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    Sömmersdorf

    Bröckelt in Sömmersdorf der große Gemeinschaftsgeist?

    "Jedes Wort versteht man, das auf der Bühne gesprochen wird", sagt Jutta Markert. Bei geöffnetem Fenster sei die Lärmbelastung bei Aufführungen auf der Sömmersdorfer Freilichtbühne enorm.  Foto: Anand Anders

    Sie gilt als Leuchtturmprojekt, die für 3,4 Millionen Euro mit einem gewölbten Zeltdach aufgewertete Freilichtbühne in Sömmersdorf(Lkrs. Schweinfurt). Jetzt beschwört dieses mit hohen öffentlichen Fördergeldern verwirklichte Großprojekt einen Konflikt herauf, der zu eskalieren droht. Anwohner der Waldbühne sprechen von einem "Supergau", was die Lärmbelastung anbetrifft. Sie wollen verhindern, was Bedingung für die Geldgeber war: die Freilichtbühne nicht nur alle fünf Jahre für die Fränkischen Passionsspielezu nutzen, sondern mit eigenen Inszenierungen und anderen gehaltvollen Veranstaltungen jährlich zu bespielen.

    Den Passionsspielen 2018 als Premierenveranstaltung unter dem neuen Zeltdach sollen nun regelmäßig Eigen- und Fremdinszenierungen auf der Sömmersdorfer Freilichtbühne folgen. Dagegen wehren sich Anwohner. Foto: Anand Anders

    "Verarscht, verraten und verkauft" fühlt sich Klaus Markert. Seit den ersten Überlegungen im Jahr 2008, eine feste Überdachung für die Freilichtbühne zu bauen, auf der seit 1957 alle fünf Jahre das Leiden Christi vom Verein Fränkische Passionsspiele inszeniert wird, habe er regelmäßig bei Bürgerversammlungen nach der zukünftigen Nutzung der Bühne gefragt. "Es wurde immer gesagt, dass nicht geplant sei, hier jährliche Veranstaltungen durchzuführen." Erst im Frühjahr 2018, als die Überdachung schon fast fertig war, habe der Passionsspielverein dann sein Nutzungskonzept mit jährlichen Veranstaltungen öffentlich vorgestellt. Und dagegen läuft Klaus Markert mit anderen Anwohnern der Steingrube, der Wald- und Ringstraße sowie der Straße am Münsterholz nun Sturm.

    Grundstückseigentümer gehen auf die Barrikaden

    "Das machen wir nicht mit." Zehn Grundstückseigentümer hat Markert nach eigenen Angaben bereits auf seine Seite. "Und es werden noch mehr." Beim Treffen in seinem Wohnzimmer sind neben Ehefrau Jutta fünf Betroffene dabei: Karin Durchholz, deren Haus 30 Meter Luftlinie von der Bühne entfernt steht, Erich Full, der den Bauplan nicht unterschrieben hat, Holger Engert, der selbst bei den Passionsspielen mitspielt, Reinfried Markert, der als Ringstraßenbewohner vor allem unter der Verkehrsbelastung leidet, und Michael Reith, der das offene Zeltdach für völlig ungeeignet hält. Eines stellen alle vorneweg klar: "Wir sind nicht gegen die Passionsspiele. Wir wollen die Tradition erhalten." Was sie aber nicht wollen, das sind jedes Jahr Veranstaltungen auf der Freilichtbühne. "Wir wollen die Passionsspiele, aber sonst nichts."

    "Wir können nicht mehr zurück."
    Robert König, Vorsitzender des Vereins Fränkische Passionsspiele

    Genau das aber scheint unmöglich. "Wir können nicht mehr zurück", sagt der Vorsitzende des Passionsspielvereins, Robert König. Denn die Fördergelder von EU, Freistaat, Bezirk, Landkreis, Diözese und Gemeindefür die freitragende Überdachung aus Stahl und Zeltmembran sowie für die neue Licht- und Bühnentechnik sind mit einer Zweckbindung versehen. "Wir müssen die Anlage kulturell nutzen", erklärt Bürgermeister Arthur Arnold. Dafür habe die Gemeinde sogar die Bürgschaft übernommen. "Die Bühne ist unsere Existenz", betonen die drei Vereinsvorsitzenden Robert König, Johannes Gessner und Norbert Mergenthal. Der Bürgermeister geht noch weiter: "Hier liegt die große Chance für die Entwicklung des ganzen Dorfes." 

