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    MICHELAU

    Die alte Lanze und der Kirchenwachtspieß

    Der passionierte Heimatforscher Erich Meidel hat dem Museum für Franken zwei von ihm aufbewahrte Spieße überlassen. Im einen Fall handelt es sich um eine eiserne, wohl mittelalterliche Lanzenspitze aus Michelau, im anderen Fall um einen der früher weit in den Dörfern verbreiteten Kirchenwachtspieße aus Altmannsdorf.

    Die Lanze neben der Straße

    Die Lanzenspitze hatte der inzwischen 90-jährige Erich Meidel (Schweinfurt) von seinem Forscherfreund Hans Koppelt aus Gerolzhofen kurz vor dessen Tod geschenkt bekommen. Gefunden hatte sie der Mann aus dem Weißen Hof in Gerolzhofen einst auf einem seiner Suchgänge auf den Spuren unserer Vorfahren neben der Straße von Michelau in Richtung Waldschwinder Hof in der Michelauer Flur.

    Der andere Spieß diente der Kirchenwache. In Altmannsdorf hatte damit zuletzt der 2014 verstorbene Rudolf Kram den Dienst noch bis etwa 1950 während den Gottesdiensten in Hundelshausen wahrgenommen. In den Dörfern am und im Steigerwald hielt sich der Brauch den Aussagen von Erich Meidel zufolge bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Dann schlief er ein und die Kirchenwachtspieße gingen schnell verloren.

    Der Spieß unter dem Müllhaufen

    Durch einen Zufall entdeckte Meidel den Dorfspieß von Altmannsdorf einst unter verschiedenem Unrat und alten Feuerwehrhelmen neben dem einstigen Rathaus. Der frühere Bürgermeister bat ihn schließlich um die Verwahrung des Fundes. Wie Meidel bei einer damaligen Umfrage feststellen konnte, waren die Kirchwachtspieße in den Nachbarorten ebenfalls alle verschwunden. Bei einem Besuch in Würzburg überließ Erich Meidel dem Leiter des Museums für Franken, Erich Schneider, nun die von ihm aufbewahrten historischen Spieße.

    Erich Meidels Elternhaus stand in Hundelshausen. Es war das ehemalige fürstbischöfliche Jagdschloss und spätere Staatliche Forstamt, von 1933 bis 1960 Amtssitz seines Vaters, Oberforstmeister Richard Meidel. Obwohl er sich später für die juristische Laufbahn entschied, blieb er bis heute unter anderem als Jagdpächter des Reviers am Fuße des Zabelsteins eng mit dem Steigerwald verbunden. Meidels Liebe und Verbundenheit zur Heimat kommt auch in dem von ihm gegründeten Freundeskreis Vorgeschichte im Raum Schweinfurt-Gerolzhofen zum Ausdruck.

    Name Kirchenwacht ist irreführend

    Zurück zum Kirchenspieß: Der Name Kirchenwache oder Kirchenwache ist eigentlich irreführend. Denn nicht die Kirche hatte der Kirchenwächter zu bewachen, sondern das Dorf und seine Bewohner. Dorfwache und Dorfwächter hätte es deshalb richtig heißen müssen. Weil dieser Dienst aber während der Gottesdienstzeit geleistet wurde, sagte man je nach Region der Einfachheit halber Kirchenwache, Kirchawacht oder Kerchawacht.

    Die Kirchenwacht hatte eine uralte Tradition, die noch auf den Dreißigjährigen Krieg zurückgehen soll. Damals, als marodierende Soldatenbanden durchs Land zogen, war es zwingend notwendig, Wacht zu halten, wenn die Dorfbevölkerung in der Kirche versammelt war.

    Es drohten empfindliche Geldstrafen

    Schon in den evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts wird ein Wachdienst während des Gottesdienstes erwähnt. „In jenen Zeiten, da man Gottes Wort verkündet, soll sich niemand außerhalb der Kirchen, in Gassen und Märkten, in Wirtshäusern, Zechen, Spielplätzen und Geschäften aufhalten“, hieß es dazu. Bei Übertretung dieses Gebotes drohten empfindliche Geldstrafen.

