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    SCHWEINFURT

    Die Tafel. Oder: Essen wo es hingehört

    Ware einladen in den Kleintransporter für die Tafel. Foto: Anand Anders

    Es ist Dienstag, kurz vor 7.45 Uhr am Morgen. Im Tafelladen in der Brombergstraße 9 am Bergl in Schweinfurt herrscht reger Betrieb. Geöffnet wird zwar erst in fünfeinhalb Stunden, doch es gibt genug Arbeit. Christel und Peter warten, die Abholliste ist ausgedruckt, der Kleinlaster fast bestückt mit den grünen Transportkisten. 35 brauchen wir heute auf der Tour zu fünf Supermärkten in der Stadt und in Niederwerrn, etwas weniger als sonst. Peter drängt zum Aufbruch.

    Erster Stopp ist in der Hadergasse. Wir klingeln am Tor des Supermarktes, es öffnet sich, drinnen wartet eine Mitarbeiterin mit aussortierten Waren – die sind natürlich noch genießbar, entsprechen aber nicht mehr dem selbst gesetzten Verkaufs-Standard. Erdbeeren, Radieschen, Salat, Pfirsiche, Nektarinen, Joghurt, Quark, Zucchini, Tomaten, Auberginen, Lauch, auch Blumen, dazu Brot, Brötchen und andere Backwaren – im Laufe des Morgens füllen sich die 35 Kisten schnell. Alleine bei unserem ersten Stopp sind es zwei Kisten Backwaren und drei mit Obst und Gemüse.

    Vor Ort wird sortiert: Am Morgen werden die verschiedenen Supermärkte in und rund um Schweinfurt angefahren. Tagblatt-Reporter Oliver Schikora: muss gleich kräftig mit anpacken. Foto: Anand Anders

    Die Arbeit ist anstrengend, ständig gebückt, Handschuhe mitzunehmen wäre gut gewesen. Wir müssen die aussortierten Kisten durchschauen. Was offensichtlich nicht mehr gut ist, wo bei Obst und Gemüse schon Schimmel zu sehen ist, nehmen wir natürlich nicht mit. Später im Tafelladen wird die Ware ebenfalls noch einmal kontrolliert und sortiert, „was wir selbst nicht essen würden, geben wir auch nicht raus“, sagt Christel. Wir lassen nichts einfach stehen, sondern schmeißen die nicht mehr genießbaren Produkte in die Abfalltonnen der Supermärkte.

    Bewusstsein für Lebensmittel schärfen

    Oft liest man, wie viel Lebensmittel weggeschmissen werden, obwohl sie noch verzehrfähig sind. 82 Kilogramm pro Kopf und Jahr in Deutschland, so der Bundesverband der Tafeln. Das sind unvorstellbare elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Wert von 22 Milliarden Euro jährlich. Es macht mich nach wenigen Minuten im Abholdienst nachdenklich, wie wir leben – Überfluss beschreibt es unzureichend. Und ich ärgere mich selbst zu Hause am meisten, wenn wir wieder Obst oder Gemüse gekauft haben und es wegschmeißen, weil es schlecht wurde. Hätte man auch gleich Bargeld in die Mülltonne werfen können.

    Die 940 Tafeln in Deutschland geben jedes Jahr 264 000 Tonnen Lebensmittel an Bedürftige weiter. Der Bundesverband macht Lobbyarbeit bei der Regierung, der Verschwendung Einhalt zu gebieten. Er fordert die Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums bei lange haltbaren Produkten sowie die Einführung des Fachs „Ernährungsbildung“ in der Schule. Die Lebensmittelverschwendung ist neben der selbstlosen Hilfe für Bedürftige das Thema, das die Helfer am meisten umtreibt.

    250 Tonnen Lebensmittel allein in Schweinfurt

    160 Helferinnen und Helfer hat die Tafel in Schweinfurt – alle ehrenamtlich, jeder engagiert sich so, wie er kann. Der mildtätige, allein spendenfinanzierte Verein wird im fünfköpfigen Team mit dem Vorsitzenden Ernst Gehling und seiner Stellvertreterin Gertrud Morgenstern geführt – wahren Meistern der Motivationskunst und Wertschätzung, denn das Helfer-Team macht sich täglich engagiert ans Werk. „Wir arbeiten für VG, Vergelt's Gott“, beschreibt es Helene vom Ausgabeteam mehr als treffend.

    Mitarbeit bei der Weinlese: Zum Naschen keine Zeit
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    55 sind als Fahrer und Beifahrer unterwegs, die anderen 105 arbeiten in verschiedenen Abteilungen im Tafelladen – Lager, Sortierung, Ausgabe, eine kleine, gut durchorganisierte Firma mit täglich 20 bis 30 Freiwilligen im Einsatz. Koordiniert wird das Team von Angelika Bandorf, die halbtags angestellt ist.

    Pro Jahr sammelt die Schweinfurter Tafel 250 Tonnen Lebensmittel. Zu ihr gehört neben der Schweinfurter Ausgabestelle auch die in Gerolzhofen. An monatlich 4500 Bedürftige mit ihren Familien aus Stadt und Landkreis Schweinfurt gibt die Schweinfurter Tafel Lebensmittel, aktuell haben 1450 Kinder und 2900 Erwachsene einen Tafelschein. Man bekommt ihn bei der Diakonie oder der Caritas. Er ist an Einkommensgrenzen gebunden, die sich an der Armutsgefährdungsquote der EU orientieren. Drei Euro muss jeder Tafelschein-Besitzer für einen Einkauf bezahlen, man darf auch nur zwei Mal pro Woche kommen.

