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    Gerolzhofen

    Der Volkswille im Rathaus

    Eine besondere Rarität ist unlängst im Finanzamt in Schweinfurt aufgetaucht. Dort hat diese kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Aufnahme der Gerolzhöfer Spitalstraße die Zeit seit der Auflösung des Finanzamtes Gerolzhofen im Zuge der Landkreisreform überdauert. Foto: Norbert Vollmann

    Eine besondere Rarität ist unlängst beim Aus- und Umräumen eines Zimmers im Finanzamt in Schweinfurt aufgetaucht. Die Rede ist von einer historischen Abbildung der Gerolzhöfer Spitalstraße, die aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg stammen muss. Da hat auch unser Redaktions-Mitarbeiter Thomas Heß aus Gerolzhofen gestaunt, der im Finanzamt arbeitet. Er hat das großformatige Bild daraufhin erst einmal abfotografiert und in seinem Arbeitszimmer in Sicherheit gebracht.

    Die Fotografie wirft bei näherer Betrachtung vor allem einen höchst interessanten Blick auf die Zeitungslandschaft unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als die meisten Tageszeitungen nach dem Missbrauch für die Propagandazwecke der Nationalsozialisten von der US-Militärregierung verboten waren und erst nach und nach wieder neue Lizenzen erteilt wurden. Der Steigerwald-Bote musste zum Beispiel bis September 1949 auf die Wiederzulassung warten.

    Das Bild könnte durchaus noch aus Zeiten des ehemaligen Finanzamtes in Gerolzhofen stammen, indem es beim Umzug nach Schweinfurt mitgenommen worden ist. Das Finanzamt war bekanntlich im heute von der Caritas genutzten Amtsvogteigebäude untergebracht gewesen. Im Zuge der Auflösung des Landkreises Gerolzhofen 1972 ging auch diese Behörde der Stadt 1973 endgültig verlustig. Vielleicht war das aufgehängte Bild aber auch nur eine Reminiszenz eines Finanzbeamten aus Gerolzhofen an diese Zeit. Wer das Bild wann und warum im Finanzamt aufgehängt hatte, ist jedenfalls unbekannt. Fest steht nur, dass es den Umzug vor 14 Jahren in Schweinfurt von der Friedenstraße ums Eck in den Neubau in der Schrammstraße mitgemacht hat.

    Was sich so alles verändert hat

    Heute sieht natürlich alles etwas anders in der Spitalstraße in Gerolzhofen aus als auf der Aufnahme, die den Blick von der Spitalkirche und dem Kaiserhof auf das Alte Rathaus und die Stadtpfarrkirche zeigt. Besonders auffällig sind:

    1. Die vorhandenen Gehsteige mit den Hochborden zur Straße hin.

    2. Die Durchfahrt zum Marktplatz ist für den Verkehr offen.

    3. Der „Kaiserhof“ ist noch Hotel „mit warmen und kalten Speisen, gepflegten Weinen und Fremdenzimmern“.

    4. Über dem rückwärtigen Eingang zum sogenannten Küchenbau des damaligen Rathauses ist das Schild mit der Aufschrift „Der Vol...“ zu erkennen.

    Als dieses Foto gemacht wurde, gab es die Geschäftstelle und Redaktion des "Volkswillen" bereits im Gerolzhöfer Rathaus nicht mehr. Das Fachwerk des Küchenbaus wird erst 1957 wieder freigelegt. Foto: Sammlung Klaus Vogt

    Letzterer Punkt ist besonders interessant: Bei der hier untergebrachten Redaktion handelte es sich nämlich um die der Zeitung „Der Volkswille“. Dieser war nach dem Zweiten Weltkrieg als erste Zeitung in der hiesigen Gegend von der US-Militärregierung in Schweinfurt „fur Main, Rhon und Steigerwald“ sowie als „Anzeiger fur Schweinfurt Stadt und Land“ zugelassen worden. Der „Volkswille“ erschien erstmals am Montag, 15. Juli 1946. Zu dieser Zeit waren die Zeitungen im Landkreis Gerolzhofen, allen voran die Lokalzeitung „Der Steigerwald-Bote“, noch auf geraume Zeit von den neuen Machthabern verboten.

    Papiermangel schränkt Erscheinen und Umfang ein

    Der offiziell an jenem Montag im Juli 1946 auf den Markt gekommene „Volkswille“ erschien wegen des Papiermangels zunächst nur an zwei Tagen in der Woche mit einem sehr begrenzten Umfang, und zwar dienstags und freitags. Dem „Steigerwald-Bote“ wurde wie dem „Schweinfurter Tagblatt" die Lizenzierung durch die Amerikaner bis 1949 verweigert. Solange war der „Volkswille“ in der Region die einzige genehmigte Tageszeitung und somit bis auf die „Main-Post“ im fernen Würzburg als Nachfolger des „Würzburger General-Anzeigers“ lange alternativ- und konkurrenzlos.

