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    Ebrach

    Die vitalsten Buchen bleiben stehen

    62 Zentimeter Stammdurchmesser hat diese Buche in der Abteilung Seifbrunn des Fortsbetriebs Ebrach. Sie erfüllt auch alle anderen Kriterien, die vor einer Fällung vorliegen müssen, so dass sie den roten Punkt von Revierleiterin Petra Diener (rechts) bekommt. Mit im Bild von links der französische Praktikant Thomas Ramirez, sein holländischer Kollege David Kymmell und Forstbetriebsleiter Ulrich Mergner. Foto: Norbert Finster

    "Der Mai macht alles grün" heißt es in der Eingangszeile eines Gedichts aus den "Kindertodtenliedern" (1834) von Friedrich Rückert. Im Jahr 2019 war das nicht mehr vollumfänglich der Fall. Die Bäume im Steigerwald haben im Wonnemonat nicht mehr vollständig ausgetrieben. Insbesondere die Buche zeigte vielfach den ganzen Sommer über eine lichte Krone. Es ist das erste Mal, dass Ulrich Mergner, Leiter des Forstbetriebs Ebrach, das beobachtet. Mergner ist seit 35 Jahren Förster.

    Die Buchen haben nicht genug Wasser gehabt in diesem Frühjahr. Weil der Transportweg für Wasser bis in die Krone am längsten ist, bleibt die unversorgt und nur die unteren Baumregionen beginnen mit dem noch vorhandenen Wasser mit der Blattbildung.

    Jetzt, Anfang Oktober, bläst ein kräftiger Wind über das Zabelsteinplateau. Er weht die herbstlich gefärbten Blätter von den Bäumen. Bald wird man nicht mehr unterscheiden können, welche Buchenkrone jahreszeitlich bedingt kein Laub mehr hat und welche in diesem Jahr nie welches trug.

    Was passiert im nächsten Frühjahr?

    Was der Wind nicht wegfegen kann, sind die Sorgen der Forstleute. Werden die Buchen im nächsten Jahr wieder vollständig austreiben, wenn es im Herbst und Winter genug regnet und schneit? Die Frage ist schwerwiegend, denn normalerweise ist bei der Blattbildung an einem Baum bereits eine Knospe für das nächste Jahr angelegt. Und diese Knospe fehlt jetzt.

    Vorschläge gibt es viele, was für die Forstleute jetzt zu tun ist. Einer von ihnen ist, gar nichts zu unternehmen, abzuwarten  und den Wald sich selber zu überlassen. Davon hält Ulrich Mergner nichts. "Wir wollen die Leistungsfähigkeit der Wälder erhalten und eine der Leistungen des Waldes besteht darin, die Sägewerke mit Holz versorgen."

    Das heißt nun aber nicht, dass willkürlich durchforstet und den Sägewerken zuliebe die besten Bäume gefällt werden. Im Gegenteil: Die Vitalität des Einzelbaums ist für Mergner und seine Mitarbeiter in den Revieren vorrangig, damit sich die heimischen Buchen über vitale Individuen an den Klimawandel anpassen können. Deshalb bleiben vitale Altbäume unabhängig von der Holzqualität jetzt im Wald.

    Bekommen die Sägewerke in Zukunft also nur noch minderwertiges Holz? Einschnitttests der Laubholzkunden haben gezeigt, dass die Holzqualität von dürregeschädigten Bäumen noch gut ist, es sei denn diese Bäume haben Schleimfluss oder Rindenschäden. Solche bereits abgestorbene oder schwer geschädigte Bäume bleiben als stehendes Totholz ebenfalls im Wald. Viele dieser Bäume leiden an einer Komplexkrankheit, das heißt, sie sind nicht nur von Wassermangel getroffen, sondern auch beispielsweise von Schleimfluss, den ein Bakterium verursacht. Durch eine vorhandene Schwächung hat es leichteres Spiel als bei einem gesunden Baum.

    Kaskadennutzung am besten

    Auch wirtschaftlich genutztes Holz verlängert die Bindung von Kohlendioxid im Material und ersetzt gleichzeitig CO2-intensive Rohstoffe. Deshalb leiste die Waldbewirtschaftung einen Beitrag zum Klimaschutz, bricht Ulrich Mergner eine Lanze für die ökonomische Nutzung des Waldes. Das Verbrennen von Holz gleich nach der Ernte ist für ihn zwar die schlechteste Form der Verwertung, ersetze aber immer noch Brennstoffe wie Öl und Gas. Am besten sei eine Kaskadennutzung, das heißt eine Nutzung von Holz zum Beispiel zuerst als langlebiger Baustoff, dann etwa als Lamellen für einen Tisch und schließlich als Späne für eine Spanplatte.

