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    Handthal

    Der Wald im Würgegriff des Klimawandels

    Unübersehbar sind die Schäden an den Buchen aufgrund der Hitze- und Trockenjahre 2015 und 2018 in Handthal am Hang gegenüber vom Steigerwald-Zentrum. Dabei galt die Baumart bislang in Zeiten des Klimawandels als sehr widerstandsfähig.  Foto: Stephan Thierfelder

    Der Klimawandel setzt Unterfrankens Wäldern dramatischer zu als angenommen. Örtlich herrscht fast schon eine gewisse Endzeitstimmung. In Handthal haben nun Waldbesitzer und Forstleute eine eindringliche Resolution verabschiedet.

    Die, die hier im vollen Saal des Steigerwald-Zentrums in Handthal zum 11. Unterfränkischen Gemeinde- und Körperschaftswaldtag zusammensitzen, stehen allesamt nicht nur annähernd im Verdacht, sich bislang als Spinner oder Ideologen hervorgetan zu haben. Umso schwerer wiegt das, was die Waldbesitzer und Forstleute am Ende in eine einstimmig verabschiedete Resolution gießen. Dort heißt es: „Örtlich ist die Situation in Unterfranken so zugespitzt, dass es künftig nicht mehr um eine Bewirtschaftung des Waldes gehen wird, sondern rein um dessen Erhalt.“ Iphofens Bürgermeister Josef Mend hatte als Vorsitzender des Bezirksverbandes Unterfranken des Bayerischen Gemeindetages zur Annahme der vorbereiteten Resolution aufgerufen.

    Das wird an diesem Vormittag klar: Unerbittlich und immer schneller hält sich der Tod an immer mehr Baumarten schadlos. Die Apokalypse wirft quasi ihre Blätter voraus. Der Wettlauf um die Rettung des Waldes hat längst begonnen.

    Ein Tagungsteilnehmer bringt die alarmierende Situation auf den Punkt, als er sagt: „Wir sind am Anfang einer irren Entwicklung.“ Ein Kollege formuliert es drastischer: „Wir sehen die Kampfzonen bereits jetzt, 2019, nicht erst im fernen Klimawandel.“

    Ein aufrüttelndes Bild hatte bereits zum Auftakt Stephan Thierfelder, Vorsitzender der Bezirksgruppe Unterfranken im Bayerischen Forstverein, gezeichnet. Allerdings sieht er in den Schäden 2019 bei allen Sorgenfalten auf der Stirn auch eine Chance. Der Forstmann machte deutlich: „Mit 2015/2018 ging die Türe einen kleinen Spalt auf. Durch ihn können wir bereits jetzt in die Zukunft des Klimawandels und seine Auswirkungen blicken. Sozusagen im Echtbetrieb – nicht nur über wissenschaftliche Modellierungen.“ Mehr denn je gefragt sei die Weiterentwicklung der Zukunftskonzepte für stabile Wälder.

    Wird die Rußrindenkrankheit auch für den Menschen zur Gefahr?

    Erstmals könnte die Lebensgefahr, denen immer mehr Baumarten in Unterfranken als einem Hitze-Hotspot in Deutschland ausgesetzt sind, auf den Menschen übergreifen. Rußrinden-Krankheit heißt das Menetekel an der Borke. Die Pilzinfektion hat sich in kurzer Zeit bereits flächig an Ahornbäumen im Landkreis Schweinfurt und andernorts ausgebreitet. Welche Auswirkungen sie eventuell auf den Menschen haben kann, wird gerade erforscht. Sollten die Sporen beim Einatmen durch den Menschen etwa zu Entzündungen der Lungenbläschen führen, wäre dies das Ende des unbeschwerten Waldspaziergangs.

    Was die Waldbesitzer und Forstleute bei dieser gemeinsamen Veranstaltung der Bezirksgruppe Unterfranken im Bayerischen Forstverein sowie des Bezirksverbandes Unterfranken des Bayerischen Gemeindetages so umtreibt, sind die Symptome, die sie bisher in dieser dramatischen Dimension weder aus dem Lehrbuch noch der langen Praxis gekannt haben. Nicht umsonst heißt das Thema der Tagung: „Hitzejahr 2018: Sichtbare Spuren des Klimawandels in den Wäldern Unterfrankens.“

    Die leidende Buche am Steigerwaldanstieg

    Bereits bei der Anfahrt zum Steigerwald-Zentrum können die Teilnehmer in den vor ihnen sich erhebenden Wäldern des Steigerwaldanstiegs die Schäden des Hitzejahres 2018 speziell an der bislang für besonders robust gehaltenen Buche gut erkennen. Aber auch Kiefer, Lärche, Hainbuche, Esche und andere Baumarten leiden, wie man es sonst bisher nur von der sturm- und käferanfälligen Fichte kannte.

