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    SCHWEINFURT

    Einheit, Eisner und die Erotik der Schwarzen Null

    Die Welt ist rund: Genosse Gregor Gysi erklärte sie den Schweinfurtern in etwas über einer Stunde. Foto: Uwe Eichler

    „Die Welt ist verrückt geworden“, sagt Gregor Gysi, der Ex-Fraktionschef der Linken, mit füchsischem Lächeln. Vor kurzem habe ihm Marx dazu gratuliert, dass er den Papst im Interview verteidigt hat, also der Kardinal. International aufgestellte Gruppierungen wie Kirche und Linke müssten eben zusammenhalten, frotzelt der Wahlkampfredner im Naturfreundehaus: „Diese Wirtschaft tötet!“ Ein solches Franziskus-Zitat kann der Bundestagsabgeordnete der Linken ernsthaft unterschreiben, angesichts von Millionen Hungertoten jährlich auf dem Planeten.

    Randvoll ist der Saal unter dem Handschlag-Logo der Naturfreunde, mit den drei roten Rosen. Wenn der ehemalige SED-, PDS- und Linkenvorsitzende spricht, weiß man, was man bekommt. Einen Menschen mit Biographie (die es, selbstverfasst, gleich links am Eingang zu erwerben gibt). Dazu eine funkelnde Rede, wie man sie bei Staatsfeiertagen selten zu hören bekommt. Gysi rockt, schon beim „demütigenden Akt“ der Mikro-Anpassung: „Woher habt ihr diese Technik? Aus der DDR?“ Am Vorabend des 3.Oktober wirkt der Agitp(r)opstar seiner Partei gut gelaunt: „Ohne den Tag der Deutschen Einheit würden Sie mich gar nicht kennen.“

    Appell ans soziale Gewissen

    Das Mikrofon hochgelegt hat die eloquente „Vorband“: Die Direktkandidaten Robert Striesow (für den Landtag) und Angelika Strobel (für den Bezirkstag) haben ans soziale Gewissen appelliert. Landessprecher Ates Gürpinar hat das widerständige Bayern 2018 gelobt, daran erinnert, dass es Sozialist Eisner war, der den Freistaat ausgerufen hat. Hundert Jahre später würden die Linken ihren Widerstand, gegen Rechtsruck oder den Abbau von Sozial- und Freiheitsrechten, gerne wieder in den Landtag tragen. „Die Bayern haben von der CSU die Schnauze voll“, hat MdB Klaus Ernst bekräftigt. Toleranz, Offenheit, Japanerinnen im Oktoberfest-Dirndl, die Erbschaftssteuer als Verfassungsgut, all das sei der wahre Freistaat: „Bayern ist nicht die CSU.“

    Trump die Roulettkugel

    Gysi tritt auf, dem man die 70 kaum ansieht (womöglich stimme der Geburtseintrag aus der sowjetischen Besatzungszeit mal wieder nicht, kokettiert der Treptow-Köpenicker). Der Rechtsanwalt spricht, über Instabilität und bedrohten Frieden überall. Trumps Zitate habe er bereits als Kalendersprüche: „Im Vergleich zu ihm ist eine Roulettekugel eine berechenbare Größe.“ Die Krim-Annektierung sei völkerrechtswidrig gewesen, aber im Kosovo der Präzendenzfall geschaffen worden. Der Westen habe nach dem Kalten Krieg nicht aufhören können zu siegen. Amerikanische oder türkische Rechtsverstöße blieben bis heute unsanktioniert, Russland würde daraus Schlüsse ziehen. Stichwort Siegermentalität: „Ein paar Sachen“ aus der DDR hätte der Westen schon übernehmen, so zum Beispiel mit Gleichbehandlung der AfD vorbeugen können.

    Wirtschaftskrieg statt kalter Krieg

    Trump habe „als einziger“ begriffen, dass der Kalte Krieg zu Ende sei, und führe nun einen Wirtschaftskrieg gegen die EU. Die Hochrüstung der Bundesrepublik, in Richtung zwei Prozent des BSP, brächte eine gigantische Verschleuderung von Steuergeldern, Milliarden, die besser für Infrastruktur, Bildung, Forschung, Soziales ausgegeben würden.

    Drohnen und Atomwaffen müssten raus aus Deutschland, die Regierung sollte „Haltung“ zeigen gegenüber Trumps Rüstungsforderung. Deutsche Waffen dürften nicht länger in Spannungsgebiete geliefert werden, die Auslandseinsätze der Bundeswehr müssten beendet werden.

    Wohnen als Spekulationsobjekt

    Die Brisanz der sozialen Frage sei der GroKo ebenfalls nicht bewusst: „Wohnen ist Menschenrecht, kein Spekulationsobjekt“. Süffisant verweist Gysi darauf, dass Seehofer zugleich Bauminister ist, während es im Ministerium einen Abteilungsleiter für Heimat gebe („der organisiert eine Kirmes oder was?“). Wer kenne die Bildungsministerin? Bei der Pflege fehlten 12 000 Stellen in bayrischen Krankenhäusern, die Linken hätten ein Volksbegehren gestartet. „Diese Regierung hat zur Schwarzen Null ein sexuell-erotisches Verhältnis“. Sprich, sie sei für Vernunft nicht zugänglich. Es müsse investiert werden, statt in Diesel-Schummelsoftware etwa in Autos, die auch 1,2 Milliarden Chinesen fahren könnten. Öko-Sanktionen würden nur Privilegien für Reiche schaffen.

    Abschottung keine Lösung

    Merkel verwalte, statt vorbeugend zu handeln. Vom US-Recht könne man lernen, die Steuerpflicht an Staatsbürgerschaft und Ort der Wertschöpfung zu binden. Die soziale Frage sei zur Menschheitsfrage geworden, wenn die 42 Reichsten soviel wie die Hälfte der Weltbevölkerung besitzen würden, Tendenz steigend: ähnlich wie in Niedriglohn-Deutschland. Grund sei der Neoliberalismus, eine Art Gegenreformation, auch zu Artikel 14 GG, „Eigentum verpflichtet“. Jetzt kämen die Afrikaner, die dank Handy und Internet gut informiert seien. Als „leicht mauergeschädigter Ostberliner“ wisse er, das Abschottung keine Lösung sei. Durch Anpassung an AfD-Themen würde die CSU ihre Konkurrenz nur stärken. Gysi blickt hoffnungsvoll auf Schweinfurt und Kurt Eisner: „Der Gründungsvater des Freistaats ist unser!“ Stehende Ovationen, Fotos, Signierwünsche. Zum Ausklang besingt die DGB-Songruppe die unterfränkische Linke als „Kommando Rotgelegter“.

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