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    GEROLZHOFEN

    Ein Wetter wie im Wüstenstaat

    Die Brunnen in Gerolzhofen, hier am Scherenbergturm in der Östlichen Allee, wurden mit Ausnahme des Marktplatzbrunnens wegen des akuten Wassermangels abgeschaltet. Foto: Klaus Vogt

    Seit Monaten hat es zwischen Steigerwald und Main kaum geregnet. Die Folgen: wenig Wasser in den Bächen, sinkendes Grundwasser und Ernteeinbußen bei der Landwirtschaft. Es trifft eine Region, die eh schon zu den trockensten in Deutschland gehört. Im Schweinfurter Becken fallen im gesamten Jahr mitunter nur 450 Liter Niederschlag, sagt Leonhard Rosentritt, der Leiter des Wasserwirtschaftsamts Bad Kissingen. „Diese Regenmenge entspricht in etwa dem Niederschlagsvolumen in Nordjordanien.“ Und dort entstehen punktuell Wüstengebiete...

    Nach einem feuchten Jahresbeginn 2018 begann ab Mai die meist sonnige, durchgehend warme Zeit. Wenn es regnete, dann nur bei Unwettern. Und dies auch nur regional begrenzt. Der Gerolzhöfer Stadtgärtner André Ditterich hat sich die Niederschlagsmengen dieses Jahres notiert. Anhand seiner Unterlagen ist ersichtlich, dass es von Januar bis April rund 170 Liter pro Quadratmeter geregnet hat. Im Mai waren es 65 Liter, im Juni 50 Liter. Gewitterschauer sorgten im Juli für 55 Liter.

    Der heiße August brachte dann aber nur noch 28 Liter und im September wurde es mit läppischen 26 Litern allmählich dramatisch. Im Oktober ist bis jetzt kein einziger Tropfen gefallen. Insgesamt gab es in 2018 in Gerolzhofen bislang also nur 394 Liter Niederschlag. Nordjordanien lässt grüßen.

    Wenig Wasser im Bach

    Die Folgen sind unübersehbar: In den Bächen fließt kaum noch Wasser und auch der Grundwasserpegel geht zurück. „Der Wasserstand in den kleinen Bächen ist unheimlich niedrig“, sagt Leonhard Rosentritt. Auch im Volkachbach sei nur noch sehr wenig Wasser, das habe er erst dieser Tage bei einem abendlichen Spaziergang selbst festgestellt, erzählt der Chef des Wasserwirtschaftsamts (WWA), der in Gerolzhofen wohnt.

    Das Ganze lässt sich auch mit Zahlen belegen. Das WWA betreibt bei Dingolshausen eine automatische Mess-Stelle am Volkachbach. Dort wird unter anderem die Durchflussmenge erfasst. Beim Blick auf die Daten von 2018 zeigt sich, dass ab Mai die Ablaufmenge im Bach deutlich zurückgegangen ist: Sie fiel erstmals in diesem Jahr mit 80 Litern pro Sekunde auf einen nur noch zweistelligen Wert. Danach wurde die Wassermenge von Tag zu Tag weniger. Im August flossen nur noch rund 31 Liter pro Sekunde in Richtung Main. Dies hat sich jetzt, Mitte Oktober, nochmals deutlich verschlechtert: Momentan werden nur noch 23 Liter gemessen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Abfluss-Menge des Bachs – statistisch erfasst bereits seit dem Jahr 1967 – beträgt 118 Liter in der Sekunde.

    Nur noch Quellwasser

    Den Laien überrascht es aber, dass trotz der Dürre überhaupt noch Wasser in der Volkach, im Nützelbach, im Silberbach oder in der Weidach fließt. Oberflächenwasser nach einem Regenguss kann es ja nicht sein. „Es handelt sich dabei um Grundwasser“, erklärt Leonhard Rosentritt, das aus Quellen austrete und in die Bäche gelange. „Wir leben hier noch vom vergangenen Winterhalbjahr, das recht niederschlagsreich war.“ Nach fünf zu trockenen Wintern hintereinander habe sich vom vergangenen November bis April der Grundwasserbestand einigermaßen auffüllen können.

    Regen oder Schnee in den kühleren Monaten, die langsam versickern, ist für das Grundwasser existenziell. Niederschläge im Sommer bringen für den Grundwasserspiegel hingegen so gut wie nichts. Denn der meiste Regen wird hier von der im vollen Saft stehenden Vegetation aufgesaugt oder fließt oberflächlich ab.