    Diese Buche hat ein Astloch, das zu einer Brutstätte für den Specht werden könnte. Sie wird deswegen nicht gefällt. Foto: Norbert Finster

    Revierleiterin Petra Diener ergänzt, dass es bei der Brenntechnik für Holz noch viel Potenzial gebe. Zudem sei Holz ein Brennstoff, der im Überfluss vorhanden ist. Diener erklärt, nach welchen Kriterien zu fällende Bäume ausgewählt werden. In der Waldabteilung Seifbrunn nahe des Zabelsteins hat Forstanwärter Felix Rabe eine Projektarbeit erstellt. Die Abteilung ist 20 Hektar groß, ihr Baumbestand durchschnittlich 160 Jahre alt. Rabe hat die ökologische Bedeutung dieses Waldes auf fünf Hektar unter der Fragestellung "Wie viel Holz kann ich ernten, ohne die biologische Bedeutung dieses Waldes zu schmälern oder gar zu zerstören?"  untersucht.

    Der Forstanwärter stellte auf einem Hektar rund 60 Altbäume fest, in etwa gleichmäßig verteilt auf die Eiche und Buche. Drei Viertel dieser Bäume hatten Biotopbaumcharakter oder eine Habitatstruktur. Letztere liegt vor, wenn ein Baum Höhlen, Risse, Fauläste, eine Zwieselbildung oder  einen offenen Holzkörper aufweist. Alle diese Bäume sind für die forstliche Nutzung tabu und dienen als Wohnraum für allerlei Lebewesen.

    Auswahl wird kleiner

    Alle fünf bis zehn Jahre wird eine Waldabteilung auf der Suche nach erntefähigen Bäumen durchforstet. Heraus kommt dabei immer weniger, weil sehr vitale Exemplare, Bioptop- und Habitatbäume sowie Bäume mit mehr als 80 Zentimeter Stammdurchmesser ausscheiden. Bei den Buchen werden diesmal nur Bäume mit weniger als 50 Prozent belaubter Krone ausgewählt.

    Geerntet werden auf den 20 Hektar im Seifbrunn nur 75 Buchen. Das entspricht 3,5 Buchen oder 15 Festmeter pro Hektar. Bei den Eichen wird gar nichts gefällt. Durch ihre tiefen Wurzeln gelangten sie noch an ausreichend Wasser und zeigen keine trockenheitsbedingte Schädigungen. Außerdem sind sie wärmeresistent.

    Ganz andere Regeln gelten allerdings bei der Verkehrssicherung. Entlang von öffentlichen Straßen, an stark besuchten Orten wie dem Parkplatz Zabelstein oder der Burgruine Stollburg sowie an Ruhebänken und Informationspunkten wird jeder Baum gefällt und jeder Ast abgeschnitten, der eine Bedrohung für Waldbesucher sein könnte. Diese Verkehrssicherung hat in diesem Jahr den Mitarbeitern des Forstbetriebs viel Arbeit abverlangt.

    Es müsste Schnee geben

    Nun hofft Ulrich Mergner auf einen niederschlagsreichen Winter am besten mit viel Schnee. Für den Wald ist Schnee die beste Niederschlagsform, denn bei Tauwetter schmilzt er nur langsam, so dass viel Wasser in den Waldboden einsickern kann, anders als bei Starkregen, wo ein Großteil des Niederschlags aus dem Wald abläuft.

    Sollte sich die Hoffnung des Forstbetriebsleiters nicht erfüllen, dann wird es wohl so sein, dass der eingangs zitierte Friedrich Rückert 185 Jahre nach dem Entstehen seines Gedichts Recht behält und die zweite Zeile Realität wird: "Der Mai macht alles grün, nur meine Hoffnung nicht."

    Der hier zu erkennende Klimawandel in Deutschland hat auch Einfluss auf die Holzernte im Forstbetrieb Ebrach. Die blauen Farbtöne stehen für kalte Jahre, die roten für warme. Foto: Norbert Finster

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