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    Gerolzhofen

    Ein aufwühlendes Geburtstagsgeschenk

    Nach alter jüdischer Tradition legte Yael Sharf aus Israel bei ihrem Besuch in Gerolzhofen an den Grabstätten ihrer Vorfahren auf dem Israelitischen Friedhof am Kapellenberg einen Stein nieder. Foto: Karin Sauer

    „80 Jahre alt musste ich werden, um zu erfahren wo meine Wurzeln liegen“, sagte Yael (Gabriele) Sharf und blickte auf den Stolperstein, der in der Bahnhofstraße 5 vor dem dortigen Optik-Geschäft ins Pflaster eingelassen ist. Er erinnert an Kathi Langstädter, ihre Großmutter. Sie stammte aus der angesehenen jüdischen Gerolzhöfer Familie Lichtenauer und erlitt wie viele ihrer Familienmitglieder das unfassbare Schicksal des Holocausts, der Shoa, wie die Israeliten den Völkermord an den Juden auf Hebräisch nennen. Vom nationalsozialistischen Regime diskriminiert und 1942 verschleppt, wurde sie in  einem der Menschenvernichtungslager der Nationalsozialisten im Raum Lublin im damals besetzten Polen umgebracht.

    Aufgrund der vorbereitenden Recherchen zur Stolpersteinlegung 2016 durch das Gerolzhöfer KulturForum für Kathi Langstädter hatte Evamaria Bräuer herausgefunden: in Israel, in einer kleinen Siedlung, Oranit nahe bei Tel Aviv, lebt eine Enkelin, eben Yael Sharf. Aus familiären Gründen konnte sie damals die Einladung nicht annehmen. Sie bedauerte dies sehr, zumal sie durch die Stolpersteinverlegung zum ersten Mal erfuhr, dass ihre Vorfahren großmütterlicher Seite aus Gerolzhofen stammen. Doch nun beschlossen ihre beiden Töchter, Liat Gertmann und Orit Sasson, ihre Mutter zum 80. Geburtstag mit dieser berührenden Reise in die familiäre Vergangenheit zu beschenken. Beide begleiteten sie nach Deutschland.

    Spurensuche mit Evamaria Bräuer

    In Gerolzhofen wurden die Gäste aus Israel von Evamaria Bräuer herzlich begrüßt. Nach dem ersten Kennenlernen mit intensivem Informationsaustausch, begleitete die Stadtführerin und profunde Kennerin der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Gerolzhofen die drei Frauen bei einem ersten Stadtrundgang. Die Spurensuche führte Yael Sharf durch die Innenstadt entlang der bestehenden Häuser, in denen ehemals ihre Vorfahren lebten und arbeiteten.

    Erste Station war das 1877 von der Familie erworbene Anwesen Bahnhofstraße 16. Hier kam Kathi Lichtenauer 1880 als Zwillingsmädchen zur Welt. 1906 heiratete sie den Metzger Heinrich Langstädter aus Memmelsdorf. Mit dem gemeinsamen Sohn Bruno (Yaels Vater) musste sie als Kriegerwitwe des Ersten Weltkrieges – ihr Mann Heinrich starb in Flandern an den Folgen eines Senfgasangriffs – ihr beider Leben als Haushälterin in verschiedenen Orten meistern. 1935 kehrte sie nach Gerolzhofen zurück, um ihre erkrankte Schwester zu pflegen. Hierzu bezog sie eine bescheidene Unterkunft bei der jüdischen Familie Brodmann in der Bahnhofstraße.

    Der Stolperstein in der Bahnhofstraße

    Kathi Langstädter mit ihrem Sohn Bruno vor der Abreise 1939 von Gerolzhofen nach Palästina. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wurde sie 1942 von den nationalsozialistischen Machthabern aus Gerolzhofen deportiert und im Konzentrationslager ermordet. Foto: Sammlung Evamaria Bräuer

    Sehr ergriffen betrachteten Yael Sharf und ihre Töchter den 2016 verlegten Stolperstein, der die einzige sichtbare Erinnerung an ihre Großmutter ist. In diesem Moment wurde ihr erstmals richtig bewusst: hier liegen meine Wurzeln. Zum Gedenken an ihre Großmutter zündete sie vor Ort eine Kerze an.

    Yaels Vater Bruno, der seine Schulzeit beim Onkel in Ingelheim verbrachte, besuchte schon sehr frühzeitig ein zionistisches Hachshara-Camp in Norddeutschland, eine vorbereitende Einrichtung für junge Palästina-Auswanderer. Hier lernte er seine künftige Frau aus Stettin kennen und beide gelangten mit einem Schiff ins damals britische Mandatsgebiet. 1939 wurde Tochter Yael dort geboren.

