Bevölkerung vermittelbar, kritisiert der Mitteilung zufolge auch der Insektenexperte der BN-Kreisgruppe Schweinfurt, Gerhard Röthlein (Zeuzleben).

    Die regelmäßigen "Vergiftungsaktionen" in Eichenwäldern sind laut BN besonders schwerwiegend, weil die Eiche die Baumart mit dem höchsten natürlichen Insektenreichtum aller Waldbäume sei. Auf keiner anderen heimischen Baum- oder Pflanzenart lebten mehr Insektenarten als auf der Eiche, allein etwa 400 Schmetterlingsarten. Wegen der Vielfalt an Insekten, aber auch an Vogelarten, stünden viele Eichenwälder unter Schutz. Wegen früherer Gifteinsätze seien in den vergifteten Wäldern seltene Arten auch in Schutzgebieten verschwunden.

    Schon im vergangenen Jahr hatte es eine Massenvermehrung des Schwammspinners gegeben. Mimic versprüht wurde deshalb Ende April beispielsweise in Kronungen (Lkr. Schweinfurt). Im Juni 2018 schlugen Vogelschützer Alarm. Georg Rüttiger, Mitglied des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) aus Kronungen, kümmert sich seit Jahrzehnten um die Nistkästen in der Kronunger und Poppenhäuser Gemarkung und konstatierte damals: "So einen Totalausfall bei der Brut wie hier habe ich noch nie erlebt." Unserer Reporterin zeigte er damals bei einem Rundgang durchs den Wald die verlassenen Nester, die meisten mit Eiern darin, zum Teil angebrütet.

    Rüttigers Fazit: Weil Mimic nicht nur den Schwammspinner sondern sämtliche Raupen und Larven vernichtet hat, sei die Nahrungskette für die brütenden Kohl- und Blaumeisen, Kleiber oder Trauerfliegenschnäpper zusammengebrochen. Für ihre Aufzucht bräuchten die Vögel vor allem das Eiweiß der Schmetterlingsraupen.

    Anmelden für die Insektizidspritzung

    Im Herbst 2018 sei durch die Landesanstalt für Land- und Forstwirtschaft erhoben worden, wo wie viele Eigelege des Schwammspinners sich an Eichen befinden, informiert auf Anfrage Stephan Thierfelder, Bereichsleiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Schweinfurt. Es sei ausgewertet worden, welche Waldungen in der Region sie für gefährdet hält. Die Waldbesitzer der Gefährdungsflächen seien gefragt worden, ob sie sich für die Insektizidspritzung in diesem Jahr anmelden wollen. In der zweiten Aprilwoche dürfte das Ergebnis vorliegen, so Thierfelder.  

    Als aus Naturschutzsicht gefährdet identifizierte Waldgebiete könnten aus der Insektizidbekämpfung herausgenommen werden, so Thierfelder, ebenso Abstandsflächen etwa zu Gewässern. Der Schwammspinnerbefall habe sich seit der Massenvermehrung teilweise verschoben vom Mittelfränkischen in die hiesige Region. Die Staatsregierung habe zum Schwammspinner und dessen Bekämpfung ein wissenschaftliches  Begleitprojekt ins Leben gerufen, das auf drei Jahre angelegt sei. Dann würden "alle Seiten etwas klarer sehen". 

    Ende April könnte es losgehen

    Wann wo gegen den Eichenschädling gespritzt wird, hänge vom Austrieb der Blätter ab. Bei ähnlicher Witterung wie in den Vorjahren könne dies Ende April, Anfang Mai der Fall sein. Darüber werde die Forstabteilung des AELF rechtzeitig informieren, so Thierfelder.

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