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    BAD KISSINGEN

    Expressiv: „Schattengrenzen“ uraufgeführt

    Samira Spiegel präsentierte bei ihrem Soloabend im Rossini-Saal des Regentenbaus ein kontrastreiches Programm, dessen Schwerpunkt auf Werken aus der Klassik lag. Foto: Elke Tober-Vogt

    Eine strahlende Samira Spiegel wurde von der Fangemeinde und recht vielen weiteren Konzertbesuchern in ihrer Geburts- und Heimatstadt Bad Kissingen mit viel Applaus bedacht: Bei ihrem Soloabend hatte die junge Pianistin im Rossini-Saal des Regentenbaus ein kontrastreiches Programm präsentiert, dessen Schwerpunkt auf Werken aus der Klassik lag.

    Dennoch lenkte Spiegel das Interesse des Publikums vor allem auf das besondere Ereignis einer Uraufführung: Komponist Henrik Ajax, Jahrgang 1980, war eigens aus München angereist und erläuterte sein Werk „Schattengrenzen“ mit einführenden Worten. Er sprach dabei vom Menschen als komplexen Wesen, von innerlichen, gleichzeitig ablaufenden Prozessen, von innerer Dialektik gar.

    Derart außermusikalischen, philosophischen oder metaphysischen Bemühungen darf man getrost kritisch gegenüber stehen - fürs Publikum dürfte die hilfreichste Information die über Einsatzweise und Wirkung des mittleren, dritten Pedals gewesen sein, gleich zu Beginn des kurzen Werkes hörbar und die gesamte Komposition durchziehend.

    Samira Spiegel hat sich deutlich intensiv mit den „Schattengrenzen“ auseinandergesetzt. Es gelang ihr eine eindrucksvolle, expressive und emotionale Interpretation. Ajax' Werk gleicht einer kurzweiligen Fantasie; er setzt auf Klangballungen, Akkordfetzen, virtuose Passagen. Pulsierende Momente werden abrupt durch Ruhe beendet; motorische Elemente lösen verspielte, sphärische und silbrig glänzende Teile ab.

    Der Pianistin liegt das hörbar gut; sie geht aus sich heraus, zeigt Leidenschaft und geballte Kraft, schafft spannende Vorbereitungen, lässt sanfte Atempausen wirken.

    Schnell, fast zu schnell war die Uraufführung vorbei: In solchen Augenblicken möchte man an die Tradition früherer Jahrhunderte anknüpfen und das Werk gleich nochmals hören, um es tiefgehender erfassen zu können.

    Franz Schuberts „Moments musicaux D 780“, Wolfgang Amadeus Mozarts „Sonate in B-Dur KV 281“ und Ludwig van Beethovens „Sonate Nr. 21 in C-Dur op. 53“ („Waldsteinsonate“) widmete sich Samira Spiegel, die sich derzeit im Fach Klavier auf den Bachelor vorbereitet, ernst und konzentriert, ohne große pathetische Gesten, mitunter fast versunken.

    Was ihr Spiel kennzeichnet, ist ein sehr freier Umgang mit dem Metrum; ihre Agogik wirkt dennoch streng konzipiert, scheint nicht aus dem Augenblick inspiriert.

    Das führt bei Schubert zu schönen, teils verträumten Momenten zwischen verspielter Koketterie und maskulinen Ausbrüchen. Bei Mozart gibt Spiegel einem flotten Tempo den Vorzug vor detaillierter Ausarbeitung und kristalliner Klarheit. Und bei Beethoven die Balance zwischen kraftvoll vorwärts drängendem Spiel und höchst virtuosem, aber durchhörbarem Laufwerk zu finden, scheint eine Gratwanderung.

    Samira Spiegel hat großes Talent, ist ein Rohdiamant. Man darf gespannt sein, wie ihr weiterer künstlerischer Reifungsprozess verläuft. Elke Tober-Vogt

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