    Lärmbelastung geht für die Anwohner "psychisch an die Grenzen"

    Als Grund für die kompromisslose Ablehnung von jährlichen Veranstaltungen geben die Anwohner die Lärmbelastung an. "Das geht psychisch an die Grenzen", sagt Jutta Markert. Im Passionsspieljahr 2018 sei es besonders schlimm gewesen. Neben den 18 Aufführungen gab es 23 Probentage, mehrere Gottesdienste, Führungen und andere Veranstaltungen auf der Bühne sowie in der angrenzenden Robert-Seemann-Halle. Hinzu kamen die Bauarbeiten an der Überdachung "mit sehr hohem Lärmpegel".  Jutta Markert hat genau Buch geführt: "Ab April gab es kein Wochenende, an dem nichts war." Zusammen mit den üblichen Vereinsfesten, die sich zum Großteil auch im Bereich dieses Wohngebiets abspielten, kommt sie auf rund 120 Tage, an denen die Anwohner "über die Grenzen des Ertragbaren" belastet worden seien. Das mache körperlich und seelisch krank.

    Als sehr belastend empfanden die Anwohner die Bauarbeiten an der Überdachung, weil die Hubsteiger mit ihren Piep-Geräuschen von morgens bis abends im Einsatz waren.
    Foto: Silvia Eidel

    Klaus Markert wirft den Verantwortlichen vor, die Anfragen und Sorgen der Anlieger "ignoriert, übergangen und abgetan" zu haben. Und er behauptet, dass die Auflagen in der Baugenehmigung bezüglich der Zahl der Veranstaltungen und der Höhe des Lärmpegels nicht eingehalten würden.

    Bürgermeister Arnold: "Wir halten uns streng an Recht und Gesetz."

    "Wir haben immer kommuniziert, dass es jährliche Kulturveranstaltungen geben soll", dementiert  Johannes Gessner diese Vorwürfe. Und Bürgermeister Arnold verweist darauf, dass auch im Rahmen der Dorfentwicklung der Ausbau der Bühne zu einem Kulturzentrum ständiger Sprachgebrauch gewesen sei. "Wir haben größtmögliche Öffentlichkeit hergestellt und immer angeboten, die Anwohner einzubinden." Was die Zahl der Veranstaltungen anbetrifft, "halten wir uns streng an Recht und Gesetz", verweist Bürgermeister Arnold auf die Nutzungsgenehmigung für besondere Ereignisse an 18 Kalendertagen im Passionsjahr und 16 in den Jahren dazwischen. Nur bei der Passion reize man das aus, in den Jahren dazwischen reduziere man freiwillig auf sechs beziehungsweise zehn Veranstaltungen bei den Eigenproduktionen. "Wir nehmen die Bedenken der Anwohner sehr ernst", versichern Bürgermeister und Vereinsvorstand. So werde noch ein Schallbegrenzer eingebaut, der die Einhaltung der Dezibelgrenzwerte gewährleiste. Auch die von Anwohnern geforderte Schallpegelmessung bei den Passionsspielen sei erfolgt. Sie ergab, dass "wir im Limit lagen". Das bestätigt das Landratsamt gegenüber der Redaktion.

    "Das ist an den Spielwochenenden ein regelrechter Belagerungszustand."
    Karin Durchholz, Anwohnerin der Freilichtbühne

    Den Anwohnern ist inzwischen auch der ganze Rummel zu viel. "Das ist an den Spielwochenenden ein regelrechter Belagerungszustand", sagt Karin Durchholz. Schon frühmorgens seien die ersten Besucher da, die letzten gingen spät in der Nacht. "Man hat überhaupt keine Privatsphäre mehr." Die Anwohner sehen dadurch einen Wertverlust ihrer Immobilie.

    Bürgermeister und Vereinsvorstand erkennen durchaus den Konflikt zwischen privaten und gemeinschaftlichen Interessen. Allerdings sieht man die "Widerspruchsführer" ebenfalls in der Verantwortung für die Entwicklung des Dorfes. "Es geht um das Allgemeinwohl, und das ist in Sömmersdorf klar definiert", lässt der Bürgermeister keine Zweifel an der Leuchtturmfunktion der Freilichtbühne aufkommen.

    Passionsspiele in Sömmersdorf. Foto: Anand Anders

    Die Freilichtbühne in Sömmersdorf wurde 1957 erbaut und bis 1998 alle fünf Jahre durch den Verein Fränkische Passionsspiele an Sonntagnachmittagen und ab 1998 auch an Samstagabenden bespielt. Seit 2003 gab es in der passionsspielfreien Zeit Eigenveranstaltungen. Begonnen hat es hier mit sechs Vorstellungen, die sich im Lauf der Jahre auf zehn erhöhten. Durch den Bau der festen Überdachung soll die Bühne zum Kulturzentrum aufgewertet werden. 

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