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    Schweinfurt

    Dichterschlachtschüssel: Rilke toppte jedes Katzenklo

    Erstmals Sieger in Schweinfurt: der altersweise Poetry-Slammer Thomas Schmidt. Foto: Uwe Eichler

    Sage niemand, dass Poesie in der heutigen Gesellschaft keinen Stellenwert mehr hätte. Die Ehe von Thomas Gottschalk soll auch deswegen in die Brüche gegangen seien, weil  Thea das Katzenklo gerettet hat aus der brennenden Villa in Malibu. Nicht aber die Handschrift von Rilkes "Panther" an der Wand. Freitag, der 13., war nicht das schlechteste Datum für eine Auseinandersetzung mit all den Dingen, die kaputt gehen können im Leben.

    Moderator Manfred Manger hatte zum Start der Poetry Slam-Saison nach der Sommerpause in die Disharmonie eingeladen. Seit 2006 wird bei den "Schweinfurter Dichterschlachtschüsseln" die Wirklichkeit verhandelt, in Form eines kreativen Poetenwettstreits. Aurelia Scheuring ist jetzt 17, nicht mehr elf wie bei ihrem Debüt: Die junge Lyrikerin lud zusammen mit Quer-Flötistin Yvonne Maierhofer zum Spaziergang durch eine Stadt der Farben ein, als Einstimmung auf die nahende "Nacht der Kultur". Nach diesem Aufwärm-Beitrag beklagte die aus Gerolzhofen stammende Studentin Christine Fritz die Krankheit einer lieben Freundin: "Die Stille ist in Lebensgefahr". Disconächte, Maschinenkrach, brutale Karriere-Jobs setzen ihr zu. Der Wunsch der Slammerin: Bitte keinen Applaus beim Auszug, auch keine Musik vom DJ.

    Lucia Leonhardt (Nürnberg) begann mit Rilkes "Karussell", als Figurenreigen im Land der Kinder, "das lange zögert, eh es untergeht": Chiffre für das um sich selbst kreisende Leben eines Paars, an dem die eigenen Kinder kaputtzugehen drohen. "Kurzzeitpflege" nannte sich der kernige Beitrag von Martin Geier aus Fürth, über einen 91-Jährigen, der aus dem Seniorenheim türmt, um mit seinem Kumpel ein letztes Bier in Freiheit zu trinken. Bei Stella Reiss, ebenfalls Fürth, steht der "Panther" für das Trauma einer jungen Frau, die nie aus ihrem Käfig ausgebrochen ist, nach dem  Missbrauch durch den Vater.

    Aufheiterung bot  wieder Autor Thomas Schmidt aus Schwabach mit "Lost in Translation": Verbote werden irgendwie verhandelbar, sobald man sie ins Italienische übersetzt. Selbst Harry Potters Kampf mit Lord Voldemort wirkt niedlich auf Französisch, wenn statt dem Zauberstab das "baguette magique" gezückt wird. Um das gemeinsame Glück zweier demotivierter Künstler drehte sich ein Gedankenspiel von Martin Weyrauch aus dem hessischen Etzen-Gesäß. Ruben Jonathan Kröber (Halle) versenkte sich gefühlvoll in der dunklen Eigenliebe eines "Narziss".

    Per Stimmzettel beförderte das Publikum drei seiner Lieblinge ins Finale: Ein lustvoller WG-Samstagmorgen mit Tanja endete als chaotischer Koitus Interruptus beim lyrischen Ich von Martin Geier. In der Porzellanschweinchen-Wertung gab es zum Trost Platz 3. "Hello" und "Goodbye": Um Kommunikationsprobleme drehte sich das Werk von Lucia, um Unverständnis zwischen Paaren, aber auch zwischen Flüchtlingen und Einheimischen. Die Zahl der Schweinchen im Kübel reichte für den zweiten Platz. Nicht mehr zu toppen war Thomas Schmidt, über den die Geier kreisten: "Geriatrie" nannte sich der Text über die Vergreisung ab 40. Ein Alterswerk, das mit der lange ersehnten "Goldenen Dichterschlachtschüssel" in Schweinfurt gekrönt wurde. So macht Freitag der 13. Spaß.

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