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    WETZHAUSEN

    Craheim und seine therapeutische Landschaft

    Kein Gut gleich der Freude des Herzens – der Sinnspruch im Franziskushof scheint auf Schloss Craheim Programm zu sein. Es ist ein unscheinbares Fleckchen, hinten am Hang, das den Geist des „Lebenszentrums für die Einheit der Christen“ irgendwie am Schönsten widerspiegelt: am sogenannten „Eheweg“, mit Nachdenkstationen zum Thema Familie und Kinder. Ein frommer Handwerker hat hier eine Hollywoodschaukel gestiftet, mit der sich ein Besucher unbeschwert hinaufschwingen kann, geradezu hinaus in die sommerlich-luftige Postkartenlandschaft, in Richtung der Martinskirche von Wetzhausen und dem alten Stammsitz der Freiherren Truchseß von und zu Wetzhausen. Der da oben wird es schon schaukeln, lautet wohl die Botschaft. Den Anstoß dazu geben muss der Mensch aber selbst.

    Die christliche Lebensgemeinschaft, die seit August 1968 im Schloss residiert und kontempliert, hat zu einem seltenen „Tag der Offenen Tür“ eingeladen, mit Grillen und Kinderprogramm. Der Festtag des Vereins beginnt mit einem ausgiebigen Open Air-Gottesdienst unterm Birkenkreuz, mit Posaunen, dem Oberlauringer Gospelchor „Voice of Glory“, dem geistlichen Leiter Pfarrer Heiner Frank (der vor Jahren aus der Lüneburger Heide hierhergekommen ist) und dem Rügheimer Dekan Jürgen Blechschmidt. Auch Elisabeth Freifrau von Truchseß gibt sich die Ehre.

    Der Dekan fordert die weit über 200 Besucher auf, durchzuhalten im Glauben, trotz der Außenseiterrolle, die Christen in der Gesellschaft heute hätten. Die Gedankenwelt hier oben wirkt so entrückt wie der etwas versteckte Hügel selbst, aber ebenso gut geerdet. Die himmlische Ruhe im hellen, freundlichen Grün erfreut selbst unfromme Seelen. „Am Anfang galten wir als Sekte“, sagt Siegfried Eisenmann, der mit den Gründervätern, darunter einem baptistischen, einem lutherischen und einem katholischen Geistlichen, auf den Pappelberg gekommen ist. Das Gelände wurde 1992 dann von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche übernommen.

    Der Buchhändler, Jahrgang 1944, ein herzlicher, in sich ruhender Pietist aus Tauberfranken, führt eine gar nicht mal so kleine Zahl von Gästen durch das Hauptgebäude: „Das jüngste Schloss in Deutschland, das durch eine alte Adelsfamilie gebaut worden ist.“ 1910 war das, der königlich-preußische Rittmeister Crafft Freiherr Truchseß von und zu Wetzhausen und seine Frau Clara, geborene Erhart, eine amerikanische Millionärin, suchten eine ebenso standes- wie zeitgemäße Bleibe: „Craheim“ leitet sich von ihren Vornamen ab. Fantastische 1,5 Millionen Goldmark, fast acht Millionen Euro, wurden verbaut, dafür gab es High Tech wie Stromgenerator und Haustelefon. Craheim sollte eigentlich eine Kopie des württembergischen Königsschlosses Solitude werden: Seine Majestät verbaten sich das Duplikat. Das Schloss, das länger Bestand hatte als Ehe und Monarchie, beeindruckt auch so: als Mischung aus dem „Gout Rothschild“ einer deutsch-amerikanischen Geldaristokratin, Kloster-Ersatz, fränkischem Adelssitz - und der verschiedensten Stilelemente, vom Rokoko über Empire und Klassizismus bis zum Jugendstil. Da ist die große Kuppelhalle, mit Ahnengemälden links und rechts an den Treppenaufgängen und einer Empore, deren Vorsprung wegen Einsturzgefahr nicht betreten werden darf.

    Es geht in Bibliothek, Speisesaal, den hellen Tiffany-Wintergarten, die noblen Gemächer der letzten Schlossherrin. Im Krieg wurde das Schloss Lazarett, später von den Amerikanern beschlagnahmt, es beherbergte ein Blindenheim der Inneren Mission, eine Schule mit Internat. Bevor die Lebensgemeinschaft ins „Haus der Stille“ kam, unterstützt von adeligen Förderern. 2003 wurden hier Szenen eines Kinderfilms gedreht: „Das Sams in Gefahr.“

    23 Erwachsene gehören der Lebensgemeinschaft heute an, dazu kommen fünf Schwestern der protestantischen Kommunität „Jesu Weg“. Für das einstige Vorwerk, den Franziskushof, hofft man, dass dort wieder ein katholischer Zweig entsteht. Die Begegnungsstätte bietet mit 138 Betten viel Platz für Seminare, Gebetsrunden, Familienfeiern und innere Einkehr. Entstanden sei man durchaus aus dem rebellisch-idealistischen Geist von 1968, nickt Siegfried Eisenmann. Als eine Art Glaubens-Kommune, die nach Begegnungen auf Kirchentagen die verstreuten Konfessionen wieder zusammenführen wollte. Um Gott und seinen Nächsten wirklich zu lieben, muss man sich erst einmal nahe sein, in Alltag, Gespräch und Gebet.

    Wobei die Idee der 68er-Kommunen selbst aus dem frühen Christentum kommt, meint Ruben Sill. Der Endzwanziger entstammt aus einer Bremerhavener Baptistenfamilie („die Eltern waren sehr gläubig“) und ist durch sein Freiwilliges Soziales Jahr nach Craheim gekommen, zur Kinder- und Jugendbetreuung: „Eigentlich wollte ich ins Ausland. Na gut, für uns ist Bayern Ausland.“

    Rebellion? Nein, als christliche Lebensgemeinschaft sei man heutzutage schon konservativ geprägt. An Nachwuchs herrscht dennoch kein Mangel: Auch der betriebswirtschaftliche Leiter Stefan Frank, der in einem modernen Nebengebäude wohnt, zählt zu den Jungen, mit Frau und kleinen Kindern. Einsam sei es gelegentlich schon hier oben, gesteht Siegfried Eisenmann, der nächste Supermarkt ist einige Kilometer entfernt. Und doch möchte er das Leben auf dem Berg nicht missen: „Es ist eine therapeutische Landschaft.“

    Am späten Nachmittag fällt Regen herab, der „Klosterhof“ des Schlosses bietet Zuflucht. Auf der langen Rückfahrt hängen Nebelschwaden über den Wäldern, Strohballen liegen in abgeernteten Feldern, zwischen stillen Fachwerkdörfern und sanften Anhöhen. Erst kurz vor der Stadt lässt sie einen langsam wieder los, die innere Einkehr von Schloss Craheim.

    Von unserem Mitarbeiter Uwe Eichler

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