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    SCHWEINFURT

    Die türkische Gemeinde nach dem Fall Büsra - der Imam spricht

    Prediger und Vater: Der Imam des Schweinfurter Integrations- und Bildungsvereins, Turan Kahveci, einmal nicht in der Moschee, sondern mit seinen Kindern, der siebenjährigen Ferhan und ihrem Bruder Berkay (4). Foto: hannes Helferich

    Für den Mord an seiner 15-jährigen Tochter Büsra ist der 46-jährige Döner-Verkäufer Mehmet Özkan vom Schwurgericht Schweinfurt vor wenigen Tagen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Der Fall hat die türkische wie die deutsche Bevölkerung in Schweinfurt sehr beschäftigt, der Justiz-Saal war an allen sechs Prozesstagen voll besetzt.

    Sofort nach der von vielen Medien als Ehrenmord dargestellten Tat verurteilten damals der türkische Ditib-Verein und das türkische Konsulat in Nürnberg die Tat und den Begriff Ehrenmord. Die anderen Schweinfurter Türkenvereine äußerten sich öffentlich bis zuletzt nicht. Turan Kahveci, der Imam des Schweinfurter Integrations- und Bildungsvereins (IBV) am Bergl, bei dem der verurteilte Özkan ebenso verkehrte wie bei der Fatih-Moschee in der Schrammstraße, sieht jetzt – nach dem Urteilsspruch – „den Zeitpunkt gekommen, etwas zu sagen“.

    „Mit dem Islam nichts zu tun“

    Für sein bisheriges Schweigen führt er zwei Gründe an: Zum einen habe die schreckliche Tat alle aufgewühlt. Er habe die Sache sich „erst einmal setzen lassen“ wollen. Und dann war da noch der Umstand, dass er, Turan Kahveci, der erste war, den der Vater nach der Tat anrief. Der Täter teilte dem Imam am Handy mit, dass er Büsra getötet habe, weil sie einen türkischen Freund habe. Er habe erst die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft abwarten wollen, sagt der Imam, der sich von einigen Medien bedrängt fühlte.

    Zum Thema Ehrenmord äußert sich der Imam, der den Reporter in seine Wohnung ins Gründerzeitviertel einlgeladen hat, deutlich: „Was Özkan gemacht hat, hat mit dem Islam nichts zu tun.“ Diese Tat sei „mit unserem Glauben nicht zu vereinbaren, sie ist gegen den Islam gerichtet“, sagt er. Es sei egal, ob es sich um einen Vater oder um einen Bruder als Täter handle. „Wir verurteilen alle, die so etwas machen.“

    Für den Mord an der angeblich über alles geliebten Tochter hat der türkische Prediger nur eine Erklärung: „Mehmet Özkan hatte psychische Probleme.“ Seiner Meinung nach haben weniger Özkans dominanter Vater, der die Rückkehr in die Türkei wollte, noch die Berufstätigkeit und besseren Deutschkenntnisse seiner Frau etwas mit der Tat zu tun. „Er war der einzige Mann, die ganze Last lag auf ihm, das war sein Hauptproblem“, sagte der Imam.

    Der Imam hatte bei seiner Zeugenaussage im Gericht Özkan als Durchschnittsgläubigen bezeichnet. Nie habe er ein noch so kleines Zeichen auf seine offensichtlich großen Probleme erhalten. Für einen „normalen Menschen, der denkt, ist diese Tat einfach nicht nachvollziehbar“.

    Kahveci weicht keiner Frage aus. Dürfen 15-, 16- oder 17-jährige türkische Mädchen einen Freund haben? Antwort: Das komme auf die Erziehung und die Familiensituation an. Es gebe Familien, die seien toleranter, andere nicht. Kopftuch? Ein Grundsatz sei das Tragen nicht, Zwang sei der falsche Weg. „Du sollst keinen Druck ausüben, damit der Islam lebt“, sagt er. Gelten gewisse Verhaltensregeln nur für Mädchen? Nein, auch junge Türken wüssten genau, „wie weit sie gehen dürfen“. Entscheidend sei auch hier „der Faktor Familie“.

    „Das Urteil ist gerecht“

    Der Geistliche lobt die Ermittler, nennt das Urteil gerecht. Es werde von der türkischen Gemeinde in Schweinfurt akzeptiert. Der Imam wünscht sich, dass das Lebenslang seine abschreckende Wirkung nicht verfehlt, damit sich eine solche Tat nicht wiederholt. Er habe nach der Tat wochenlang besonders im besser besuchten Freitagsgebet Büsras gedacht und gesagt, dass „das mit dem Islam nichts zu tun hat“. Auch er sei Vater, seine beiden Kinder vergleicht er mit seinem rechten und linken Auge, die es zu schützen gilt. „Wenn eines fehlt, ist das schlecht.“ Der Familie Özkan sagt der Imam seine und die Hilfe des Vereins zu. „Bei uns wird, wer hinfällt, aufgehoben“, sagt er und fügt an: „Wenn er es will.“

    Kurz äußert er sich auch noch zum Umzug ins DGB-Haus, das sein Verein gekauft hat. Der Umbau soll nach dem Auszug der Gewerkschaften nach dem 1. Mai beginnen und ein Jahr dauern. Solange wird am heutigen Standort in der Sudetenstraße noch festgehalten.

    Von unserem Redaktionsmitglied Hannes Helferich

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