    Ausladen, Sortieren, Ausgeben

    Kurz vor 10 Uhr kommen wir zurück. Die 35 vollgepackten Kisten müssen zum Sortierteam. Christel und Peter fahren weiter, die zweite Tour, gegen 13 Uhr kommen sie wieder. Ich gehe zum Sortieren, die Ausgabe muss vorbereitet werden. Als ich später die Mengen sehe, die im Ausgaberaum stehen, kann ich kaum glauben, dass das heute alles weggehen soll – ich werde eines Besseren belehrt.

    Neben frischem Obst und Gemüse gibt es auch eine größere Abteilung für Konserven und gekühlte Waren wie Joghurt, Wurst oder Käse. Oftmals kommen auch aus Zentrallagern in der Region Waren auf Paletten. Wenn in Schweinfurt zu wenig Kapazität ist, ruft man Tafel-Vereine aus der Region an, die es abholen.

    Vor dem Tafel-Gebäude im Stadtteil Bergl trägt Oliver Schikora Lebensmittel ins Gebäude. Foto: Anand Anders

    Eine Stunde bevor die Ausgabe um 13.30 Uhr beginnt, bildet sich vor der Tür eine Schlange. Friedlich und geduldig warten die Menschen trotz der Hitze an dem Tag vor der Tür – eine bunte Mischung aller Nationen und Schichten. Das Streitthema Flüchtlinge ist in Schweinfurt bei der Tafel keines, „für uns sind alle Menschen gleich“, betont Ernst Gehling. Jeder, der einen Berechtigungsschein hat, darf kommen.

    Einfach freundlich sein

    Helene weist mich ein: Ich stehe an einem langen Tisch mit allen möglichen Gemüsesorten. Ich gebe Lauch, Radieschen, Rettich und Salat aus, neben mir Helene und Rosa das restliche Obst und Gemüse. Insgesamt sind wir sechs im Verkaufsteam. „Einfach freundlich sein“, sagt Helene und los geht's.

    Bevor die Lebensmittel ausgegeben werden, werden sie noch sortiert und in die grünen Kisten gepackt. Foto: Anand Anders

    Die Tür öffnet sich, die ersten Fünf kommen herein, bezahlen, stellen sich an. Damit es nicht zu voll wird, werden die Wartenden in Gruppen reingelassen. Die nächsten zweieinhalb Stunden vergehen wie im Flug, 106 Bedürftige kommen insgesamt. Die Menschen sind freundlich und dankbar.

    Ich freue mich jede Minute mehr, dass ich einen winzig kleinen Teil dazu beitrage, ihnen zu helfen. Ich verstehe auch, warum Helene seit sieben Jahren zwei Mal die Woche kommt, um in der Ausgabe zu arbeiten. Weil es erfüllend ist; weil es schön ist, in strahlende Kinderaugen zu sehen, wenn man ihnen einen Schokoriegel gibt; weil man spürt, dass es den Menschen, die da kommen, unheimlich schwer gefallen sein muss, zuzugeben, dass sie es ohne Hilfe nicht schaffen; weil es einfach menschlich ist, zu helfen.

    Bei der Ausgabe in der Schweinfurter Tafel am Bergl kommen in der Regel über 100 Personen. Oliver Schikora arbeitete mit. Foto: Anand Anders

    Am Ende schäme ich mich fast ein wenig. Eine ältere Frau gibt mir als Dankeschön ein Erfrischungstuch, eine andere ein Glas selbst gemachte Marmelade. Helene erzählt von einer 92 Jahre alten Oma, die immer Socken strickt für die Mitarbeiter in der Ausgabe.

    Eigenständig, unabhängig, mildtätig, überparteilich und überkonfessionell. Das sind die Schlagworte, mit denen sich die Schweinfurter Tafel selbst beschreibt. Dazu kommt noch: tiefe Empathie für die Mitmenschen.

    Wir sollten uns nicht nur fragen, warum wir so unachtsam mit unseren Lebensmitteln umgehen. Wir sollten uns auch fragen, wieso so ein reiches Land wie Deutschland so viele arme Menschen haben kann. Und wir sollten dankbar sein, dass es die vielen ehrenamtlichen Helfer der Tafeln gibt. Ich bin es.

    Tagblatt-Serie Reporter in Betrieb

    Denken Sie nicht auch manchmal, wie schön es wäre, mal einen freien Tag zu haben. Kein Problem: Mieten Sie sich einen Redakteur. Mit unserer Serie „Reporter in Betrieb“ wollen wir Zeitungsleute über den Tellerrand schauen – nicht immer nur Stadtratssitzung und Jahreshauptversammlung, das wirkliche Leben ruft. Wir wollen wissen, wie geht es denn in anderen Berufsfeldern tatsächlich zu? Unser Vorschlag: „Reporter in Betrieb“. Sie haben einen interessanten Job, den Sie uns zutrauen, dann melden Sie sich. Schreiben Sie Ihren Vorschlag, wen wir wo ersetzen sollen, an das Schweinfurter Tagblatt. Entweder per Post an Schweinfurter Tagblatt, z. Hd. Oliver Schikora, Schultesstraße 19a, 97 421 Schweinfurt, oder per Mail an redaktion.schweinfurt@mainpost.de Die Redakteure Josef Schäfer, Oliver Schikora, Helmut Glauch, Irene Spiegel und Susanne Wiedemann wählen die Angebote aus und wir krempeln dann die Ärmel hoch. Wie es uns ergangen ist, lesen Sie nach den Arbeitseinsätzen dann in unseren Samstagsausgaben.
     

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