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    Gerolzhofen

    Biene und Bahn passen zusammen

    Nicht mit Glyphosat, sondern mit "natürlichen Maßnahmen" wie Abholzen des Bewuchses, Drainagen und Ausmagern des Bodens will der Förderverein Steigerwald-Express die Strecke wieder fahrbereit machen, falls er der neue Eigentümer werden sollte. Das Bild entstand im völlig zugewucherten Bahnhof von Gerolzhofen. Foto: Norbert Finster

    Für ganz und gar nicht stichhaltig hält der Förderverein Steigerwald-Express das Argument von Bahngegnern, durch eine Wiederinbetriebnahme würde das Biotop vernichtet, das der Bahndamm derzeit bildet. Dieses Biotop wäre erst recht gefährdet, wenn die Strecke von Bahnbetriebszwecken freigestellt werden würde. Denn kein Interessent würde die Strecke kaufen, um dort den Lebensraum von seltenen Tieren und Pflanzen zu erhalten.

    Aber es könnte solchen Interessenten passieren, dass dann Naturschutzverbände mit dem Argument Biotopschutz auf den Plan treten, wenn es nach einer Freistellung um die Nachnutzung geht. Dann könnte sich für Käufer der Bahntrasse sehr schnell eine Habitatspflegepflicht ergeben, die ähnlich wie beim Denkmalschutz für Gebäude auch noch auf Kosten des Eigentümers laufen würde, teilt der Förderverein mit. Wenn wirklich soviel Wert auf Tier- und Pflanzenschutz gelegt werde, wie es die Bahnkritiker wollen, könnte das bedeuten, dass künftige Eigentümer die Schotterhaufen weiter vorhalten müssen und auch ein Abbau der Schienen als Störung von Fauna und Flora betrachtet werden würde.

    Schuss ins eigene Knie?

    Für Gemeinden, die auf Bahngrundstücke schielen, könnte ein Erwerb der Trasse also ein Schuss ins eigene Knie werden, sagt Andreas Witte vom Förderverein Steigerwald-Express. Nur wenn der Eisenbahnbetrieb wieder aufgenommen wird, seien keine Schutzmaßnahmen für die betroffene Tier- und Pflanzenwelt nötig, weil damit nur eine schon einmal bestehende Nutzung weitergeführt wird.  "Erfahrungsgemäß kommen Echsen mit einer stündlichen Regionalbahn auch ganz gut zurecht", erklärt Witte.

    Als absolut unzutreffend stuft der Förderverein eine Aussage der neu gegründeten Bürgerinitiative gegen die Bahn in Gochsheim ein. Danach sollen 50 Kilometer Bahnstrecke "von jeglicher Vegetation befreit und damit den Bienen und Insekten die Nahrung entzogen werden". Und das würde nachhaltig mit Glyphosat sichergestellt. Die Schädigung der Naturschutzgebiete im Hörnauer Wald und an den Sulzheimer Gipshügeln, sowie die Zerstörung des ökologisch wertvollen Brückenbiotops entlang der stillgelegten Bahnlinie werde von den Bahnbefürwortern in Kauf genommen, während Naturschützer und Bienenzüchter das Ganze sehr kritisch sehen würden.

    Kein einziges Mal sei von Bahnkritikern beim Verein nachgefragt worden, ob der denn Glyphosat einsetzen wolle. Das werde einfach so behauptet. Dabei soll nach Angaben von Andreas Witte genau das Gegenteil der Fall sein. Falls der Verein Eigentümer der Strecke werden sollte beziehungsweise eine Betriebserlaubnis für sie erhalte, sei eine chemische Unkrautbekämpfung weitestgehend ausgeschlossen. "Wir werden daran arbeiten, den Bahndamm abzumagern und somit nicht nur für Insekten ein grünes Band schaffen, sondern auch für uns den Arbeitsaufwand gering zu halten", heißt es. Chemische Unkrautbekämpfung sei für den Förderverein auch nicht budgetierbar, denn Priorität habe die Abzahlung und Umschuldung von Bürgschaften privater Förderer der Reaktivierung, falls der Verein die Strecke erwerben könne.

