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    Gerolzhofen

    Ekelige Zustände in den Notunterkünften: Sind Container besser?

    Ist das Unterbringen von Obdachlosen in Wohncontainern menschenunwürdig? Nein, sagt der Gerolzhöfer Bürgermeister und bringt als Argument die bessere Hygiene ins Spiel.
    Auf dieser Fläche neben der Betonstraße, die zur Kläranlage und zur Kreiskompostanlage führt, sollen bis zu vier Wohncontainer als Notunterkunft für Obdachlose aufgestellt werden.
    Auf dieser Fläche neben der Betonstraße, die zur Kläranlage und zur Kreiskompostanlage führt, sollen bis zu vier Wohncontainer als Notunterkunft für Obdachlose aufgestellt werden. Foto: Klaus Vogt

    Der Tagesordnungspunkt "Aufstellen von Containern als Notunterkunft in der Gemarkung Gerolzhofen" in der jüngsten Stadtratssitzung deutete zunächst nicht auf eine große Diskussion hin. Bürgermeister Thorsten Wozniak moderierte den Punkt auch nur kurz an, ohne inhaltlich sonderlich in die Tiefe zu gehen. Doch Birgid Röder (Geo-net) meldete sich noch vor der Abstimmung zu Wort. Mit ihrer Einschätzung, die Unterbringung von Obdachlosen in Containern sei "nicht menschenwürdig", trat die Stadträtin eine längere Diskussion los. Und am Ende stand dann keine Entscheidung, sondern eine Vertagung.

    Zum Hintergrund: Die Stadt Gerolzhofen muss kraft Gesetzes für plötzlich auftretende soziale Notfälle immer einige Notunterkünfte bereithalten. Einzelpersonen oder auch Familien aus Gerolzhofen, die beispielsweise nach einer Kündigung oder einer Zwangsräumung ihr Dach über dem Kopf verloren haben, können auf die Hilfe der Stadt setzen. Ebenso verhält es sich beispielsweise bei ehemaligen Strafgefangenen, die nach ihrer Freilassung auf der Straße stehen. Die Kommune stellt für diese Menschen für eine gewisse Übergangszeit eine Notunterkunft bereit, bis die Obdachlosen für sich wieder eine neue Bleibe gefunden haben.

    Nicht zu verwechseln ist diese Notunterkunft mit der Übernachtungsmöglichkeit, die die Stadt für durchziehende Vagabunden ohne gemeldeten Wohnsitz bereitstellt. Für diese Menschen gibt es im städtischen Gebäude links neben der Polizeiinspektion kleine Räumlichkeiten, in denen man laut Bürgermeister Thorsten Wozniak maximal drei Tage bleiben darf.

    Ehemals im "Armenhaus"

    Über Jahrzehnte diente das städtische "Armenhaus" in der Steingrabenstraße als Notunterkunft für obdachlose Gerolzhöfer. Doch dann waren die Verhältnisse dort nicht mehr als akzeptabel zu bezeichnen. Weil die Stadt sich damals trotz möglicher hoher Förderung nicht in der Lage sah, das große Gebäude zu sanieren, wurde es an einen privaten Investor verkauft, der jetzt bereits mit ersten Sanierungsmaßnahmen begonnen hat. Die Bewohner wurden auf andere Wohnungen verteilt.

    Als wichtigsten Ersatz für das alte "Armenhaus" mietete die Stadt ein mehrstöckiges Gebäude in der Schuhstraße direkt oberhalb der Mühle an. Hier werden in erster Linie Familien oder alleinerziehende Frauen mit Kindern untergebracht. Das Zusammenleben in diesem Haus sei in der Regel unproblematisch und harmonisch, sagte der Bürgermeister. "Wir haben Familien oder Frauen mit Kindern bislang immer geschützt und für sie die besten vorhandenen Räume gefunden", berichtete Wozniak.

    Auch in der "Schwane"

    Doch die dortigen Wohnungen in dem Haus reichten in der Vergangenheit mitunter nicht aus. Mehrere alleinstehende Männer waren unterzubringen. Aus diesem Grund mietete die Stadt auch noch Flächen im ehemaligen Hotel- und Gasthauskomplex "Zur Schwane" an. Hier waren bereits, als der Landkreis Schweinfurt noch der Mieter des Hauses war, in einer Sammelunterkunft Asylbewerber untergebracht gewesen.

    Dieses Haus in der Schuhstraße hat die Stadt Gerolzhofen als Notunterkunft angemietet.
    Dieses Haus in der Schuhstraße hat die Stadt Gerolzhofen als Notunterkunft angemietet. Foto: Klaus Vogt

    Da die "Schwane" nun von Grund auf saniert und einer neuen Nutzung zugeführt werden soll, musste die Stadt mit ihrer Notunterkunft erneut umziehen. Aktuell stehen neben der Schuhstraße noch Räume in dem gelben Gebäude im Hof der Verwaltungsgemeinschaft (ehemaliges Gefängnis) zur Verfügung. Dies ist aber auch nur als vorübergehende Lösung gedacht. Es gibt in dem Gebäude im zweiten Obergeschoss für die Bewohner zwar abschließbare Spinde und Pritschen, allerdings ist in dem Gebäude keine räumliche Abtrennung von Zimmern ohne größeren Kostenaufwand möglich. Außerdem soll das Gebäude ja einer neuen Nutzung, zum Beispiel als Gründerzentrum, zugeführt werden.

    Bis zu vier Container

    Deswegen suchte die Stadt nach neuen Alternativen, die sich als weitere Notunterkunft zusätzlich zu dem Haus in der Schuhstraße eignen. Und man kam auf die Idee mit den Wohncontainern.

