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    Gerolzhofen

    Eine Bahnlinie für 780 000 Euro

    Der letzte Gütertransport auf der Steigerwaldbahn. Beim Abzug der Amerikaner 2006 war die jetzt stillgelegte Strecke noch einmal richtig gefragt. Jetzt will sie die Deutsche Bahn verkaufen. Foto: Marcel Gsänger

    Die Deutsche Bahn will den größten Teil der Trasse der Linie Kitzingen-Schweinfurt verkaufen. Die Strecke befindet sich im aktuellen Immobilien-Angebot der DB. Für das rund 42 Kilometer lange Teilstück von Kitzingen-Etwashausen (Kilometer 5,37) bis Schweinfurt-Sennfeld (Kilometer 47,239) möchte die Bahn 780 000 Euro haben. Die Flächengröße der Strecke beträgt 576 665 Quadratmeter.

    Dazu gehören auch die Aufweitungsflächen in den ehemaligen Bahnhöfen und Haltestellen Kleinlangheim, Wiesentheid, Prichsenstadt, Stadelschwarzach und Järkendorf im Landkreis Kitzingen sowie Lülsfeld, Grettstadt und Gochsheim im Kreis Schweinfurt. Die ehemaligen Ladehof- und Lagerplatzflächen links und rechts der Gleistrasse in Gerolzhofen und Alitzheim sollen zu einem späteren Zeitpunkt separat zum Verkauf angeboten werden. Letzte Frist für Bieter ist der 14. März, exakt der Tag, an dem der Kreistag Schweinfurt darüber entscheidet, ob die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) ein Gutachten zur potenziellen Reaktivierung der Strecke erstellen soll oder nicht.

    Wer die Strecke kaufen möchte, muss sie nehmen, wie sie steht und liegt, einschließlich des Schotters auf der Trasse. Die Bahn weist darauf hin, dass die Strecke nicht von Bahnbetriebszwecken freigestellt ist. Das ist ein wichtiger Punkt, denn so lange das nicht der Fall ist, kann ein potenzieller neuer Eigentümer die Strecke nicht zurückbauen und muss sie im Falle einer Reaktivierung wieder für den Bahnbetrieb bereitstellen. Das bestätigt die Deutsche Bahn in München, ebenso wie Tatsache, dass sie das Bahnareal nur als Ganzes verkaufen wird.

    Die Pressestelle der Deutschen Bahn in München zeigte sich auf einen Fragenkatalog dieser Redaktion allerdings als sehr wortkarg. Sie teilte lediglich mit, dass die DB das letzte Teilstück zwischen Sennfeld und Schweinfurt Hauptbahnhof nicht verkaufen wird, weil sie es noch für Gleisanschlusskunden in Schweinfurt braucht. Die Bahn bestätigt auch, dass bereits mehrere Kaufinteressenten auf den Plan getreten sind.

    Keine Antwort gab es auf die Frage, warum die Bahn ausgerechnet zum jetzigen Zeitpunkt verkaufen will, wo Bewegung in das Thema Reaktivierung kommt. Und keine Antwort auf die Frage, warum die Bahn den Pächter bis 2016, die Deutsche Regionaleisenbahn, nicht sanktioniert hat, weil der die Strecke weitgehend verfallen ließ. Dabei stand im Pachtvertrag, dass die Bahnanlagen bei Beendigung des Pachtverhältnisses in dem Zustand zurückzugeben sind, in dem sie übernommen wurden. Auf einen befahrbaren Zustand hatte auch der Kitzinger Unternehmer Markus Blum gepocht, der die Strecke kaufen und reaktivieren wollte.

    Schnäppchen für Schrotthändler

    Sollte nun die Strecke tatsächlich entwidmet werden, könnte sie zum Schnäppchen zum Beispiel für Schrotthändler werden. Denn der Schienenstrang auf 42 Kilometern Länge bringt einiges an Tonnage auf die Waage. Und die Preise für Altmetall steigen. Schienen bestehen aus Walzstahl. Dafür gibt es im Moment etwa 16 Cent pro Kilo. Ein Meter Schiene wiegt zwischen 40 und 60 Kilo, je nach Höchstlast der Fahrzeuge, die darauf fahren. Danach würde alleine der Verkauf der Schienen im schlechtesten Fall über eine halbe Million Euro bringen und der Eigentümer hätte immer noch die Fläche.  Andererseits könnte der aber auf potenziellen Altlasten und ganz viel Schotter sitzen bleiben. 

    Doch das ist alles Spekulation: Die Entscheidung über eine Entwidmung treffen im Fall des kurzen Teilstücks zwischen Schweinfurt und Gochsheim das Eisenbahnbundesamt, genauer dessen Außenstelle in Nürnberg, und für den Rest der Strecke bis Großlangheim die Regierung von Mittelfranken. Seitens des Eisenbahnbundesamts bestand zunächst eine Frist zur Stellungnahme für den Landkreis hinsichtlich des die Gemeinde Sennfeld betreffenden Abschnitts bis zum 7. März.

