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    REGION GEROLZHOFEN

    Die Natur ist regelrecht explodiert

    „Peter und Paul hängen die Kirschen ins Maul.“ Landwirte und Gartenbesitzer haben in den vergangenen Jahrhunderten ihr durch Beobachtung der Natur erworbenes Wissen gerne in solch gereimten Bauernregeln zusammengefasst. Der Spruch mit Peter und Paul soll heißen: Normalerweise werden die Süßkirschen immer am Ende des Juni reif, am 29. Juni, dem Namenstag der beiden Apostel Petrus und Paulus. In diesem Jahr sind die Kirschen längst geerntet. Doch was ist in diesem Jahr schon normal? Die Auswirkungen der Wetterkapriolen bekommen Landwirte, Obstbauern und Hobbygärtner zu spüren.

    „In der Vegetation sind wir rund zwei Wochen voraus“, sagt Joachim Dömling vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Schweinfurt im Gespräch mit dieser Redaktion. Und das Bemerkenswerte dabei: „Im Frühjahr lagen wir erst noch drei Wochen hinterher.“ Da hatte es noch einmal eine Kälteperiode gegeben, auf den Feldern war nichts vorwärtsgegangen. Und was sorgte dann für den Vegetations-Schub? „Die hohen Temperaturen und auch die Trockenheit“, so Joachim Dömling weiter.

    Ohne kühlere Periode

    Die gleichen Wetterbeobachtungen wie Joachim Dömling hat auch der Obstbauer Reinhold Bedenk aus Lindach gemacht. Erst sei es recht kühl gewesen, so dass es beim Obst zu einer relativ späten Blüte gekommen sei. Danach sei der Mai dann außerordentlich warm gewesen, ohne eine einzige kühlere Periode dazwischen. Dies habe dazu geführt, dass in der Natur alles sehr schnell gewachsen sei. Und dass es heuer reichlich Früchte von allem gebe. „Das ging schon mit dem Spargel los“, erzählt Bedenk von einer reichen Ernte, die letztlich dazu führte, dass die Preise nachgaben.

    Beim Obst ist es genauso. „Es gibt heuer sehr viel.“ Als diese Entwicklung abzusehen war, habe er beispielsweise bei den Kirschbäumen begonnen, auszudünnen, indem er einen Teil der damals noch grünen Früchte abgerissen hat. Dies hat den Effekt, dass die am Baum verbliebenen Früchte größer werden („Die Kirschen haben jetzt einen Durchmesser von 30 Millimetern“) – und dass man bei der Ernte sich Zeit beim Pflücken spart.

    Neben den Kirschen sind jetzt auch schon die ersten Zwetschgen in Lindach reif und werden von Reinhold Bedenk seit Anfang dieser Woche geerntet. Die ganz große Sensation ist dies für ihn aber nicht. Er kann sich daran erinnern, schon mal am 16. Juni mit der Zwetschgen-Ernte begonnen zu haben. „Das kommt immer wieder mal vor. So ist halt die Natur.“

    Getreideernte wohl nur Mittelmaß

    Von den Obstbauern zu den Getreide-Anbauern: Eine andere alte Bauernregel sagt: „Frühe Ernte, schlechte Ernte!“ Nicht uneingeschränkt stimmt dem Agrarexperte Joachim Dömling bei der diesjährigen Getreideernte zu. Denn das bislang verrückte Jahr hat nun mal auch für gewaltige Unterschiede beim wichtigen Faktor Niederschlag gesorgt. Oftmals hat es nur sehr punktuell geregnet. Es werde wohl Ortschaften geben, in denen in diesem Jahr beim Getreide geradezu Rekorderträge geerntet werden können und dann wieder Ortschaften, nur ein paar Kilometer weiter, mit vielleicht auch noch schlechten Bodenqualitäten, auf denen dann entsprechen geringe Erträge zu erwarten sind. So stark wie in diesem Jahr habe er die Unterschiede selten erlebt, so Joachim Dömling weiter. Insgesamt rechnet er damit, dass die Getreideernte „wohl höchstens Mittelmaß“ wird. Seit Anfang dieser Woche sind die ersten Mähdrescher unterwegs.

    Und wenn das Wetter weiterhin trocken bleibt, dann könnte es durchaus sein, dass die Wintergerste sogar das Beste an dieser Ernte ist. Denn dem Weizen, der sich gerade im Reifeprozess befindet, schadet die Trockenheit. So habe es aus dem trockenen Norden Deutschlands inzwischen bereits „katastrophale Nachrichten“ gegeben, berichtet Dömling weiter. Dort habe inzwischen gar schon die Rapsernte begonnen. Ein Regen würde manchen Weizenfeldern in der Region zumindest insofern noch helfen, dass die Körner besser ausgebildet werden.

    Der Mais als Gewinner

    Gewinner in diesem Jahr gibt es auf den Feldern allerdings auch. Und dies sind der Mais und die Zuckerrüben, so Dömling. Die meisten Flächen mit diesen Früchten „machen Spaß“. Der Grund: Beide Früchte brauchen erst einmal wenig Wasser und lieben Wärme. „Der Mais mag dieses Wetter“, so der Fachmann vom Amt.

    Nicht nur bei wirtschaftlich genutzten Pflanzen ist deutlich spürbar, dass der Sommer seiner gewohnten Zeit voraus ist, sondern selbst am Wegrand wird dies deutlich. Etwa an der derzeit schön blau blühenden Wegwarte. Schon seit rund einer Woche blüht sie, berichtet Diplombiologe Otto Elsner im Gespräch mit dieser Redaktion. Dabei beginne das eigentliche Zeitfenster für die Blüte der Wegwarte etwa ab Mitte Juli. Rund vier Wochen ist sie heuer früher dran. Es war durchgehend warm, dann entwickeln sich die Pflanzen einfach schneller, und diese Entwicklung wurde in diesem Jahr auch nicht durch die Eisheiligen gebremst. „Es ist ein außerordentliches Jahr“, so Elsner.

    Frühe Schmetterlinge

    Und das zeigt sich auch in der Tierwelt: Etliche Schmetterlingsarten sind jetzt schon unterwegs, die normalerweise erst im Hochsommer zu sehen sind, so etwa der Kaisermantel oder der Schachbrettfalter.

    Dass auch die Tierwelt auf Vegetationsentwicklung der vergangenen Wochen reagiert hat, bestätigt auch Diplombiologe Dietmar Will, der sich eingehend mit Ornithologie beschäftigt. Bemerkenswertes hat er vor wenigen Tagen am Himmel beobachtet: Scharen von Staren, die sich so bewegten, wie es in Bildern aus Großstädten immer wieder zu sehen ist. Eine Erscheinung, die sonst eher im Frühherbst zu beobachten ist. Warum sich die Stare jetzt schon so zusammentun? „Sie sind bereits mit ihrer Reproduktion fertig“, die Nachwuchsaufzucht sei weit fortgeschritten. Die Familienverbände mit den Jungvögeln rotten sich bereits zusammen.

    Und was Will ebenfalls aufgefallen ist: Noch immer ist frühmorgens das Konzert der Vögel, der Amseln etwa, zu hören. Amseln haben inzwischen bereits die zweite Brut. Und für den Nachwuchs stehen die Chancen gut, denn es gibt in diesem Jahr Nahrung ohne Ende.

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