    Bäche trocken gefallen

    Doch Messungen zeigen, dass auch das Grundwasser in den vergangenen Wochen und Monaten gefallen ist. Im nördlichen Unterfranken seien inzwischen einige kleinere Bäche schon komplett trocken gefallen, weil die vom Grundwasser gespeisten Quellen versiegt sind, berichtet Rosentritt. Das ist für die Ökologie das Bachs verheerend. „Alles Leben stirbt ab.“ In der Region rund um Gerolzhofen liege man beim Grundwasser ebenfalls bereits im Niedrigwasserbereich. Jetzt brauche es dringend einen erneut nassen Winter mit reichlich Niederschlag. „Sonst haben wir ein Riesenproblem.“

    Leonhard Rosentritt ist aber optimistisch, dass dieser nasse Winter heuer kommen wird. Anhand eigener langjähriger Untersuchungen hat er festgestellt, dass Wettersituationen sich in Perioden von etwa fünf bis sieben Jahren abspielen – unabhängig vom Klimawandel, der dafür sorge, dass innerhalb dieser Periode die Extreme häufiger werden. Die mehrjährige Phase mit zu trockenen Wintern dürfte zu Ende sein.

    Friedhofbrunnen ist versiegt

    Sinkendes Grundwasser hat natürlich auch Auswirkungen auf Brunnen, die zur Wasserförderung genutzt werden. Die Situation ist je nach Brunnenstandort sehr unterschiedlich. Der städtische Brunnen, der normalerweise das Gießwasser für den Gerolzhöfer Friedhof bereitstellt, ist versiegt, bestätigt Bauhofleiter Norbert Hackenberg. Deshalb wurde die Wasserversorgung im Friedhof notgedrungen auf Fernwasser umgestellt. Wegen des ausbleibenden Brunnenwassers und um das kostbare Trinkwasser nicht zu vergeuden, wurden alle öffentlichen Brunnen im Gerolzhöfer Stadtgebiet abgeschaltet. Als einzige Ausnahme läuft nur noch der große Brunnen am Marktplatz.

    Keine Probleme macht unterdessen der Brunnen auf dem Gelände der Gerolzhöfer Kläranlage, der offenbar von der feuchten Gegend rund um die Hörnau profitiert. Vor dort holt sich auch die Stadtgärtnerei kubikweise das Gießwasser, damit die jungen Bäume und der Bewuchs in den öffentlichen Grünanlagen einigermaßen heil durch die Trockenheit kommen. Im Hochsommer wurden die rund 55 kleinen Blumentröge in der Innenstadt dreimal pro Woche mit dem Wasserfass angefahren. Diesen Rhythmus hat Stadtgärtner André Ditterich jetzt im immer noch warmen Herbst auf einmal pro Woche reduzieren können.

    Mäuse zerbeißen Wassersäcke

    Noch immer gegossen werden müssen auch die etwa 150 jungen Bäume, die an den unterschiedlichsten Stellen in der Gerolzhöfer Gemarkung gepflanzt wurden. Dort hatte sich der Einsatz von Wassersäcken bewährt, die das wertvolle Nass durch kleine Perforierungen langsam zu den Baumwurzeln ins Erdreich abgeben und die nur einmal pro Woche aufgefüllt werden müssen. Allerdings hat André Ditterich jetzt alle Säcke einsammeln lassen. Der Grund ist ungewöhnlich und war beim Start des Projekts vor drei Jahren so nicht vorhersehbar: Die Wassersäcke werden in diesem Jahr massiv von Mäusen zerbissen. Die Nager finden oft kaum noch eine offene Wasserstelle und machen sich in ihrer Not deshalb über die Wassersäcke her. Die entstandenen Schäden an den Säcken seien inzwischen so groß, dass es in dieser Extremsituation letztlich wirtschaftlicher sei, wieder per Hand zu gießen, statt sich die Säcke komplett zerstören zu lassen, sagt Ditterich.

    Auch für den Brunnen am Haupteingang des Friedhofs ist die Saison wegen der anhaltenden Trockenheit schon beendet. Foto: Klaus Vogt
    In diesem Jahr hat es bislang viel zu wenig geregnet. Das Erdreich ist ausgedörrt. Die Maschinen in der Landwirtschaft ziehen lange Staubfahnen hinter sich her. Foto: Waldemar Wiederer

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