    Die offizielle Wiedergeburt des Steigerwald-Bote erfolgte mit dem Erscheinen der ersten regulären, von Verleger Joseph Teutsch generalstabsmäßig vorbereiteten Nachkriegsausgabe am Donnerstag, 1. September 1949. Der im Verlagshaus in der Weiße-Turm-Straße produzierte und gedruckte „Bote“ hatte dabei einen großen Vorteil gegenüber dem „Volkswillen“. Dieser erschien 1949 zwar immerhin schon an drei Wochentagen (Montag, Mittwoch und Freitag), der Steigerwald-Bote aber eben nun an allen sechs.  Das war ein großer Vorteil für das Heimatblatt.

    Der "Volkswille" und sein Niedergang

    Dazu kam natürlich die Bodenständigkeit aufgrund der Treue der Leser in Stadt und Landkreis zu „ihrer“ Heimatzeitung. Daraufhin verlor der "Volkswille" ebenso wie durch die in Schweinfurt in Gestalt des „Tagblatts“ neu erwachsene Konkurrenz immer mehr an Auflage. In den 1950er-Jahren fusionierte er schließlich mit dem katholischen „Volksblatt“. Daraus entstand die „Schweinfurter Volkszeitung“.

    Die Spur zur Redaktion des „Volkswillen“ im Gerolzhöfer Rathaus führt über Wilhelm Stettner. Er war Redakteur der Zeitung für den Raum Schweinfurt und Gerolzhofen.

    Der am 27. Dezember 1917 geborene Journalist wohnte seit Mitte Oktober 1943 in Gerolzhofen im heutigen Anwesen Bürgermeister-Weigand-Straße 16 zur Untermiete. Das ist das Eckhaus zur westlich angrenzenden Friedenstraße. Unmittelbar daneben befand sich im Osten in der heutigen Hausnummer 16 das Lagerhaus-Grundstück der Gebrüder Wolf & Sickenberg mit dem Wohnhaus des Kaufmanns Karl Wolf und seiner Frau Antonie, einer geborenen Sickenberg.

    Wilhelm Stettners Spuren

    Wilhelm Stettner war an der Seite von Karl Schraut stellvertretender Vorsitzender der so genannten Spruchkammer in Gerolzhofen gewesen. Das aus einem un- oder zumindest minderbelasteten Juristen sowie örtlichen Laienrichtern zusammengesetzte „Gericht“ hatte im Rahmen der von den Siegermächten geplanten Entnazifizierung Deutschlands über die Schwere der Schuld und Verstrickung der vorgeladenen Personen zu befinden. Im Oktober 1946 trat Stettner aus „gesundheitlichen Gründen“ von dem offenbar äußerst undankbaren Amt zurück.

    Für die CSU gehörte Wilhelm Stettner seit der ersten, wieder freien Kreistagswahl am 28. April 1946 dem ersten Kreistag im Landkreis Gerolzhofen nach dem Zweiten Weltkrieg an. Der gebürtige Nürnberger war es auch, der die Mustersatzung zur Gründung des Orts- und Kreisverbandes im September 1945 aus Schweinfurt mit nach Gerolzhofen gebracht hatte.

    Aus der Zeit um 1960 stammt dieses Foto der Spitalstraße mit Blick auf  Rathaus und Stadtpfarrkirche. Die Zeitung "Der Volkswille" im Küchenanbau gibt es da schon nicht mehr, aber noch Zeitschriften. Foto: Sammlung Klaus Vogt

    Zum Vorsitzenden sowohl des CSU-Ortsverbandes als auch des CSU-Kreisverbandes Gerolzhofen war jeweils der Gerolzhöfer Schneidermeister Hans Mattmann gewählt worden. Dieser berichtete später, dass er den Schritt im Auftrag der US-Militärregierung sowie auf Bitten von Stadtpfarrer Dr. Joseph Hersam und Redakteur Wilhelm Stettner vorgenommen hatte.

    Dieser Umstand und Hinweis legt nahe, dass Wilhelm Stettner ein sehr enges und vertrauensvolles Verhältnis mit dem am 12. Oktober 1948 gestorbenen Stadtpfarrer und Dekan Dr. Joseph Hersam gepflegt haben muss. Nachdem die Glanzzeit des „Volkswillen“ vorüber war, verließ der Journalist Stettner wieder die Stadt, um als Redakteur zur Fränkischen Landeszeitung in Ansbach zu wechseln.

    Als freie Mitarbeiterin verfasste übrigens zeitweise auch die Gerolzhöferin Hildegard Zrenner (später Niemand) Berichte für die Zeitung „Der Volkswille“.

    Fachwerk 101 Jahre unter Putz

    Das Fachwerk am Küchenbau war übrigens zur Feier „600 Jahre Stadt Gerolzhofen“ im Jahr 1957 freigelegt worden. 101 Jahre hatte es zuvor unter Putz geschlummert.

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