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    Sömmersdorf

    Das Theaterdorf zeigt demonstrativ Gemeinschaftsgeist

    Die Kreuzigungsszene gehört zu den emotionalsten Momenten bei den Sömmersdorfer Passionsspielen und mit 70 Dezibel zu den immissionsstärksten. Sie liegt damit aber immer noch im gesetzlichen Rahmen. Foto: Anand Anders

    Die Sömmersdorfer wollen keinen Zweifel aufkommen lassen: Der große Gemeinschaftsgeist des Dorfes ist ungebrochen. Das demonstrierten sie am Montagabend in der Robert-Seemann-Halle. Für 100 Leute hatte der Passionsspielverein bestuhlt, eigentlich ausreichend für die obligatorische Jahres-Infoveranstaltung. 60 Stühle mussten nachgestellt werden. Immer mehr Menschen drängten in die Halle. Mitglieder und Mitspieler. Einheimische und Auswärtige. Junge wie Ältere. Und der Bürgermeister mitsamt seinem Gemeinderat. Die Halle war proppenvoll. Der öffentliche Protest von Anwohnern des Passionsspielgeländes gegen jährliche Kulturveranstaltungen auf der Freilichtbühne (wir berichteten) hat das Dorf mobilisiert. 

    Die Stimmung ist aufgeladen. Vereinsvorsitzender Robert König muss immer mal wieder zur Ruhe mahnen. Sein flammendes Plädoyer für die jährliche Nutzung des Spielgeländes - "Ohne Veranstaltungen gehen die Lichter aus, dann ist Sömmersdorf tot" - wird mit lautstarkem Applaus goutiert. Und als er verkündet, dass für 2019 die Verträge für die Musical-Shows Herr der Ringe und Abba sowie für ein Filmmusikkonzert so gut wie unterschrieben sind, brandet Beifall auf. Noch lauter wird geklatscht, als dritter Vorsitzender Norbert Mergenthal seinen Rückblick auf die Entwicklung des Passionsspielgeländes zum heutigen Kulturzentrum mit den Worten beendet: "Unser Gemeinschaftsgeist ist nicht gebröckelt, er ist mehr als je zuvor." 

    "Von außen kann sich niemand ein Urteil erlauben, wie belastend das ist."
    Klaus Markert, Anwohner

    Die Kritiker aus der Anwohnerschaft des Passionsspielgeländes haben einen schweren Stand. Wortführer Klaus Markert traut sich als einziger ans Mikrophon. Er wiederholt seine Vorwürfe, dass er über das tatsächliche Nutzungskonzept über Jahre hinweg getäuscht worden sei. Der Vereinsvorstand widerspricht vehement, verweist auf Bürgerversammlungen, Workshops zur Zukunft Sömmersdorfs und auf die Machbarkeitsstudie für das Gelände, die alle zum Ziel hatten, ein Kulturzentrum zu schaffen.

    Markert führt die hohe Lärmbelastung an: "Von außen kann sich niemand ein Urteil erlauben, wie belastend das ist." Die Antwort aus dem Publikum kommt prompt: "Ich hör's auch, na und", sagt eine Seniorin. Auf Markerts Vorschlag, eine anonyme Bürgerbefragung zur Nutzung des Spielgeländes zu machen, weil öffentlich sich ja niemand traue etwas dagegen zu sagen, geht niemand ein. Die Darstellung seiner Sicht der Dinge wird immer wieder von Zwischenrufen unterbrochen. Er muss sich mehrmals das Wort erkämpfen.

    Markert hält dem Verein vor, sich in der Vergangenheit nicht an das schon seit 2012 bestehende Nutzungskonzept gehalten zu haben. "Im Passionsjahr gab es wesentlich mehr als die zulässigen 18 Veranstaltungen." Er schätzt die Zahl inklusive der Proben auf 40 bis 50 und befürchtet, dass dies nun so weitergeht. "Ich bin nicht gegen die Passionsspiele, aber gegen die geplanten Massenveranstaltungen." Der Lärm mache krank. Und dann spricht Markert von "psychischem Terror" und "Mobbing". So würde nach Veranstaltungen nachts vor seinem Schlafzimmerfenster lautstark gesungen. Jüngst seien gar Knallkörper vor seinem Haus explodiert. Sogar ein führender Mandatsträger sei dabei gewesen. "Das ist nicht fair, was da abläuft."

