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    OBERLAURINGEN

    Der längste Sommer in Oberlauringen

    Neuorthodox und demokratisch: Gunda Trepp las in der Heilig Kreuz-Kirche in Oberlauringen aus ihrem Buch über das Leben ihres Mannes, Rabbiner Leo Trepp.
    Neuorthodox und demokratisch: Gunda Trepp las in der Heilig Kreuz-Kirche in Oberlauringen aus ihrem Buch über das Leben ihres Mannes, Rabbiner Leo Trepp. Foto: Uwe Eichler

    Konsequent angewandt, machte der Rassenwahn selbst vor Tieren nicht halt. In der Nazizeit wurde Landesrabbiner Dr. Leo Trepp mit „jüdischen und arischen Kühen“ konfrontiert, je nachdem, wessen Glaubens der jeweilige Viehhändler war. Trepp war der letzte jüdische Student, der im „Dritten Reich“ an der Universität Würzburg promoviert hatte, Doktorvater war Adalbert Hämel, SA-Führer und Judenhelfer zugleich. Im November 1936 wurde Trepp neuorthodoxer Landesrabbiner in Oldenburg. Als vor 80 Jahren Deutschlands Synagogen in der Pogromnacht brannten und die Glasscheiben nichtarischer Geschäfte zersplitterten, wurde der Seelsorger ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Er flüchtete im letzten Moment über England in die USA, bevor in Europa der Völkermord einsetzte.

    „Der letzte Rabbiner: Das unorthodoxe Leben des Leo Trepp“, nennt sich das Buch seiner zweiten Frau und Witwe, der gelernten Journalistin Gunda Trepp. Sie las nun vor gut hundert Besuchern in der Pfarrkirche in Oberlauringen. Der Posaunenchor intonierte unter Leitung von Reinhold Förster jüdische Melodien, Matthias Keß spielte Orgel.

    Oberlauringen war die fränkische Heimat von Trepps Mutter, Selma Hirschberger, zugleich Ort seiner Sommerferien. Geboren wurde Leo Trepp am 4. März 1913 in Mainz. Gunda Trepp erinnert sich, dass der Rheinländer auch im gesetzteren Alter gerne einen Schunkler andeutete. In der Weimarer Republik war sein Vater, der Kriegsveteran und Kaufmann Maier Trepp, Mitglied der „Demokratischen Partei“, ebenso wie Walther Rathenau. Dem Außenminister half sein Patriotismus wenig. 1922 wurde er von Nationalisten der „Organisation Consul“ ermordet, als Sündenbock für den Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918. „Schlagt tot den Walther Rathenau, die verdammte Judensau“, an diese Parole aus der Kinderzeit konnte sich Leo Trepp noch gut erinnern.

    Große jüdische Gemeinde

    Der antisemitische Virus wirkte bereits, dennoch gab es eine Blase der Normalität. In Oberlauringen war die jüdische Gemeinde groß, aber, trotz Mikwe und Bestattungsbruderschaft „Chewra Kaddisha“, nicht allzu orthodox. Vieles hielt sich als volkstümlicher, familiärer Brauch. Als die Franzosen infolge der Rheinlandbesetzung für mehrere Wochen die Grenzen sperrten, erlebten Leo und sein Bruder die „längsten, schönsten und erlebnisreichsten Ferien“. Da war Lehrer Goldstein, der beflissene Geflügelschächter vor der Synagoge. Die Witwe Sterzelbach mit dicker Tochter, die ein Radio besaß, eine Attraktion wie das Grammophon von Samuel Fink.

    Das Dorf hatte einen koscheren Kolonialwarenhandel („verpackte Waren gab es nicht“), arme Juden ebenso wie einen protzenden, reichen Grobian namens „Goldonkel“, den auch Leo nicht sonderlich mochte. Oder den übelriechenden Salomon, der sich nie waschen wollte, bevor ihm auf Beschluss der Gemeinde ein Zwangsbad verordnet wurde. Am Ende machten die Franzosen die Grenze wieder auf, von Stadtlauringen aus ging es mit dem Zug zurück nach Mainz. „In Rothhausen, in Rothhausen gibts ein Wiedersehen“, sang Jung-Leo, Zeit seines Lebens ein Lokomotivfan, mit Märklineisenbahn noch als Philosophie-Professor in Kalifornien.

    Fast spurlos verschwunden

    „Es ist, als habe es sie nie gegeben“, sagt Gunda Trepp und meint die Menschen des fränkischen Landjudentums, vor Flucht oder Deportation. Mit ihrem 2010 verstorbenen Mann war sie öfters in Oberlauringen, bei einem regen Freundeskreis. An diesem Tag hat sie mit Ortskennerin Friedel Korten die Stationen jüdischen Lebens im Dorf besucht, Winfried Krappweis steuerte Bilder in der Rückertherberge bei. „Heimliche Genugtuung“ habe Leo Trepp, dessen Eltern die Nazizeit nicht überlebt haben, schon empfunden, als er im kriegszerstörten Mainz stand, erinnert sich Gunda Trepp. Ein gemischtes Gefühl: „Vertrieben wurde nicht nur der Jude, sondern auch der Deutsche Leo Trepp“.

    Der Judaistik-Experte setzte sich aber bald für Versöhnung und Aufklärung ein: Für die Erkenntnis, dass Juden eine andere Religion haben, aber keine anderen Menschen sind. Mit Sorge und leichter Resignation habe der Rabbiner zuletzt das Wiedererstarken des Antisemitismus gespürt, sagt die Autorin, „dieses irrationalen Gefühls“. Die Klänge des frommen „Niggun“, den der Posaunenchor am Ende spielt, sind wie Trepps Lebenserinnerung – mal fröhlich, mal dunkel.

    „Es ist, als habe es sie nie gegeben”: Nur wenige Orte erinnern noch an die fränkischen Landjuden, wie der alte jüdische Friedhof in den Feldern bei Oberlauringen.
    „Es ist, als habe es sie nie gegeben”: Nur wenige Orte erinnern noch an die fränkischen Landjuden, wie der alte jüdische Friedhof in den Feldern bei Oberlauringen. Foto: Uwe Eichler
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