    Die bis zu vier Container sollen in einer Reihe nebeneinander auf einer städtischen Fläche zwischen der derzeitigen Unterkunft des Technischen Hilfswerks und der Betonstraße zur Kläranlage und Kompostanlage aufgestellt werden. Strom-,  Wasser- und Abwasseranschlüsse liegen in unmittelbarer Nähe und wären ohne großen Aufwand zu aktivieren, teilte Stadtbaumeisterin Maria Hoffmann dem Stadtrat mit. Der Zugang der Container (Maße: sechs auf 2,4 Meter bei einer Höhe von drei Metern) und auch die Fenster würden in Absprache mit dem Landratsamt Schweinfurt auf der Westseite liegen, weil östlich das Industriegebiet angrenzt.

    Für Wohnzwecke zugelassen

    Zunächst plant die Stadt, zwei Container zum Stückpreis von 15 000 Euro anzuschaffen. "Die Container sind natürlich für Wohnzwecke zugelassen", betonte der Bürgermeister als Antwort auf Birgid Röders Vorwurf der Unmenschlichkeit. "Sie erfüllen alle gesetzlichen Vorschriften." Gedacht seien die Container, im Gegensatz zum Wohnhaus in der Schuhstraße, in erster Linie für alleinstehende Personen, die möglicherweise gewisse Probleme mit sich selbst haben. Die Container würden "fliegend" bleiben und könnten jederzeit umgesetzt werden.

    "Der Vorteil der Container: Man kann sie vernünftig säubern", deutete Wozniak vielsagend an. Das Bemühen des Bürgermeisters war greifbar, eine möglichst vorsichtige und nicht diskriminierende Wortwahl zu finden, als er versuchte, dem Stadtrat die teils schlimmen Zustände in den bisherigen Notunterkünften zu beschreiben. Die Menschen, die dort mitunter gewohnt hätten, "seien nicht ganz so einfach gewesen", formulierte der Bürgermeister. Und die Zustände, auf die die Mitarbeiter des städtischen Bauhofs ("Alles gestandene Männer") beim Aufräumen gestoßen seien, seien "äußerst grenzwertig" gewesen.

    Mit Fäkalien beschmiert

    Nach Informationen dieser Redaktion ist es in angemieteten Notunterkünften der Stadt (außer im Mietshaus in der Schuhstraße) immer wieder zu erheblichen Sachbeschädigungen und Verschmutzungen gekommen. Einige Bewohner haben mutmaßlich im Alkohol- oder Drogenrausch beziehungsweise in psychischen Ausnahmezuständen mit Baseballschlägern die Einrichtungen zertrümmert und die Wände in den Räumen sogar mit Fäkalien beschmiert. Auch die Zustände in den Sanitäranlagen waren schrecklich.

    Bauhofmitarbeiter mussten beim Aufräumen und Reinigen aus Sicherheitsgründen Vollschutz tragen. Der Aufwand für die Reinigung beziehungsweise Renovierung der Räume, so der Bürgermeister, sei enorm. Und es sei natürlich auch immer schwerer, noch privaten Wohnraum zu finden, der als Notunterkunft zu nutzen wäre. Deshalb sei man auf die Idee mit den Wohncontainern gekommen.

    "Hilfe zur Selbsthilfe"

    Es gibt aber laut Wozniak noch ein anderes Argument, das für Container draußen am Stadtrand spricht: die Aufenthaltsdauer in der Unterkunft. Die städtische Notunterkunft sei nur auf eine kurzfristige, übergangsweise Nutzung angelegt. "Die Räume sollen nicht zum Zuhause werden", betonte der Bürgermeister. In der Vergangenheit war aber oft genug das Gegenteil der Fall, sagte Wozniak auf Nachfrage von Stadtrat Rainer Krapf: "Aus Tagen wurden Jahre und sogar Jahrzehnte." Der jetzt angedachte, etwas abseits gelegene Standort der Wohncontainer sei auch als "Hilfe zur Selbsthilfe" zu sehen, um den Druck zu erhöhen, schnellstmöglich etwas Eigenes zu finden. 

    Auf keine Zustimmung stieß der Vorschlag der CSU-Stadträtin Christine Dittmeier, die Wohncontainer auf schlecht genutzten Spielplätzen in den Siedlungsgebieten aufzustellen. "Da würden wir nicht auf große Gegenliebe stoßen", mutmaßte der Bürgermeister. Stadtbaumeisterin Hoffmann sagte, die Spielplätze seien zu klein, es fehlen dort die erforderlichen Anschlüsse und man könne in den meisten Fällen mangels Zufahrt die Container überhaupt nicht dorthin transportieren. 

    "Sehr seriös gehandelt"

    Arnulf Koch (CSU) betonte namens seiner Fraktion, die Stadt Gerolzhofen habe beim Umgang mit Obdachlosen bislang immer "sehr seriös gehandelt", insbesondere auch während der Flüchtlingszeit. Er sprach sich für die Container aus, "weil wir bei einem Notfall etwas in aller Schnelle benötigen".  Thomas Vizl (Geo-net) bestätigte, dass es in der Vergangenheit tatsächlich Fälle gab, "die an der Grenze waren". Wichtig sei es aber, dass man die Problemfälle mit Familien und Kindern bedenke.

    Am Ende schien sich im Gremium, nicht zuletzt durch die dann doch ausführlichen Erklärungen des Bürgermeisters, ein Meinungswandel hin zu einer Zustimmung für die Container zu vollziehen. Günter Iff (Freie Wähler) signalisierte dies auch. Er schlug eine Vertagung vor, um die neuen Erkenntnisse, die über die Informationen aus der Sitzungsvorlage hinausgingen, nochmals in den Fraktionen besprechen zu können.

    Die Vertagung wurde einstimmig beschlossen. 

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