• aktualisiert:

    Schweinfurt

    Der "Lackkratzer" hört Stimmen im Kopf

    Zum Anklagevorwurf, 642 Autos zerkratzt zu haben, sagt der Angeklagte nichts. Dem 26-jährigen Ex-Studenten könnte aber etwas anderes drohen als eine Haftstrafe.
    Vor Prozessbeginn versteckt sich der Angeklagte, der im Frühjahr 2018 in sieben Tatserien 642 Autos verkratzt haben soll, sein Gesicht. Rechts sein Verteidiger Bernhard Löwenberg.  Foto: Stefan Sauer

    Gleich zu Prozessbeginn berichtet die Vorsitzende der Großen Strafkammer am Landgericht Schweinfurt, dass es schon vor Monaten Verständigungsgespräche der Verteidigung mit dem Gericht und der Staatsanwaltschaft gegeben habe. Es ging darum, ob und auf welche Zahl von Sachbeschädigungstaten die Anklage beschränkt werden und welches das maximale Strafmaß wäre, wenn der Angeklagte ein Geständnis ablegt. So kann es laufen, wenn es etwa angesichts der Vielzahl von Autolackkratzereien, die öfters vorkommen und nicht nur von einem Täter begangen werden, Beweisprobleme gibt.

    Kein "Deal" in Sicht

    Zum einem "Deal" kam es letztlich nicht, weil in diesem Fall statt einer Gefängnisstrafe eine Unterbringung des Angeklagten in der Psychiatrie im Raum steht, wenn etwa Schuldunfähigkeit aufgrund einer Erkrankung vorliegt. Im Gerichtssaal ist ein psychiatrischer Sachverständiger, dessen Gutachten am Ende mit entscheidend ist, ob für den Angeklagten statt der Verurteilung zu einer Haftstrafe eine prinzipiell zeitlich unbefristete Unterbringung in einer Anstalt angeordnet wird. Darüber sei eine Verständigung nach der Prozessordnung nicht möglich, so die Kammervorsitzende.

    Die "Sachbeschädigung" von 642 Autos hat laut Anklage in sieben Tatserien in Schweinfurt, Würzburg und Veitshöchheim stattgefunden. 24 Verhandlungstage sind angesetzt, wohl weil das Gericht mit einer zeitaufwendigen Beweisführung rechnet. Denn ohne "Deal" legt der Angeklagte auch kein Geständnis ab, sondern macht von seinem Recht zu schweigen Gebrauch, so sein Verteidiger. Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft eine Anklage mit 37 Tatserien mit 1700 beschädigten Autos und einer Schadenssumme von 2,3 Millionen Euro vorgelegt. Diese Anklage ließ das Gericht nicht zu, sondern dampfte sie um 70 Prozent ein. Die zugelassene Anklage kommt auf einen Gesamtschaden von "nur" noch 930 422 Euro.

    "Ziemlich zügig" durchgekratzt

    Gefasst wurde der Angeklagte in der Nacht des 19. April 2018 kurz nach 3 Uhr. Eine 31-jährige Friseurin hatte dank des offenen Schlafzimmerfensters Kratzgeräusche gehört und einen dunkel gekleideten Vandalen mit Kapuze beobachtet: "Er lief an den Autos entlang , zerkratzte Motorhaube, vordere und hintere Seitentür." Das habe er bei jedem Fahrzeug so durchgezogen. "Die Bewegungen waren alle gleich und ziemlich zügig", so die Zeugin.

    Die Frau rief die Polizei, die blitzschnell vor Ort gewesen sei. Ein Streifenwagen war im Schweinfurter Stadtteil Gartenstadt nur "zwei Straßen weiter unterwegs", sagt ein Polizeizeuge. Die Streife fuhr ein paar Straßen ab und stieß auf den Angeklagten. Spazieren gehe er, habe er gesagt. Er wolle "sich die Beine vertreten". Das klang für den Polizisten wenig einleuchtend. Er habe Schuhe getragen, dessen Profil bei einem bereits bekannten Fall von Autolack-Kratzerei sichergestellt worden sei. Also wurde der Verdächtige vorläufig festgenommen.

    Führen Stimmen ihn durchs Leben?

    Zum Tatvorwurf habe sich der 26-Jährige laut Polizeizeugen nicht geäußert. Sonst sei er mitteilsam gewesen, habe von "Stimmen im Kopf" gesprochen", so ein Polizist. Seit drei Jahren habe er Stimmen im Kopf, die er nicht abstellen wolle, weil er sonst niemanden mehr habe, "der ihn durchs Leben führt".  Zuletzt war der mutmaßliche Autokratzer als Student der Wirtschaftswissenschaften an der FH in Schweinfurt eingeschrieben. Jetzt arbeite er als Reinigungskraft, sagt er. Der Prozess wird am 20. Januar fortgesetzt.

    Fotos

      Kommentare (8)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!