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    SULZHEIM

    Das Mädchen auf dem Foto

    Ankunft von Vertriebenen aus dem Sudetenland im Juli 1946 im Grenzdurchgangslager in Furth im Wald. Das kleine Mädchen links im Bild kennt die Geschichte zum Foto. Foto: Repro: Ahles

    Neugierig und ein wenig ängstlich schaut das kleine Mädchen in Richtung Kamera. Der Mund ist leicht geöffnet. Eine Haarsträhne verdeckt ein Auge. Doch das scheint das Mädchen nicht zu stören. Es kuschelt sich auch nicht an die junge Frau, die es trägt. Die Körperhaltung ist vielmehr aufgerichtet, die Aufmerksamkeit auf die Umgebung gelenkt. Diese Eigenschaften, dieses intensive Beobachten und auf etwas Achtgeben, hat das Kind auch als erwachsene Frau nie verloren.

    Auf dem Weg ins Durchgangslager

    Das Foto vom 13. Juli 1946 ist auf vielen Büchern über Flucht und Vertreibung zu sehen. Es zeigt Sudetendeutsche, die meisten davon aus dem Ort Schönbrunn im Schönhengstgau. Insgesamt sind 1221 Sudetendeutsche mit diesem Transport gerade im oberpfälzischen Furth im Wald angekommen und auf dem Weg ins Grenzdurchgangslager.

    Die junge Frau auf dem Foto, die das Mädchen hochhält, wirkt angespannt, zugleich erschöpft. Ebenso die anderen Personen. Im Hintergrund ist ein alter Güterwaggon zu sehen. Es ist keine angenehme Reise gewesen.

    Rund 2000 Einwohner müssen Schönbrunn verlassen

    In Zwittau, heute Svitavy, ist der Zug vier Wochen zuvor gestartet. Der Ort Schönbrunn, heute Jedlová, hat 1939 laut einer Zählung 2144 Einwohner. Rund 2000 müssen ab 1945 ihre Heimat verlassen.

    Die Sudetendeutschen verlieren im Zuge der Vertreibung aus der Tschechoslowakei nicht nur ihren seit Jahrhunderten angestammten Platz in Böhmen und Mähren, viele auch ihr Leben – durch brutale Übergriffe, unmenschliche Strapazen, durch Suizid.

    Auch in den Gesichtern der Menschen auf dem Foto spiegelt sich das Erlebte der vergangenen Wochen wider. Sie haben kein Zuhause mehr, keine Besitztümer, dafür eine zutiefst gedemütigte Seele. Hinter ihnen liegt eine extrem beschwerliche Fahrt, vor ihnen eine ungewisse Zukunft. Sie hoffen, dass sie in ihre Heimat zurückkehren können. Die meisten haben sie nicht mehr gesehen.

    Beschwerliche Fahrt im Zug

    Arntrud Flaschka, so lautet der Name des Mädchens, ist zum Zeitpunkt der Aufnahme drei Jahre alt. Sie erinnert sich noch Jahrzehnte später an die Fahrt im Zug, an die Dunkelheit im Waggon, an die Enge, an die Niedergeschlagenheit der Erwachsenen, ebenso an das anfängliche Unwillkommensein in der neuen Heimat. „Bis heute kann ich geschlossene Türen nicht ertragen“, sagt sie. Egal, wo.

    Einige Familienmitglieder von Arntrud Flaschka sind auf dem Foto zu sehen. Sie haben den Rauswurf aus der Heimat rein äußerlich zwar überstanden. Innerlich werden die Wunden lange nicht heilen.

    Neuanfang im Allgäu

    Arntrud Flaschka und ein Teil ihrer Verwandten verschlägt es ins Allgäu, in den nahe von Kaufbeuren gelegenen Ort Lauchdorf. In der alten, leerstehenden Schule findet die Großfamilie Unterschlupf, manche für Jahre. „Das Zusammenleben hat mich geprägt.“

    Arntrud Ahles, so heißt das Mädchen von damals heute. In ihrem Wohnzimmer erzählt die 73-Jährige aus ihrem Leben, umringt von Familienerbstücken, etwa der Holzkiste ihres Großvaters Alois Bidmon, die er aus der alten Heimat mitnehmen konnte.

    In Lauchdorf wohnt Arntrud Ahles schon lange nicht mehr, auch nicht in Kaufbeuren, wo ihr Vater Arnold Flaschka, ein gebürtiger Oberschlesier und gelernter Zimmermann, Ende der 1950er Jahre ein Haus baut – „ein Zuhause für die ganze Familie“, sagt Arntrud Ahles. „Das hat viel Geld gekostet, deshalb konnte ich nicht Biologin werden; das wäre mein Traum gewesen.“ Sie wird Kontoristin.

    „Ich bin ein Familienmensch“

    Ihr Weg führt sie weiter nach Sulzheim im Landkreis Schweinfurt. Der Grund heißt Gerhard Ahles. Der Luftwaffenunteroffizier besucht ab 1960 in Kaufbeuren die Technische Schule. Ihm gefällt die hübsche Mitarbeiterin im Büro ungemein, so dass er ständig Tafelkreide bei ihr holt. Er nimmt all seinen Mut zusammen, lädt sie zum Kaffee ein. 1962 ist Hochzeit.

    Einige Jahre später ziehen die beiden in die Heimat von Gerhard Ahles nach Franken. 2012 feiert das Paar Goldene Hochzeit. „Ich bin ein Familienmensch“, sagt Arntrud Ahles, und freut sich über ihre drei Töchter, fünf Enkel und ihre Urenkelin.

