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    Schweinfurt

    Das Finale war die eigentliche Überraschung

    Als am Ende der starke Beifall verklungen war, blieben doch noch Fragen offen. Vor allem die eine: Warum hatte das Konzert so begonnen, wie es begonnen hatte?
    Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der musikalischen Leitung von Francesco Angelico gastierte mit Flöten-Solistin Daniela Koch in Schweinfurt. Foto: Stefan Wildhirt

    Als am Ende der starke Beifall verklungen war, blieben doch noch Fragen offen. Vor allem die eine: Warum hatte die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz das Konzert, eine Hommage an Peter Tschaikowsky, so begonnen, wie sie es begonnen hatte? Denn am Anfang war nicht abzusehen gewesen, dass das Finale so mitreißend würde.

    Tschaikowskys „Francesca da Rimini“ steht eher selten auf den Spielplänen. Insofern kann man verstehen, dass ein Orchester bei dem ein bisschen fremdelt, dass nicht alles hundertprozentig sitzt, dass die Klänge unscharf werden. Zudem muss das Orchester gerade ein GMD-loses Jahr überstehen  zwischen Karl-Heinz Steffens (bis 2018) und Michael Francis (ab 2019). Da spielt man dann sicherheitshalber Schablonen: Wo laut, da laut (Hölle, Rache), wo leise, da leise (Liebe). Spannend ist das nicht.  Und Francesco Angelico, im Brotberuf Generalmusikdirektor (GMD) am Theater Kassel, war auch nicht der Mann, der das hätte ändern können. Man konnte bei ihm kein erzählerisches Konzept erkennen, keine emotionalen Kurven oder spannenden Übergänge. Gerade weil „Francesca da Rimmini“ nicht Tschaikowskys „Bestling“ und sich in ständigen Wiederholungen ergeht, hätte Angelico Differenzierungen finden müssen.

    Flöten-Solopart voller Klangfarben

    Teilenttäuschend war auch das G-dur-Flötenkonzert KV 313 von Wolfgang Amadeus Mozart. Daniela Koch war von Bamberg – da ist sie 1. Soloflötistin – herübergekommen, und sie spielte einen wunderbar differenzierten Solopart voller Klangfarbenwechsel, agogischen Differenzierungen und auch einer Portion Humor. Ihre Kadenzen wurden zu emotionalen Höhepunkten. Leider nahm das Orchester das Angebot nicht an, fand – zunächst – keine Antwort auf den Charme der Solistin. Schon der allererste Akkord war gefühllos, und an den Kadenzschlüssen gelang es dem Orchester nicht, die Stimmungen aufzunehmen und weiterzutragen. Man hätte sich das Ganze wesentlich kammermusikalischer gewünscht. Erst als sich Daniela Koch spielend zu den hohen Streichern umgedreht hatte und sie – vermutlich – freundlich  angelächelt hatte, entdeckten diese sie als Partnerin. Der dritte Satz geriet so, wie die beiden ersten auch schon hätten sein sollen.

    Gleichsam als angekündigte Zugabe spielte Daniela Koch  „Image“ für Flöte solo (1940) des Franzosen Eugène Bozza, ein echtes Schaustück, technisch zwischen Riesenintervallen und Flatterzunge, stilistisch zwischen Claude Debussy und Jean Françaix. Da war sie ganz ungestört bei sich, da konnte sie mit Effekten wuchern und trotzdem eine Gute-Laune-Musik erzeugen, weil die Schwierigkeiten völlig in den Hintergrund traten.

    Und dann die eigentliche Überraschung: Tschaikowskys 5. Sinfonie. In der war das  Orchester zuhause, und auch Francesco Angelico dirigierte nicht mehr hinterher, sondern vorneweg. Oder anders gesagt: Er hatte Konzepte: Das eine war Transparenz, das zweite Dramatik und das dritte eine prägnante Führung der Bläser. So entstand eine außerordentlich detailreiche Interpretation, die nicht nur die Architektur des großen Werkes sinnfällig verdeutlichte und manchen neuen Aspekt zu Tage förderte, sondern es wurden auch die inneren Zusammenhänge rund um das Schicksalsthema deutlich. Ein beeindruckender Auftritt der Ludwigshafener. Aber zwei Gewinner ragten heraus: Solohornist Andres Becker mit seiner absolut sauber gesungenen „Angststelle der Hornisten" zu Beginn des zweiten Satzes und – durch das gesamte Werk – die Gruppe der sechs Kontrabässe, die ein unglaublich engagierter, rhythmisch präsenter Spannungsmotor waren.

    Thomas Ahnert

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