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    Gerolzhofen

    Die Rückkehr zu den Wurzeln der ermordeten Großeltern

    Harold Kohn hatte den großen Wunsch, das Grab seines Urgroßvaters Abraham Löb Kohn zu besuchen. Beweg standen er und seine Frau Carol vor dem stattlichen Granitstein. Evamaria Bräuer erklärte die Bedeutung der betenden Hände und die hebräische Inschrift. Foto: Karin Sauer

    Er weiß, wo seine Wurzeln liegen, er kennt die Herkunft seiner Urgroß- und Großeltern und doch wollte er bei seinem Besuch in Gerolzhofen mehr über die Wohnorte und Plätze seiner Vorfahren wissen. Aus diesem Grund nahmen Harold Kohn und seine Frau Carol im April dieses Jahres Kontakt mit der Stadt Gerolzhofen auf, hatten jedoch keine Antwort erhalten. Aus diesem Grunde wandten sie sich nach München, an den Landesverband Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern, der ihnen die Adresse von Josef Meyer, dem ehemaligen Gerolzhöfer Stadtgärtner vermittelte. Er pflegt den israelitischen Friedhof aufs Beste.

    Meyer verwies die Familie Kohn an Evamaria Bräuer. Seit über 25 Jahren widmet sie sich, neben Stadtführungen und -rundgängen, der Forschung über die Geschichte der jüdischen Gemeinde Gerolzhofen. Dankbar und überwältigt waren die Kohns darüber, denn sie konnten so viele offene Fragen in Harold Kohns Spurensuche klären.

    Bräuer erklärt Bräuche

    Sein Wunsch war, das Grab seines Urgroßvaters Abraham Löb Kohn zu besuchen. Erster Treffpunkt war deshalb der jüdische Friedhof in Gerolzhofen. Hier erklärte die Stadtführerin fränkische Traditionen und Begräbnisbräuche. "Der Friedhof mit seinen Steinen ist das physische Gedächtnis dieses Teils der Stadtgeschichte", sagte sie.  Aus den von ihr vorbereiteten Auszügen der Standesamtsregister wurden verschiedene Zweige der Familie Kohn wieder nachvollziehbar.

    Die Großeltern von Harold Kohn: Hermann und Amalie Kohn. Foto: Karin Sauer

    Der typische Weg vom Dorf zur Stadt des fränkischen Landjudentums ist an den Geburts- und Wohnsitzen der Familie Kohn abzulesen. In Altenschönbach geboren, mit zehn Geschwistern aufgewachsen, war Abraham Löb Kohn, Harold Kohns Vorfahr väterlicherseits, später nach Lülsfeld in das Haus des Schwiegervaters gezogen. Das stattliche Haus der Kohns in Lülsfeld existiert heute noch. Bürgermeister Wolfgang Anger zeigte den Gästen die Örtlichkeiten.

    Und dann stand Harold Kohn vor dem mächtigen Grabstein seines Urgroßvaters Abraham Löb Kohn. Inzwischen ist auf Initiative von Evamaria Bräuer die hebräische Inschrift auf dem schwarzen imposanten Granitstein übersetzt worden. Das Vorlesen rief bei Professor Kohn und seiner Frau tiefe Ergriffenheit hervor. Nach jüdischer Sitte legte er einen kleinen Stein an der Grabstätte  nieder.

    Am zweiten Tag des Besuches wurden die Gäste vom stellvertretenden Bürgermeister Erich Servatius im Rathaus begrüßt. Bei einem kleinen Umtrunk erklärte Servatius den Gästen die heutige Struktur der Stadt, in der die Familie Kohn früher lebte. Die erste Station beim anschließenden Stadtrundgang war die historische Stadtansicht en miniature hinter der Stadtpfarrkirche. Evamaria Bräuer zeigte den Kohns, wo die Eisenwarenhandlung seines Großvaters zu finden war. Der nächste Punkt war das neu installierte Erinnerungsdenkmal für die Deportationsopfer in der Marktstraße. Die Stadtführerin erklärte den Grund, warum dieser Eisenkoffer hier aufgestellt wurde. Danach ging es weiter zum ehemaligen imposanten Anwesen von Hermann Kohn  in der Rügshöfer Straßen gegenüber vom Floriansbrunnen.

    Einst geachteter Bürger

    Hier gründete  und betrieb der in Lülsfeld geborene Hermann Kohn (Großvater von Harold Kohn) zusammen mit seinem Sohn Karl (Vater von Harold) ein florierendes Eisenwarengeschäft. Hermann Kohn war ein geachteter Bürger Gerolzhofens und zählte zu den zehn größten Gewerbesteuerzahlern der Stadt (bis 1936).  Karl  konnte noch über Liverpool in die USA auswandern, wo er 1983 starb. Hermann und seiner Frau Amalie war 1938 die Flucht in die Niederlande zu ihrer Tochter Rosl gelungen. Verraten durch einen Spitzel wurden sie nach der deutschen Besetzung der Niederlande zuerst in das Internierungslager Westerbork und anschließend ins ostpolnische Internierungslager Sobibor gebracht. Hier fanden sie den Tod in den Gaskammern.

    Betroffen stand Harold Kohn mit seiner Frau vor den zwei Stolpersteinen im Gehsteigpflaster, die seinen Großeltern an der Ecke Marktstraße/Rügshöfer Straße gewidmet sind.

       

    Bürgermeister Wolfgang Anger aus Lülsfeld führte die amerikanischen Gäste zu dem Haus Nummer 5, in dem die letzten fünf Angehörigen der Kohn-Familie bis zu ihrer Deportation 1942 wohnten. Foto: Karin Sauer
    Vor der ehemaligen großen Eisenwarenhandlung gegenüber dem Floriansbrunnen erinnern die Stolpersteine an die früheren Besitzer Hermann und Amalie Kohn. Sein Enkel Harold Kohn und seine Frau Carol standen betroffen davor, begleitet vom stellvertretenden Bürgermeister Erich Servatius. Foto: Karin Sauer

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