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    Schweinfurt

    Ein Santa Claus mit Sorgenfalten

    Ho-ho-ho: Kaum ein Heiliger hat eine derart weltumspannende, um nicht zu sagen weltumfliegende Karriere hingelegt wie Nikolaus, im vierten Jahrhundert noch wundertätiger Bischof von Myra in der sonnigen Türkei. Rauschebärtig, im roten Mantel von Coca Cola, lenkt er in der schönen, knallbunten Werbewelt vor Weihnachten fliegende Rentierschlitten. Wenn er nicht gleich auf festlich illuminierten Christmas-Trucks voll pappsüßer Brauselimonade daherrollt. Völkerkundler munkeln, dass unser Bild vom rotweißen Überflieger aus dem Winterwunderland mit der Vorliebe sibirischer Rentierzüchter-Schamanen für Fliegenpilze zusammenhängen könnte.

    Die Popularität war irgendwie schon im Namen angelegt. Nikolaos bedeutet im Griechischen soviel wie "Sieg des Volkes". Kirchenkunst-Experte Jürgen Lenssen näherte sich am 6. Dezember, dem Nikolaustag, im Gunnar Wester-Haus, dem "wahren" Heiligen hinter Santa Claus, der mehr ist als nur eine Werbeikone. "Der Heilige Nikolaus war ein Freund der Kinder, ein Freund der Bettler und der Seefahrer", sagt der emeritierte Domkapitular aus Würzburg vor kleinem, aber gespannt lauschendem Publikum. Mittlerweile hat Nikolaus 38 Schutzpatronate inne: "Soviel wie kein anderer." Zuständig ist er unter anderem noch für Tuchmacher, Metzger und Rechtsanwälte, ebenso wie für die Diebe. In der Ikonensammlung von Fritz Glöckle nimmt er eine prominente Stellung ein: Für die russisch-orthodoxe Kirche ist er einer der bedeutendsten Glaubenszeugen überhaupt. Allerdings wurde der Kirchenmann teilweise mit einem Namensvetter verwechselt, dem Abt Nikolaus im nahen Kloster Sion, der mehr als 200 Jahre später zur Legendenbildung beitrug.

    Geschenke waren schon jeher die Kernkompetenz des Nikolauses 

    Kernkompetenz war seit jeher das Beschenken von Kindern, die so arm waren, dass sie abends ihre Socken zum Trocknen aufhängen mussten. Drei mittellose Jungfrauen wären um ein Haar im Freudenhaus gelandet, wenn ihnen Nikolaus nicht diskret einen Geldbeutel durchs Fenster geworfen hätte: "Später wurde daraus ein Kamin."

    Er rettete unschuldig Verurteilte vor dem Henker, außerdem, als Traumgestalt bei Kaiser Konstantin, drei byzantinische Feldherren ("Stratelaten"), die Zeugen des Vorfalls geworden waren. Ein Wirt, der drei wandernde Schüler aus Habgier ermordete und dem Bischof als Speise vorsetzte, wurde enttarnt, das Trio der Mordopfer wiedererweckt. Nikolaus bewahrte Schiffe vor Havarie und konnte, wie es sich für einen künftigen Seenotretter gehört, schon im Alter von zwei Wochen in der Badewanne stehen. Ein von den Arabern verschleppter Sohn wurde den Eltern via Sturm durch die Lüfte zurückgebracht. Oder aus Kornschiffen Getreide abgezweigt, für die hungerleidende Heimat Lykien. Als die Ladung in Konstaninopel ankam: "siehe da, es fehlte nichts."

    Ein Menschenfreund, der sich um Sorgen und Nöte kümmert

    Das mit den körperlichen Züchtigungen könnte auf die Watschn zurückgehen, die der Bischof dem höchst unartigen Häretiker Arius verpasst haben soll, 325 auf dem Konzil von Nicäa. Selbst das Spekulatius-Gebäck verdankt dem Namen dem "Spekulator" aus dem Nahen Osten: einer, der ganz in in der "geistigen Betrachtung" seines Vorbilds Christus aufging. Auf einer der goldglänzenden Ikonen wird er denn auch mit Sorgenfalten auf der hohen Stirn dargestellt: der Heilige Nikolaus ist ein Menschenfreund, der sich um alle Nöte und Sorgen kümmert, so die Botschaft.

    Wie so oft im Mittelalter, rief die Beliebtheit des "Über-Heiligen" Spekulanten auf den Plan. 1087 "translozierten" italienische Seeleute seine Reliquien aus der Türkei nach Bari, zwecks wirtschaftlicher Belebung der Hafenstadt: wo sie bis heute in seltener Ökumene zusammen mit orthodoxen Gläubigen verehrt werden. In deutsche Lande kam der Nikolauskult schon 972, als die byzantinische Prinzessin Theophanu den künftigen Kaiser Otto II. ehelichte. Im Zuge der Refomation wurde aus dem Heiligen dann vielerorts der doch ziemlich profane "Weihnachtsmann".

    Vor den Schweinfurter Tafelbildern geschieht zuletzt Merkwürdiges. Am Ende des Vortrags taumelt ein offenkundig Betrunkener, vielleicht vom Weihnachtsmarkt her, ins Museum, beginnt zu tanzen und trollt sich wieder. Ein Jurodiwy, ein "Narr in Christo", wie gläubige Russen sagen würden? Die Ikone des Heiligen Nikolaus scheint jedenfalls milde zu lächeln.

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