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    SCHWEINFURT

    Elektrotechnik ist kein Männerfach

    Irmtraud Reitz und Laura Hußlein bauen im Elektrotechnik-Labor eine Versuchsanordnung für Schüler auf. Foto: Ursula Lux

    Es sind zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch verbindet sie eines, sie wollen an der Georg Schäfer Berufsschule Elektrotechnik (BS1) unterrichten. Frauen in der Elektrotechnik sind immer noch die absolute Ausnahme, erklärt Fachbetreuer Roland Kiesel.

    Laura Hußlein ist eine junge Frau, die selbst ein Jahr an dieser Berufsschule war. Sie machte eine Ausbildung zur Elektrikerin in Automatisierungstechnik. „Ich bin da so reingerutscht“, kommentiert sie die Ausbildungsrichtung, denn der Vater war Mitinhaber einer Elektrotechnikfirma und so hat sie schon als Kind gerne in der Werkstatt gespielt.

    Nach dem Referendariat in den höheren Dienst für das Lehramt

    Die 25-Jährige studierte Elektro- und Informationstechnik an der FH (Fachhochschule). Durch ihre einstigen Berufschullehrer motiviert, steht sie jetzt im letzten Semester an der Universität Erlangen im Fach Berufspädagogik Technik. Danach kann sie mit dem Referendariat in den höheren Dienst für das Lehramt an Berufsschulen einsteigen. „In die Selbstständigkeit zu gehen war nie meine erste Wahl“, sagt Hußlein.

    Erst Krankenschwester, dann Hessenkolleg

    Ganz anderes lief es bei der zweiten Praktikantin, die zurzeit in der BS1 zu Gast ist. Irmtraud Reitz ist auf dem Land aufgewachsen, hatte drei Geschwister, der Vater war Maurer, die Mutter Hausfrau. Eigentlich wollte sie schon immer Lehrerin werden, aber das waren damals Wunschträume, erinnert sich die heute 52-Jährige. Erstens fehlte das Geld und zweitens war sie schließlich ein Mädchen und die heiraten ja doch mal. Reitz lernte Krankenschwester, machte aber nach wenigen Jahren im Hessenkolleg ihr Abitur nach. Als sie mit 26 ihr Abi in der Tasche hatte, beschloss sie, das zu machen „was mich interessiert“. Sie ging an die technische Universität Darmstadt und studiert Physik. Das Geld dazu verdient sie sich bei Nachtdiensten im Krankenhaus und in technischen Ferienjobs während der Semesterferien. Dann verband Reitz ihre beiden beruflichen Erfahrungsbereiche und bildete sich zur Expertin für Medizinphysik fort. Sie promovierte in Physik am Krebsforschungszentrum der Uni Heidelberg.

    Zu wenig zeit für die Familie

    Inzwischen war sie verheiratet und hatte eine kleine Tochter, für die erkämpfte sie sich mit anderen Wissenschaftlerinnen zusammen sogar einen Betriebskindergarten. Gemeinsam mit ihrem Mann teilte sie sich dann die Stelle der Medizinphysik-Expertin an einem Schweinfurter Krankenhaus. Ich habe von früh bis Nacht gearbeitet, erinnert sie sich, bis ihre Tochter auf einen Wunschzettel schrieb, dass sie auch einmal von ihrer Mama von der Schule abgeholt werden wolle. Reitz kündigte und machte das, was sie während ihrer gesamten wechselvollen Berufslaufbahn schon immer zusätzlich gemacht hatte –sie unterrichtete.

    Erst mal Deutsch für Flüchtlinge, dieser Unterricht fand in der BS1 statt, was Reitz auf die Idee brachte, sich hier ein neues Betätigungsfeld zu suchen, auch sie studiert jetzt Berufspädagogik Technik. „Ich hätte ohne Schwierigkeiten mit Mathematik und Physik ins Lehramt an Gymnasien einsteigen können“, erzählt sie aber: „Ich verehre das Handwerk“. Deshalb hat sie sich für die Berufsschullaufbahn entschieden. Während die 52-Jährige im Rückblick auf ihre naturwissenschaftlich-technische Laufbahn sagt: „Ich habe jeden Spruch gehört, den man nur hören kann“, sieht die Reaktion der Umwelt bei der 25-Jährigen schon anders aus. „Die meisten sagen: Wow, ich könnt das nicht“, erzählt sie.

    Eklatanter Lehrermangel

    Schulleiter Matthias Paul freut sich derweil über jeden, der in seine Schule als Lehrer einsteigen will. „Wir leiden seit langem an eklatantem Lehrermangel“. Im Augenblick hat das Bayerische Kultusministerium wieder Sondermaßnahmen für Quereinsteiger beschlossen, um Berufschullehrer für die Bereiche Bau-, Elektro- und Metalltechnik zu gewinnen. Wer einen guten Master- oder Diplomabschluss in diesen Bereichen hat, kann sich bis zum 13. April bei der Staatsregierung zum Vorbereitungsdienst für das Lehramt an beruflichen Schulen bewerben. Nähere Infos gibt es auf der Homepage der Georg Schäfer Berufsschule: www.bs1-sw.de

    Außerdem werden in den Abschlussklassen Flyer verteilt „Lehrerin/Lehrer gesucht“. Diese sollen die jungen Absolventen auf eine Laufbahn im Berufsschuldienst hinweisen.

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