    Gefühl der Traurigkeit

    Obwohl sie seit gut 45 Jahren in Sulzheim lebt, fühlt sie sich Lauchdorf nach wie vor eng verbunden. Ihr Geburtsort Schönbrunn löst in ihr eher ein Gefühl der Traurigkeit aus. Das hat mit der düsteren Zugfahrt zu tun – und auch mit ihrer Mutter Cäcilie Flaschka.

    „Ich weiß noch, dass ich als Kind auf alles geachtet habe, was die Erwachsenen machen.“ Arntrud Ahles hat Bilder im Kopf, die sie bis heute abrufen kann: die traurige Mutter im Zug, die weinende Mutter in Lauchdorf, wenn am Tisch über Vertreibung geredet wird. Auch 1975, als sie und ihre Mutter erstmals wieder Schönbrunn besuchen, fließen Tränen. Das Haus sieht unverändert aus. Das Wiedersehen nach fast 30 Jahren weckt heftige Emotionen.

    Der fremde Vater

    Eines der wenigen Fotos aus der alten Heimat zeigt Arntrud und ihre Mutter 1943 in Schönbrunn, also kurz nach ihrer Geburt. Zu sehen ist eine lachende, glückliche, junge Frau mit ihrem Baby. Der Mann fehlt. Er ist im Krieg, dann in Kriegsgefangenschaft.

    „Das ist dein Vater“, sagt die Mutter 1947 zu ihrer Tochter. Es ist ein Fremder für Arntrud. Sie liebt ihren Opa Alois. Er hat seine Familie in den Westen geführt, und er ist, solange sie denken kann, für sie da. Jemand anderes will sie nicht in ihr Leben lassen. Es dauert, bis Vater und Tochter sich aneinander gewöhnen – keine ungewöhnliche Situation in der Nachkriegszeit.

    Großer Familienzusammenhalt

    Überhaupt prüft Arntrud erst einmal, ob es jemand gut und ehrlich mit ihr meint. So muss auch Gerhard Ahles einige „Prüfungen“ bestehen, bis er ihr Herz endgültig erobert. Nach der Hochzeit lebt er mit seiner jungen Frau im Haus seiner Schwiegereltern. „Der große Zusammenhalt in der Familie hat mich sehr beeindruckt“, erzählt der heute 75-Jährige, „ich habe aber auch gemerkt, dass ich aus einer anderen Welt komme.“

    Gerhard Ahles ist ein „Einheimischer“, einer, der immer in Deutschland gelebt hat und seine Heimat nie unfreiwillig und Hals über Kopf verlassen musste. Die vielen Erzählungen bei Familientreffen haben jedoch sein Interesse für die Geschichte seiner Frau geweckt. Er erstellt Stammbäume, durchforstet Archive, lädt 2012 alle Familienmitglieder und deren Nachkommen, die es nach Ende des Zweiten Weltkriegs in alle Winde verstreut, nach Sulzheim ein. Denn nicht alle kommen 1946 nach Bayern.

    Nach einer Zusammenfassung der Universität Passau durchlaufen 618 961 Deutsche aus der Tschechoslowakei das Grenzdurchgangslager Furth im Wald. Insgesamt gibt es damals sechs bayerische Lager, über die rund 1,18 Millionen Menschen die amerikanische Besatzungszone erreichen. Glück im Unglück, so empfinden es viele. Etliche verschlägt es auch in die sowjetische Zone. Dort wollen die wenigsten hin. „Auch die beste Freundin meiner Mutter ist dort gelandet.“ Unfreiwillig.

    Abfahrt des Zuges verpasst

    Während der langen Fahrt von Zwittau nach Bayern hält der Zug mehrfach an. Die Frauen werden herauskommandiert und auf die Felder geschickt. Bei einem dieser Einsätze verpasst die Freundin der Mutter die Abfahrt und muss den nächsten Zug nehmen. „Sie ist später aus der DDR nach Kaufbeuren geflüchtet“, erzählt Arntrud Ahles.

    Beinahe wäre das auch Arntruds Mutter passiert. Auch sie muss immer wieder während der Fahrtunterbrechungen Bauern zwangsweise in der Landwirtschaft helfen. Sie kann jedoch, als sich der Zug in Bewegung setzt, auf einen anderen Waggon aufspringen. So kommt es, dass in Furth im Wald nicht die Mutter, sondern deren jüngste Schwester die kleine Arntrud auf dem Arm trägt. Die Tante, Wilma Bidmon, ist damals 17 Jahre alt. Auf dem Bild wirkt sie älter.

    Foto zeigt Moment der Ankunft

    Das Foto ist eine Auftragsarbeit. „Die Alliierten haben Kamerateams beauftragt, die Vertreibung zu dokumentieren“, hat Gerhard Ahles herausgefunden. Ein britischer oder kanadischer Fotograf soll den Moment der Ankunft festgehalten haben. Sein Name ist nicht bekannt, sein Foto unter den Sudetendeutschen berühmt.

    Es ist ein zeitgeschichtliches, häufig veröffentlichtes Dokument und steht exemplarisch für die Menschen, die diese Situation erlebt haben. Bald hängt das Foto auch in München im neuen Sudetendeutschen Museum. 2018 soll die Eröffnung sein.

    Arntrud Ahles sieht dieses Foto erst vor sechs Jahren das erste Mal – auf einem Treffen der Vertriebenen aus dem Schönhengstgau im mittelfränkischen Schwarzenbruck, wo auch viele Jugendliche aus Polen und Tschechien teilnehmen, die an einer Aufarbeitung der Vertreibung sehr interessiert sind, freut sich Arntrud Ahles. „Auf dem Foto habe ich damals meine Verwandten sofort erkannt“, sagt sie und zeigt auf die Personen im Bild. Und sie ist für einen Moment wieder das kleine Mädchen, das neugierig in die Welt guckt.

    Der Unterfranke Gerhard Ahles und seine sudetendeutsche Frau Arntrud. Foto: Ahles

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