    Johannes Gessner: "Der Schlussapplaus ist mit Abstand das Lauteste"

    Was den Lärm anbetrifft, belegt 2. Vorsitzender Johannes Gessner mit dem erstellten schalltechnischen Gutachten, dass die Veranstaltungen auf dem Gelände im gesetzlichen Rahmen liegen. Er wirft die Pegelausschläge von der Passion 2018 an die Wand: "Wir bewegen uns zwischen 60 und 80 Dezibel, das ist die Lautstärke eines Pkw auf zehn Meter Entfernung." Und: "Der Schlussapplaus ist mit Abstand das Lauteste." Lediglich die Kreuzweg-Szene erreiche Werte bis 70 Dezibel. Was die Messung auch zeigte: In der Pause herrscht ein konstant höherer Lärmpegel. Grundsätzlich sind bei Traditionsveranstaltung wie den Passionsspielen bis Mitternacht 70 Dezibel erlaubt, nach 24 Uhr 55 Dezibel. Bei anderen Aufführungen gilt die Höchstgrenze nur bis 20 Uhr, danach muss auf 65 beziehungsweise ab 22 Uhr auf 55 Dezibel reduziert werden. Das bedeutet:  Die Vorstellungen müssen um 22 Uhr beendet sein. "Daran werden wir uns halten", versichert Vorsitzender König.

    Einen Wermutstropfen gibt es für den Verein aber doch: Die Lärmgrenzwerte gelten auch für die Proben. Das hatte man im Passionsjahr 2018 nicht bedacht. Die nächste Passion im Jahr 2023 wird man deshalb nicht mehr so durchführen können. Der Vorstand ist noch ratlos. "Wir wissen nicht, wie wir dann die Proben abhalten können."

    Was für 2019 geplant ist, müsste doch zu schaffen sein."
    Arthur Arnold, Bürgermeister

    Viele melden sich nach den offiziellen Statements zu Wort. Egbert Pfeuffer ist auch Anwohner, findet alles nicht so schlimm und ärgert sich, dass während der Passionsspiele von Anwohnern die Polizei geholt wurde. "Die Sömmersdorfer wollen auch mal feiern, ein bisschen Musik und Spaß haben ." Kritiker Markert wirft er "Panikmache" vor.  Lautstarker Beifall.

    Emotional wird's bei der jungen Schauspielerin Johanna Kastner: "Die Bühne ist das Herz von Sömmersdorf, und das wird nicht aufhören zu schlagen." Wieder Applaus. Die Kritiker fordert sie auf: "Kommt einfach dazu. Ihr werdet herzlich aufgenommen. Ihr könnt so viel Spaß haben."

    Dann greift sich Jörg Kampe das Mikrophon. Der Herodes-Darsteller fällt mit seinem lautstarken Rundumschlag zurück in die Rolle des Bösewichts, schimpft über die öffentlich gemachte Kritik, kann nicht verstehen, "was hier passiert". Jubel und Applaus.

    Schließlich hat doch noch einer den Mut, ein bisschen Partei für die betroffenen Anwohner zu ergreifen. Winfried Worath findet, man hätte das Konzept besser kommunizieren können. "Das hätte uns viel Aufregung erspart."

    Bürgermeister Arthur Arnold als Schlussredner versucht, die Wogen zu glätten. "Was für 2019 geplant ist, das müsste doch zu schaffen sein." Er lässt gleichsam keinen Zweifel aufkommen, dass die Gemeinde das Nutzungskonzept unterstützt. "Wir stehen voll hinter dem Passionsspielverein." Vorsitzender König appelliert nochmal, den Konflikt beiseite zu legen und nach vorne zu blicken.  "Wir sind ein Theaterdorf, und wir wollen spielen." Dieser Abend solle der Startschuss sein.

    Programm des Passionsspielvereins 2019
    In Planung ist ein Veranstaltungswochende auf der Freilichtbühne vom 19. bis 21. Juni mit Herr der Ringe, Hans-Zimmer-Filmmusik und einer Abba-Show. Die Verträge sind noch nicht unterschrieben. Konkret zugesagt ist ein Treffen von Mundart-Theatergruppen aus ganz Deutschland vom 12. bis 15. September. In der Robert-Seemann-Halle und auf der Freilichtbühne werden Theaterstücke gezeigt und Workshops angeboten. Veranstalter ist der Bund deutscher Amateurtheater.

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