    Auf Bitten von Landrat Florian Töpper hat das Eisenbahnbundesamt die Frist auf den 31. März verlängert. Damit kann sich jetzt der gesamte Kreistag in seiner Sitzung am 14. März mit der Thematik befassen und nicht nur der Kreisausschuss, wie zunächst geplant, um die erstgenannte Frist wahren zu können. Auch die Regierung von Mittelfranken hat bereits zugesagt, die Frist für "ihren" Streckenteil (30. Juni) um eine angemessene Zeit zu verlängern, wenn es einen Auftrag des Kreistags für ein Gutachten durch die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) geben sollte. Ein solches Gutachten dürfte kaum in einem Zeitraum von dreieinhalb Monaten fertig sein, falls es der Kreistag an diesem Donnerstag anfordert.

    Einwände vom BN und Thomas Vizl

    Einwendungen gegen eine Entwidmung der Trasse haben inzwischen die Kreisgruppe Schweinfurt des Bund Naturschutz und der Gerolzhöfer Geo-net-Stadtrat und Grünen-Kreisrat  Thomas Vizl ans Eisenbahnbundesamt gerichtet.  Die Kreisgruppe sieht in einer Entwidmung ein naturschutzrechtliches Problem. Die Bahnlinie biete im Zusammenhang mit der möglichen Reaktivierung einen eingriffsarmen und leistungsfähigen Verkehrsweg in einem besonders sensiblen Flächenkontext. Die Vielzahl von schützenswerten Flächen und Biotopen in räumlicher Nähe der Verkehrsströme, welche auch durch die Eisenbahnlinie abgedeckt werden könnten, drohe durch die verkehrliche Entwicklung des östlichen Landkreis Kitzingen und des südlichen Landkreis Schweinfurt erdrückt zu werden, schreibt BN-Kreisvorsitzender Edo Günther ans Eisenbahnbundesamt.

    In der Tat steige der Verkehrsdruck kontinuierlich und in der Regel werde diesem Druck durch Straßenbauten Raum geschaffen. Inzwischen führe dieser Verkehrsdruck jedoch dazu, Biotope und geschützte Flächen mit neuen Straßen zu zerschneiden. Ein Beispiel sei hier der Wunsch der Gemeinde Wiesentheid, eine Ring-Umgehungsstraße um den Ort zu bauen. Diese Straße beschädige die wertvollen Waldflächen zwischen Wiesentheid und Feuerbach. Die Freistellung von Eisenbahnbetriebszwecken der unteren Steigerwaldbahn führe – wie an diesem Beispiel exemplarisch gezeigt – automatisch zu schweren Eingriffen in wertvolle Flächen, da der Verkehrsdruck und somit der Druck des Straßenbaus weiter steige.

    Für eine Freistellung von Eisenbahnbetriebszwecken ist es nach Ansicht des BN erforderlich, dass für den automatisch eintretenden höheren Pkw-Verkehr bereits jetzt eine Umweltverträglichkeitsstudie vorliegt, welche sich mit den unausweichlichen Folgen bei weiterem Straßenverkehrswachstum aus naturschutzrechtlicher Sicht befasst. Der BN verweist auch auf zwei Studien, die der Förderverein Steigerwald-Express und der Landkreis Schweinfurt in Auftrag gegeben haben und die ein für eine Reaktivierung ausreichendes Verkehrspotenzial  nachweisen.

    "Gemeinderatsbeschlüsse reichen nicht"

    In Art 1 des Bayerischen Naturschutzgesetzes sei es in klare Worte gefasst: "Staat, Gemeinden, Landkreise, Bezirke und sonstige juristische Personen des öffentlichen Rechts sind verpflichtet, ihre Grundstücke im Sinn der Ziele und Grundsätze des Naturschutzes und der Landschaftspflege zu bewirtschaften." Auch eine Bewirtschaftung als Bahnlinie, wenn sie den Straßenbaudruck aus anderen wertvollen Flächen nehme, sei in diesem Satz gemeint. Sollte eine Freistellung einzig auf der Basis von Gemeinderatsbeschlüssen und ohne eine naturschutzrechtliche Bewertung erfolgen, sei das fehlerhaft, so der BN abschließend. 

    Im Wesentlichen mit drei Punkten begründet Thomas Vizl seine Einwendung gegen eine derzeitige Entwidmung. Zum ersten habe die Stadt Gerolzhofen ihren Antrag auf Freistellung zurückgezogen und fordere eine Untersuchung durch die Bayerische Eisenbahngesellschaft mit dem Ziel einer möglichen Reaktivierung der Bahnstrecke. Der Kreistag Schweinfurt werde am 14. März ebenfalls über eine Beauftragung der BEG zu einer Analyse abstimmen, ebenso in absehbarer Zeit der Kreistag Kitzingen. Schließlich sei die Schieneninfrastruktur wichtig für die Regionalentwicklung. Mittelzentren, Gerolzhofen ist ein solches, sollten einen Anschluss ans Bahnnetz haben. Eine 50 Kilometer lange Strecke stelle einen hohen Wert für die Allgemeinheit dar. Und schließlich wolle auch die Bayerische Staatsregierung Bahnlinien wieder reaktivieren.

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