    Das Bestreben von Kurfürst Maximilian von Bayern war es, im Rahmen der Gegenreformation die zum Protestantismus übergelaufenen Bauern wieder in die katholischen Kirchen zu zwingen. Der Kirchenwächter hatte also darauf zu achten, dass jedermann auch den sonntäglichen Gottesdienst regelmäßig besuchte. An Sonn- und Feiertagen durften lange auch keine Versammlungen abgehalten werden. Vielfach waren während des Gottesdienstes die Wirtshäuser geschlossen. Auch darüber galt es zu wachen. Dies war dabei immer Männersache.

    Kirchenwacht war Männersache

    Der Spieß zeichnete die jeweiligen Männer im Dorf als Kirchenwächter aus. Auch wenn der Kirchenwachtspieß mancherorts recht martialisch aussah, war er erst in zweiter Linie Waffe, sondern in der Hauptsache ein Hoheitszeichen. So war der Träger auch in Altmannsdorf mit dem in den bayerischen Amtsfarben weiß und blau bemalten Stab als Wächter und Amtsperson ausgewiesen.

    Der Wachdienst war Aufgabe aller Bauern. Jeden Sonntag versah ihn ein anderer. Waren nach dem Kirchgang die Leute wieder daheim, gab der Wächter den Spieß an den nächsten, häufig den Nachbarn, weiter. Der wusste dann, dass er am kommenden Sonntag Kirchenwachtdienst hatte. So war es in den meisten Dörfern üblich.

    Fremde im Dorf im Blick

    Während am Sonntagvormittag der Bauer mit seiner Familie und dem Gesinde zur Kirche gegangen war, hatte die Kirchenwache nicht zuletzt ein Auge auf alle Fremden im Dorf zu werfen, seien es nun durchziehende Handwerksburschen, Bettler oder andere „Verdächtige“ gewesen. Von alten Leuten, die mit den Kleinkindern zuhause geblieben waren, konnte die Wache ebenfalls zu Hilfe gerufen werden. So konnte es sein, dass eine Kuh überraschend zu kalben begann oder das Vieh im Stall unentwegt brüIIte, weil sich ein Tier losgerissen hatte. Und brach in den Bauernhäuser ein Brand aus, war es Aufgabe des Kirchenwächters, Feueralarm auszulösen und den Gottesdienst zu unterbrechen.

    Nach dem Krieg schlief der Brauch ein

    In vielen Dörfern hielt sich der Brauch der Kirchenwacht noch bis in die 1950er- und 1960er-Jahre. Dann schlief er meist stillschweigend ein, oder die Kirchwache wurde durch einen Beschluss des Gemeinderats offiziell beendet und eingestellt.

    Spätestens mit der zunehmenden Verbreitung des Telefons waren Arzt, Tierarzt, Polizei oder Feuerwehr in Windeseile benachrichtigt. Dazu brauchte es keine Kirchenwächter mehr. Mit ihnen und dem Dorfspieß als ihrem Hoheitszeichen ist ein Stück Heimatgeschichte aus dem Dorfleben für immer verschwunden.

    Der Nachtwächter in den Kleinstädten

    Den Nachtwächter mit Spieß und Laterne, der auf seiner Runde zugleich die Stunden ansang, kannte man übrigens mehr in den Kleinstädten. Der letzte Nachtwächter Gerolzhofens war Johann Fuchsenberger. Zusammen mit seinem Sohn Adolf schaute er in den 1920er- und 1930er-Jahren auf seinem Rundgang nach dem Rechten und gab notfalls mit seinem Horn Feueralarm. Zu den Tätigkeiten des Nachtwächters gehörte es auch, zusammen mit den städtischen Arbeitern das Holz für die Schulen, das Rathaus oder den Zehnthof zu machen. Als Nachtwächter fungierte Johann Fuchsenberger nur im Nebenberuf. Im Hauptberuf war er Maurergeselle gewesen.

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