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    WIPFELD

    Europa, Literatur, Gerupfter

    Ska Keller, Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im EU-Parlament, lässt sich von Bürgermeister Tobias Blesch Wipfelds idy... Foto: Anand Anders

    Die 36-Jährige aus Sachsen-Anhalt wird in Mainfranken nicht vielen bekannt sein. Für die Grünen aber hat sie in Brüssel eine Schlüsselposition als Fraktionsvorsitzende inne. Schon 2009 wurde sie erst 27-jährig erstmals ins Europäische Parlament gewählt. Gerade ist sie im Fränkischen auf Tour, hat am Mittwoch an einer Podiumsveranstaltung in Würzburg teilgenommen. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die europäische Migrations- und Handelspolitik. Im Innenausschuss setzt sie sich für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten sowie eine faire Asylpolitik in der EU ein.

    Dies alles ist unschwer in ihrer offiziellen Vita nachzulesen. Was aber führt sie nach Wipfeld, in die emsige Weinbaugemeinde im Landkreis Schweinfurt? Nun, terminlich passt bei ihr nur Christi Himmelfahrt für einen Auftritt im Schweinfurter Raum. An eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung war gedacht, in Wipfeld – aber an diesem „Vatertag“ ist seit jeher Weinbergswanderung. Eine traditionelle Großveranstaltung, die Organisatoren und Helfern viel Aufwand abfordert. Der hätte man nicht ernsthaft zeitgleich mit einem Podium zu Europafragen entgegentreten können.

    EU-Geld floss ins Literaturhaus

    Was also tun? Das eine mit dem anderen verbinden: die prominente Politikerin beim Weinbergswandern, Politisieren kann man ja auch unterwegs und oben, in der Weinbergshütte. „Unten“ aber geht's los – mitten im Ort, im kleinen, feinen Literaturhaus. Das hat praktischerweise eine Europakomponente. Es wurde mit knapp 100 000 Euro aus EU-„Leader“-Mitteln gefördert.

    „Sehr gut angelegtes Geld“, findet Ska Keller – und trägt sich mit einem ausführlichen Gruß ins Gästebuch des Literaturhauses ein. Hier finde eine große Bandbreite an kulturellen Veranstaltungen statt, sagt Bürgermeister Tobias Blesch: „Vom Poetry Slam bis zur schweren literarischen Kost.“ Er überreicht der Grünen-EU-Abgeordneten das Jubiläumsheft zur 1100-Jahr-Feier und meint, Wipfeld sei „ein Kulturhauptort im Landkreis Schweinfurt“.

    Alter Weinberg – gemischter Satz

    Dann folgt der anstrengendere Teil: Auf in die Weinberge, bergauf zunächst über Gassen und Treppen an der alten Schule vorbei zum historischen Weinberg noch „mit gemischtem Satz“. Das heißt: Kein sortenreiner Anbau hier, sondern eine Mixtur aus verschiedenen Reben: mit Silvaner, Elbling, Muskateller, Traminer. „Ertragssichere Sorten“, erklärt Blesch der Brandenburgerin, „aber auch empfindliche, ertragsärmere – so wie es früher üblich war.“

    Der Blick über die Mauer: Reben, Main, die Fähre, blauer Himmel – Idylle pur. Und weiter geht's, nun in die Weinberge. Eine Tafel zeigt die Hauptlage, sie weist farblich aus, wo welche Sorten wachsen – von Silvaner und Bacchus über Grauburgunder bis zu den Roten. Da stößt auch der „Wipfelder Zehntgraf“ (Albert Kestler) dazu – mit einer Weinschorle im Glas. Pur wäre zu viel des Guten bei diesem Wetter, und der Tag ist auch noch jung. Ganz jung im Amt die Weinprinzessin Marie Schneider – auch sie begrüßt Ska Keller.

    „Ein wunderbares Beispiel“

    Es ist warm – noch. An der Weinbergeshütte lässt sich die kleine Gesellschaft um die EU-Abgeordnete herum nieder – darunter zweite Bürgermeisterin Maria Lindner, der Grünen-Landtagskandidat Paul Knoblach. Das Literaturhaus lobt Keller als „wunderbares Beispiel für kulturelles Leben im Dorf“.

    Und was treibt sie derzeit europapolitisch am meisten um? Dass die USA das Iran-Abkommen einfach gekündigt haben, „völlig egal, was vereinbart war“. Dass Polen und Ungarn rechtsstaatliche Grundsätze und Freiheiten, auf denen die EU gründe, in Frage stellten. Sanktionen könnten Vertragsverletzungsverfahren sein oder der Entzug des Stimmrechts, der Polen drohe, so Ska Keller.

    War's jetzt gestern in Würzburg auf dem Podium schöner – oder im Wipfelder Weinberg, bei Wein und Wasser und Gerupften-Brotzeit? Ska Keller lacht – man ahnt die Antwort. Sie fährt bald weiter nach Münster, zum Katholikentag, wieder zu einem Podium. Thema: „Welcher Weg führt Europa aus der Sinnkrise?“

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