    Deutsch in Israel von den Eltern gelernt

    Yael Sharf spricht ein ausgezeichnetes Deutsch und auf die Frage, wo sie die Sprache gelernt habe, antwortete sie: „Ich habe nie eine einzige Deutschstunde gehabt, meine Eltern sprachen deutsch.“ Obwohl ihr Vater Bruno in all den Jahren kein einziges Wort über seine Wurzeln in der europäischen Heimat und das dort Erlebte verlor, habe er trotzdem die deutsche Sprache gepflegt.

    Über das tragische Schicksal seiner Mutter, Yaels Großmutter, hatte er all die langen Jahre geschwiegen. So erfuhr die Enkelin erst im Nachhinein, dass ihre Oma Kathi 1939 mit einem Besuchervisum nach Palästina gereist war, um ihre dort geborene Enkelin zu sehen. Es sollte das erste und einzige Mal bleiben.

    Warum kehrte Kathi ins Hitler-Deutschland zurück?

    Über die Gründe der Rückreise nach Deutschland fehlen nähere Informationen. Besaß sie nur ein befristetes Visum durch die Briten, waren es die beengten Wohn- und eingeschränkten wirtschaftlichen Verhältnisse des Sohnes, oder war es das Pflichtbewusstsein gegenüber der Familie in Gerolzhofen? Sicher ist, dass Kathi Langstädter zurückkehrte. Mit dem heutigen Wissen um den Verlauf der Geschichte und deren Folgen eine fatale Entscheidung. Es war, wie eingangs beschrieben, ihr Todesurteil.

    Nach der Würdigung des Stolpersteines zeigte Evamaria Bräuer bei einem Rundgang weitere ehemalige Wohn- und Geschäftshäuser der Familie. Dazu Gedenkstätten, wie das Deportationsdenkmal mit dem Koffer-Symbol der letzten Habe in der Marktstraße oder den Erinnerungsstein an das Pogrom 1938 und die frühere Synagoge in der Steingrabenstraße.

    Tief beeindruckt und dankbar waren die Besucherinnen von der sichtbaren guten Erinnerungsarbeit der Stadt Gerolzhofen. Eine weitere Station des Besuches führte die Gäste übrigens nach Ingelheim, wo dem Bruder von Heinrich Langstädter eine Straße gewidmet ist.

    Yael Sharf erzählte, dass sie nicht das erste Mal in Deutschland gewesen war. Mit Jugendgruppen waren sie und ihr verstorbener Mann Josef oftmals zum Jugendaustausch in Berlin unterwegs. Die Aussöhnung sei beiden schon immer ein großes Anliegen gewesen. Nach Gerolzhofen hatte sie aber dabei nie der Weg gefgührt.

    An den Gräbern der Urahnen in Gerolzhofen

    Voller Emotionen für Mutter und Töchter war der Besuch des Israelitischen Friedhofs auf dem Kapellenberg. Es muss ein besonderes Gefühl gewesen sein, die Gräber der Urahnen zu besuchen, von denen man Jahrzehntelang nichts ahnte.  Evamaria Bräuer führte sie zu allen bisher zugeordneten Grabstätten der weitverzweigten Lichtenauer Familien. Diese „Mischpochologie“, wie sie Yael Sharf bezeichnet, reicht bis ins Jahr 1736 zurück.

    Innerlich erregt und aufgewühlt von der kaum fassbaren, umfangreichen Familiengeschichte, legte Yael Sharf nach alter Tradition an den Grabstätten jeweils einen kleinen Stein nieder. Auf die Frage, was sie denke und fühle, konnte sie kaum Worte finden. Nur soviel brachte sie heraus: „Ich kann das alles gar nicht fassen. In meinem Kopf dreht sich alles und ich muss die zwei Tage des Aufenthalts erst einmal richtig verarbeiten.“

    Umfangreiches Material überreicht

    Mit dem umfangreichen Urkunden- und Recherche-Material, das ihr Evamaria Bräuer überreichte, dürfte es für Yael Sharf kein Problem sein, das Erlebte und all die gewonnenen Erkenntnisse an ihre Enkel und Urenkel in Israel weiterzugeben.

    Ein sogenannter Stolperstein in der Bahnhofstraße ist die einzig verbliebene Erinnerung von Yael Sharf an ihre Großmutter Kathi Langstädter, geborene Lichtenauer. Zu ihrem Gedenken zündete sie jetzt hier bei ihrem Besuch in Gerolzhofen eine Kerze an. Im Bild von links: Yael Sharf, Evamaria Bräuer und Yael Sharfs Töchter Liat Gertmann und Orit Sasson. Foto: Karin Sauer

    Bearbeitet von Karin Sauer

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