    Ausgeklügeltes Öko-Konzept

    Die Bahnfreunde sprechen zwar über ungelegte Eier, weil sie die Strecke ja noch nicht haben. Dennoch hat der Förderverein bereits ein ausgeklügeltes ökologisches Konzept für die Verkehrssicherungspflicht der Bahnlinie entwickelt, das auch über die Region hinaus Modellcharakter haben soll. Selbst wenn der neue Eigentümer Glyphosat als Waffe gegen den Bewuchs des Gleiskörpers ausbringen wollte, er dürfte es an dem meisten Stellen nicht. Denn Spritzmittel dürfen nur im unmittelbaren Gleisbereich eingesetzt werden. Weil zum Bahngrundstück aber auch ein bis fünf Meter Fläche links und rechts des Schotterdamms, manchmal auch mehr, gehören, würden nach Schätzung der Bahnbefürworter schon einmal 350 000 der rund 570 000 Quadratmeter Trassengrundstück bei einer chemischen Behandlung wegfallen, die zum Verkauf ausgeschrieben sind.

    Dazu kommen Bachläufe und Entwässerungsgräben, die nicht chemisch bearbeitet werden dürfen. Bei anderen Flächen, zum Beispiel innerhalb geschlossener Ortschaften, gibt es starke Einschränkungen wie zum Beispiel den Verwehungsschutz. Die in der Landwirtschaft gültigen Sonderprivilegien gelten für Bahnreaktivierer nicht. Über alle Anwendungen von Pflanzengiften müssten sie sich erst schulen lassen. Auch das koste Zeit und Geld für etwas, das der Verein gar nicht will.

    Glyphosat hilft wenig gegen Büsche und Bäume

    Selbst wenn die potenziellen neuen Streckeneigentümer spritzen wollten und dürften, würde das überhaupt weiterhelfen? Nein, sagt der Verein. Denn Spritzen bringe nur etwas gegen Gräser und Unkraut, nicht aber etwas gegen die holzigen Pflanzen, die erst einmal von der Strecke verschwinden müssten, um wieder einen Zug fahren zu lassen: Büsche, Dornengestrüpp, Rosen und kleine Bäume, meist Birken. Hier seien die Kettensäge und der Häcksler die erste Wahl. Glyphosat könnte Jungbäume zwar absterben lassen, doch dann stehen immer noch die Gerippe.

    Die bereits erwähnten Flächen neben der Strecke sind in den Augen des Vereins zu wenig, um sie für eine sinnvolle Nutzung zu verkaufen, aber zu viel, um sie ungenutzt zu lassen. Diese Flächen könnten auch auch einmal für Schallschutzmaßnahmen gebraucht werden. Auf ihnen hat der Verein 97 Stellen ausfindig gemacht, wo der Platz für die Aufstellung von Bienenkästen reicht. Hier könnten die Insekten Nahrungsalternativen zu den bäuerlichen Monokulturen finden. Hobby-Imker könnten ihre Völker gegen ein geringes Entgelt oder gegen die Bereitschaft, eine kleine Fläche zweimal im Jahr zu mähen, neben der Bahnlinie ansiedeln.

    Bahnfreunde sind aus der Region

    Es geht also darum, so wenig wie möglich organische Einträge zuzulassen, vor allem dort, wo die Strecke durch Waldstücke führt. Wenn kein humusbildendes Laub mehr da ist, wird es im Schotter schwierig für alles, was wachsen oder keimen will. Zweitens gelte es, Wasser durch Drainagen abzuleiten. Auch wenig Wasser hemme das Wachstum auf natürliche Art.

    So will der Verein das Wachstum an der Bahn mit natürlichen Mitteln einschränken, um seiner Verkehrssicherungspflicht nachzukommen. Ganz und für alle Zeit ausschließen kann er den völligen Verzicht auf Chemie allerdings nicht. So könnte es ein, dass durch Eisenbahnfahrzeuge invasive Pflanzen eingeschleppt werden, die schwer zu bekämpfen sind. "Aber dann werden wir viel moderner mit dem Thema Glyphosat umgehen, als uns seitens  der Leute mit den roten Plakaten am Balkon unterstellt wird", versichert der Verein. Die Mitglieder leben alle in der Region und wollen etwas für die Region erreichen. Deshalb würden auch die internen Widerstände gegen den Einsatz des Spritzmittels "unglaublich hoch sein", denn keines der Mitglieder werde mitmachen, Natur und Umwelt zu schädigen.

    Wo die Trasse durch Äcker und Wiesen führt, ist sie noch recht gut frei, berichtet Andreas Witte. Es sei machbar, mit ehrenamtlichen Kräften seitens des Vereins innerhalb von zwei Jahren die Strecke bewuchsfrei zu bekommen und dann in einen Jahresturnus überzugehen, der nach Bedarf leicht unterschiedliche Schwerpunkte setzt.

    Seine Visionen hat der Förderverein den Naturschutz- und Förderbehörden bisher noch nicht vorgestellt. Das soll erst geschehen, wenn man irgendwann einmal im Besitz der Bahnstrecke sein sollte.

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