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    Gerolzhofen

    Eine Monstranz beim eisernen Kanzler

    Kunst geht fremd: Eine Monstranz aus dem Gerolzhöfer Gotikmuseum übergab Museumsleiter Klaus Vogt leihweise an die Leiterin des Museums "Obere Saline", Annette Späth. Foto: Claudia Vogt

    „Kunst geht fremd“ ist eine Tausch-Aktion überschrieben, an der in diesem Jahr 15 verschiedene unterfränkische Museen teilnehmen. Das Museum "Kunst und Geist der Gotik" in der Johanniskapelle in Gerolzhofen hat eine wertvolle, rund 500 Jahre alte Turmmonstranz als Tauschobjekt zur Verfügung gestellt. Das Schaugefäß ist nun bis Anfang November im Festsaal der historischen Bismarck-Wohnung in der Oberen Saline in Bad Kissingen zu sehen.

    Das Konzept von "Kunst geht femd" beruht nicht etwa auf der Größe, der regionalen Bedeutung oder dem Sammlungsschwerpunkt der beteiligten Museen, sondern es zählen neben dem besonderen Engagement der jeweiligen Kuratoren vor allem die Originalität des Tauschobjektes. Dieses soll im anderen Ausstellungskontext ganz bewusst als Fremdkörper verstanden werden, möglicherweise sogar Irritationen hervorrufen, aber auch gleichzeitig Interesse für die Institution des Leihgebers wecken, erklärt Andrea Brandl, Leiterin der Kunsthalle in Schweinfurt, die die Tauschaktion koordiniert hat.

    Monstranz als Fremdkörper?

    Einen solchen Fremdkörper stellt im gewissen Sinne auch die Gerolzhöfer Monstranz dar, wenn dieses typisch katholische Schaugefäß jetzt in den ehemaligen, original erhalten gebliebenen Wohnräumen des Reichskanzlers Otto von Bismarck präsentiert wird, der jahrelang verbissen gegen den Vorherrschaftsanspruch der päpstlichen Kirche gekämpft hatte. Was wohl der eiserne Kanzler dazu sagen würde, wenn er jetzt noch einmal die Obere Saline besuchen würde?

    Diese Frage stellte auch der Gerolzhöfer Museumsleiter Klaus Vogt seinen Zuhörern, als er anlässlich der leihweisen Überlassung der Monstranz in den Bismarck-Räumen der Oberen Saline von Bad Kissingen einen Vortrag hielt. Für die Ausgestaltung der Zimmer, die Bismarck während seiner insgesamt 15 Kuraufenthalte in Kissingen nutzte, war damals übrigens der dortige Antiquitätenhändler Streit zuständig gewesen - jener Streit, der Ende des 19. Jahrhunderts den berühmten Riemenschneider-Altar aus der Gerolzhöfer Johanniskapelle sowie weitere gotische Kleinkunstwerke aus dem Bestand des Steigerwalddoms gekauft hat.

    Wie es sich anfühlte, Reichskanzler zu sein, kann man in Bad Kissingen nachempfinden. Hier weilte Fürst Otto von Bismarck während seiner insgesamt 15 Kuraufenthalte. Im Museum Obere Saline mit Bismarckmuseum sind die Wohn- und Arbeitsräume des "Eisernen Kanzlers" noch heute zu besichtigen. Im Bild der Festsaal. Foto: Stadt Bad Kissingen

    Die Kirche war seit dem Mittelalter Trägerin vieler Einrichtungen im Bildungswesen und in der Sozialfürsorge. Spätestens im 18. Jahrhundert kamen mit dem Absolutismus und der Aufklärung aber zunehmend Tendenzen auf, die stattdessen den Staat in dieser Rolle sehen wollten. Es bildete sich allmählich ein neues staatliches Selbstverständnis heraus: Der Staat betrachtete sich fortan als von jeglicher konfessionellen Bindung befreit - und lehnte jegliche päpstliche Einflussnahme aus Rom ab.

    Es kam zum Kulturkampf

    Dieser staatliche Universalanspruch kollidierte natürlich mit den Zielvorstellungen der katholischen Kirche, die eine allgemeine Verbindlichkeit ihrer christlichen Normen einforderte, und wie selbstverständlich auch die Einhaltung ihrer Wertmaßstäbe in Staat und Gesellschaft erwartete. Dieser Interessenkonflikt führte letztlich zum "Kulturkampf", bei dem Otto von Bismarck und Papst Pius IX. in Rom in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Gegenspieler waren.

    Reichskanzler Otto von Bismarck setzte eine Reihe von Anordnungen und Gesetzen durch, die direkt oder indirekt gegen die katholische Kirche gerichtet waren: Im „Kanzelparagraphen“, einem Reichsgesetz zur Änderung des Strafgesetzbuchs, verbot er den Geistlichen, bei Predigten den „öffentlichen Frieden“ zu gefährden. Er untersagte den Jesuiten, Niederlassungen zu errichten. Vor dem Gesetz war fortan nur noch die Eheschließung des Standesamtes gültig und nicht mehr die kirchliche. Wer kirchlich heiraten wollte, durfte dies erst nach der standesamtlichen Trauung.

    Zahlreiche Pfarrer inhaftiert

    Und schließlich löste Bismarck in Preußen die Klostergemeinschaften auf - mit Ausnahme derjenigen, die sich auf die Krankenpflege und karitative Aufgaben beschränkten. Eine interessante Parallele zu heute, wo die Kirche praktisch nur noch dort hohes Ansehen genießt, wo sie sich für den Mitmenschen karitativ einsetzt. In der Hochzeit des Kulturkampfes waren 1800 katholische Pfarrer inhaftiert und Kircheneigentum in Millionenhöhe beschlagnahmt.

    Später lenkte Bismarck auf der Suche nach neuen politischen Mehrheiten notgedrungen in vielen Punkten wieder ein. Der neue Papst Leo XIII. erklärte am 23. Mai 1887 öffentlich den „Kampf, welcher die Kirche schädigte und dem Staat nichts nützte“, für beendet.

    Freidenkerischer Deist 

    Wäre eine gotische Monstranz in seinen Privatgemächern eine Provokation für Bismarck gewesen? Bismarck, ein lutherischer Christ, versuchte Fragen der Religion vom Verstand her zu begreifen und sah sich selbst eher als freidenkerischer Deist, der alleine aus Vernunftgründen akzeptieren muss, dass es das Göttliche als den Ursprung alles Seienden gibt und Gott eins ist mit Kosmos und Natur. Konkretes göttliches Eingreifen, das man über das Gebet im Zusammenspiel mit der Amtskirche sich erflehen kann, sah er hingegen als „nicht begründungsfähig“ an. Ein Atheist war Bismarck nie. Sein initiierter Kulturkampf war letztlich auch nicht gegen die Kirche gerichtet, sondern hatte nur den säkularen Staat als Idealform zum Ziel.

    Bismarck hätte sich von der Monstranz wohl nicht provozieren lassen. Dazu war er zu aufgeklärt und gebildet. Und wer weiß, vielleicht hätte er aus ästhetischen Gründen sogar Gefallen gefunden an dem historischen Stück. Denn gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde - auch dank des künstlerischen Wirkens der Gebrüder Schiestl - die lange verpönte Kunst der Gotik auch in Mainfranken wiederentdeckt.

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