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    Geldersheim

    Droht dem Soultalk-Projekt im Ankerzentrum das Aus?

    Beratungsgespräch: Saad Ibrahim Guelle ist einer der Laienberater in der Ambulanz für seelische Gesundheit in der Ankereinrichtung. Er berät neu angekommene Geflüchtete mit seelischen Problemen.   Foto: Foto SoulTalk

    Es ist fest etabliert, wissenschaftlich evaluiert und sehr erfolgreich: das "Soultalk"-Projekt. In der "Ambulanz für Seelische Gesundheit" in der Schweinfurter Ankereinrichtung bieten geschulte Geflüchtete psychosoziale Beratung für neuangekommene Geflüchtete an - und das in der Muttersprache. Doch dem vielversprechenden Projekt der Würzburger Erlöserschwestern könnte das Aus drohen, weil weder Bund- noch Landesregierung bei der Finanzierung mithelfen wollen.

    "Wir verstehen es nicht", zeigt sich die Pressereferentin der Kongregation, Miriam Christof, enttäuscht. Die Erlöserschwestern finanzieren seit 2017 alleine das von Ärzte ohne Grenzen angestoßene Projekt mit Kosten von 250 000 Euro im Jahr. "Wir haben bis heute keine staatlichen oder städtischen Gelder dafür erhalten." Auf Dauer übersteige die Finanzierung aber die Mittel der Kongregation. Mit Hilfe von Zuwendungen aus Stiftungen, Spenden und Crowdfunding-Aktionen könne man das Angebot noch bis Jahresende aufrechterhalten, kündigt Miriam Christof an.

    Hilfe auf Augenhöhe

    Soultalk ist ein niedrigschwelliges Angebot zur psychosozialen Betreuung von Flüchtlingen. In einer dreiwöchigen Schulung werden Menschen zu psychosozialen Beratern ausgebildet, die selber Fluchterfahrungen gemacht haben, und dieselben Sprachen wie die Geflüchteten sprechen. Es geht um eine Art Hilfe auf Augenhöhe. Die Laienberater ersetzen allerdings nicht die fachliche Betreuung durch Therapeuten, Psychologen und Ärzten, sondern ergänzen diese. Sie arbeiten mit zwei hauptamtlichen Psychologinnen zusammen und nehmen regelmäßig an Fortbildungen teil.

    Dieses Peer-to-Peer-Konzept hat Ärzte ohne Grenzen für Krisenregionen entwickelt. Dabei geht es nicht darum, die Vergangenheit aufzuarbeiten oder psychische Störungen zu entdecken, sondern den Menschen jetzt und hier zu helfen. Mit dem Modellprojekt Soultalk in der Schweinfurter Ankereinrichtung wurde es erstmals auch in Deutschland umgesetzt. Die Erlöserschwestern hatten gehofft, Nachahmer zu finden. Interessenten gab es bundesweit. Aber nachdem der Bund seine Zuwendungen an die Länder für die Flüchtlingsarbeit eher kürzen als aufstocken will, muss man stattdessen nun um den Fortbestand des eigenen Leuchtturmprojekts fürchten.

    2312 Beratungen seit Projektbeginn 2017

    In der Ambulanz für Seelische Gesundheit im Schweinfurter Ankerzentrum erfolgten seit Projektbeginn 2312 Einzel- und Gruppenberatungen. Allein im vergangenen Monat April gab es 94 Beratungsgespräche, berichtet Hannah Zanker, die psychologische Leiterin der Ambulanz. Die Erfahrung der vergangenen zwei Projektjahre habe gezeigt, dass zwischen zwei und sechs Prozent der Bewohner der Ankereinrichtung regelmäßig die Ambulanz für seelische Gesundheit aufsuchen. Das ist eine hohe Zahl. Vor allem, weil es viele Flüchtlinge aus ihren Heimatländern nicht gewohnt sind, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. 