    "Wir sind am Anfang einer irren Entwicklung."
    Ein Teilnehmer am Unterfränkischen Gemeinde-und Körperschaftswaldtag 

    Mit den trocken-heißen Jahren 2015 und 2018 haben kurz hintereinander zwei Extremereignisse auf den unterfränkischen Wald eingewirkt. Neu war, dass es im Vergleich zu früher keine Erholungspause mehr gab. Die bereits 2018 auffälligen Schäden sind in 2019 noch viel deutlicher in den Wäldern sichtbar. Besonders beunruhigend ist dabei trotz regionaler Unterschiede, dass auch Baumarten, die seit Jahrtausenden von Natur aus in Unterfranken wachsen und denen bisher für die Zukunft im Klimawandel ein geringes Risiko attestiert wurde, örtlich schlicht vertrocknet oder verbrannt sind. Dies gilt gerade für die Buche.

    Der Wald schwächelt zum ungünstigstem Zeitpunkt

    So schwächelt der Wald ausgerechnet in einer Zeit, in der er als Helfer im Kampf gegen den Klimawandel als großer Kohlenstoff-Katalysator, durch seine verschiedenen Schutzfunktionen oder als Klima-Oase bei Hitze nie wertvoller war und ist als heute, um der Erdüberhitzung mit ihren immer sichtbareren Folgen wenigstens einigermaßen zu trotzen. So heißt es dann auch schon fast flehentlich in der Resolution: „Wir brauchen neue Waldstrategien jetzt!“.

    So präsentierten sich die Eichen im Raum Poppenhausen Ende Juni nach dem Kahlfraß durch Raupen des Schwammspinners. Foto: Stephan Thierfelder

    Der Klimawandel ist also keine Zukunftsprognose mehr am fernen Waldhorizont, sondern wirkt sich bereits heute unmittelbar auf die Wälder vor der Haustür und ihre Waldbewirtschaftung aus. Dass Hitze und Trockenheit schon jetzt für viele Baumarten problematisch, ja tödlich sind, ist aber nur die eine Seite. Parallel dazu werden Insektenplagen wie an der Eiche, Sturmwurfereignisse und Waldbrände zunehmen.

    Es ist nichts mehr im Wald wie es jahrhundertelang war

    Jahrhunderte alte Erfahrungen und Methoden der Forstwirtschaft stehen auf einmal in Frage. Die Veränderungen stellen neue Herausforderungen an alle, die für den Wald Verantwortung tragen. Kein Wunder, dass den Waldpraktikern- und -fachleuten der Waldboden buchstäblich immer heißer unter den Füßen wird.

    Die unterfränkischen Gemeinden und Körperschaften sowie der Forstverein appellieren so in der besagten Resolution an Öffentlichkeit und Entscheidungsträger, das dramatische Schadensausmaß der neuen Entwicklungen bewusst wahrzunehmen und daraus energisch die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Ferner an Fachverwaltungen und Forschungseinrichtungen, umgehend aktualisierte Zukunftskonzepte für den Wald im Klimawandel zu entwickeln.

    Weiterhin richtet sich der Wachruf an Gesellschaft und Politik, die notwendigen Ressourcen für die Schadensaufarbeitung, den Wiederaufbau und den Umbau in klimastabile Wälder in Unterfranken bereitzustellen. Und schließlich wendet sich die Resolution an alle Bürger, mit einem klimafreundlichen persönlichen Lebensstil den Wald vor der Haustüre als Teil der eigenen Lebensgrundlagen zu schützen.

    Die Rußrinden-Krankheit hat sich in kurzer Zeit bereits flächig an Ahornbäumen im Landkreis Schweinfurt und andernorts ausgebreitet. Ob die Pilzinfektion auch für den Menschen gefährlich werden könnte, wird gerade erforscht. Foto: Stephan Thierfelder

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