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    GRETTSTADT

    Die Bahn in Grettstadt: Ende einer 115-jährigen Geschichte

    Eine Initiative ist dabei, die alte Bahnstrecke zwischen Kitzingen und Schweinfurt wiederzubeleben. Andererseits beschäftigen sich die Gemeinderäte vieler Anrainerkommunen mit der so genannten Entwidmung, so auch am Mittwoch das Grettstädter Gremium. Die Strecke und der Bahnhof in Grettstadt blicken auf eine lange Geschichte zurück.

    War der erste Bauabschnitt zwischen Kitzingen und Gerolzhofen bereits 1893 eröffnet worden, so sorgten italienische Gastarbeiter dafür, dass am 24. November 1903 auch der zweite Teil nach Schweinfurt seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Als der Zug die Strecke zum ersten Mal befuhr, durften nur die Bürgermeister und Pfarrer als Ehrengäste zusteigen. Die Schulkinder sangen die Bayerische Königshymne und erhielten je eine Brezel als Geschenk.

    Zentnerweise Zuckerrüben

    Für die Gemeinde Grettstadt war die Bahnlinie ein Glücksfall, denn sie brachte wirtschaftlichen Aufschwung. Die Bahn eröffnete neue Absatzmöglichkeiten für die Bauern und Handwerker. Der Güterverkehr entwickelte sich rasant. Im Archiv ist nachzulesen, dass im Jahr 1965 60 Waggons Getreide und 30.000 Zentner Zuckerrüben verladen wurden. Aber auch Zwiebeln, Blaukraut, Karotten und Gurken gingen auf dem Schienenweg auf Reisen bis Würzburg und Thüringen.

    Beachtlich waren die großen Mengen an Stammholz aus dem Steigerwald. Die Gemeinde konnte ihr wertvolles Eichen- und Buchenholz gewinnbringender vermarkten. Nadelholz wurde lange Zeit ins Ruhrgebiet befördert und dort als Grubenstempel verbaut. Täglich befuhr ein Güterzug mit VW-Autoteilen die Strecke und bei Manövern oder, wenn amerikanische Soldaten irgendwo auf der Welt in Kriegen verwickelt waren, wurden militärische Fahrzeuge und GIs von der Kaserne in Kitzingen an den neuen Bestimmungsort oder zum Weitertransport gebracht.

    Mit dem Zügle in die Stadt

    Neben dem Güterverkehr spielte der Personenverkehr eine wichtige Rolle. In der Nachkriegszeit brachte Dampfloks mit ihren Waggons Arbeiter in die Schweinfurter Fabriken, Schüler zu den weiterführenden Schulen und Hausfrauen zum Einkauf in den Schweinfurter Geschäften. Während der Hauptverkehrszeiten im Stundentakt, ansonsten deutlich seltener. Am Wochenende befuhr ein roter Triebwagen, also ein Schienenbus, die Strecke.

    Das Bahnhofsgebäude war Abstellplatz für Güter, die Fahrgäste konnten dort ihre Fahrkarten lösen. Der im Gebäude tätige Bahnbeamte ließ nach entsprechender telefonischer Meldung die beiden Schranken herunter und kurbelte sie nach der Durchfahrt wieder hoch. Bei Gegenverkehr wurde rangiert, ein Zug musste also auf ein Seitengleis zurückstoßen, da die Linie nur eingleisig war. Auf dem Seitengleis standen im Herbst auch die Waggons, auf die mittels Handarbeit und Förderband die Zuckerrüben geladen wurden.

    Vor 40 Jahren ging's bergab

    Am 24. Juni 1975 befuhr zum letzten Mal eine Dampflokomotive die Strecke. Im September 1977 stellte die Bundesbahn den Bahnhof Grettstadt in einen „unbesetzten Tarifpunkt“ um. Fahrkarten gab es nur noch am Automaten, die Schranken wurden elektrisch bewegt. Bahnwärter Albert Firsching, der direkt neben dem Bahnhof wohnte, wurde nach Gochsheim versetzt, wo später auch die Castorbehälter des AKW Grafenrheinfeld verladen wurden. Seine Uniform ist noch heute im Heimatmuseum Gochsheim zu besichtigen.

    1983 bot die Bahn das Grettstädter Bahnhofsgebäude zum Verkauf. Ein Frankfurter Ehepaar erwarb es, nutzte es zunächst nur an den Wochenenden und später als Alterswohnsitz. 2016 kauften Ortsansässige das Bahngrundstück und verwandelten es mit viel Fleiß und Liebe in ein echtes Schmuckstück.

    Zum Schluss fuhr nur die Army

    Bis Mai 1987 verkehrten früh und abends noch zwei diesellokgezogene Züge zwischen Gerolzhofen und Schweinfurt. Dann wurde der Personenverkehr eingestellt. Der Güterverkehr rollte noch einige Jahre weiter, bis Anfang der 1990-er Jahre fanden noch Stammholz-Verladungen statt. Bis zum Abzug der US-Armee aus der Kaserne Kitzingen gab es nur noch Truppen- und Materialtransporte.

    Längst haben Sträucher die Gleise überwachsen, die Schranken sind abgebaut und die Holzschwellen ziemlich verrottet. Da scheint den meisten betroffenen Gemeinden die Entscheidung für eine Entwidmung leicht zu fallen.

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