    Beraterin Parisa Zare Moayedi im Gespräch mit einer Geflüchteten. Foto: Foto SoulTalk

    Das Schweinfurter Modellprojekt wurde von Beginn an vom Institut für Psychologie an der Universität Würzburg wissenschaftlich begleitet und wird laufend wissenschaftlich evaluiert. Aktuell schreiben zwei Psychologie-Studentinnen ihre Masterarbeiten im Soultalk-Projekt. "Wir wollen beispielsweise überprüfen, wie hilfreich unsere Gruppen für die Klienten sind, was sie dort lernen und ob sich durch die Vermittlung der Stressbewältigung ihre psychische Gesundheit verbessert", erklärt Hannah Zanker. Erste Ergebnisse aus den bisherigen Masterarbeiten würden Hinweise darauf geben, dass die Peer-to-Peer-Beratung die hohen Belastungen der Bewohner abfedern und den Umgang mit Stress verbessern. 

    Keine staatliche Förderung

    Anhand dieser Forschungsergebnisse hatte man gehofft, dem Staat seine Verantwortung für die psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen bewusst machen zu können, nachdem das bayerische Sozialministerium nach Angaben der Kongregation bereits 2017 zwei Anträge auf Kostenübernahme abgelehnt hatte. Entsprechende Anfragen sind nun aber erneut negativ beschieden worden. Das Bundesgesundheitsministerium fördert nur "neue Projekte" und der Freistaat Bayern "stellt für Traumaberatung von Flüchtlingen keine separaten Mittel bereit", zitiert Miriam Christof die offiziellen Begründungen für den Ablehnungsbescheid.

    "Psychische Gesundheit ist für eine gelingende Integration genauso wichtig wie körperliche Gesundheit."
    Hannah Zanker, Psychologin

    Auf Nachfrage dieser Redaktion bei Staatssekretär Gerhard Eck konkretisiert die Pressestelles des Bayerischen Staatsministeriums des Innern ihre Gründe für die Absage. In der Pressemitteilung wird auf das allgemeine medizinische Versorgungsangebot verwiesen, das Asylbewerberinnen und Asylbewerbern zur Verfügung stehe. Dieses umfasse auch den psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich und ermögliche sowohl stationäre als auch ambulante und komplementäre Behandlungen. Der Freistaat habe zudem in den Ankereinrichtungen Ärztezentren eingerichtet, die neben der allgemeinmedizinischen Versorgung in der Regel auch die Bereiche Pädiatrie und Psychiatrie bzw. Psychotherapie abdecken würden. "Eine darüberhinausgehende Förderung weiterer, alternativer Projekte, die nicht zur medizinischen Versorgung zu zählen sind, ist leider nicht möglich", heißt es in der Stellungnahme des Bayerischen Staatsministeriums des Innern. 

    Versorgungslücke im niederschwelligen Bereich

    In der Realität zeigt sich allerdings, dass im niederschwelligen Bereich eine Versorgungslücke besteht. "Die psychische Belastung von Geflüchteten ist hoch, auch von den Bewohnern des Ankerzentrums", so die Erfahrung von Psychologin Hannah Zanker. Sie bräuchten deshalb zuerst einmal Vertrauenspersonen, mit denen sie sich in ihrer Muttersprache austauschen können. "Unser Projekt schließt diese Lücke, es bietet Prävention an und stabilisiert die Geflüchteten", verdeutlicht die Psychologin die Wichtigkeit von Soultalk. Denn gerade dadurch, dass die Geflüchteten hilfreiche Strategien im Umgang mit Belastung erhalten, werde ja verhindert, dass sie psychische Störungen entwickeln. "Psychische Gesundheit ist für eine gelingende Integration doch genauso wichtig wie körperliche Gesundheit", so die Psychologin. 

    "Wir kämpfen jetzt", gibt Miriam Christof das Projekt noch nicht verloren. Im Netz und über Facebook gibt es Spendenaufrufe. Und es werden Unterstützer gesucht. In der ehemaligen Landtagspräsidentin Barbara Stamm habe man bereits eine Fürsprecherin gefunden, freuen sich die Erlöserschwestern über die prominente Hilfe.

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