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    GELDERSHEIM

    Fahnenweihe hinter verschlossener Kirchentür

    Auf offener Straße wehte die Fahne des katholischen Burschenvereins Geldersheim nur einmal – und dies erst viele Jahre nach der Anfertigung: beim Kreiserntedankfest 1958 der katholischen Landjugend. Die Fahnenweihe mit Fest, Festzug und Festwägen am 16. Juni des Jahres 1933 hatte die in Geldersheim besonders aktive SA verhindert und war damit dem systematischen Verbot aller Aktivitäten katholischer Vereine im Oktober 1934 vorausgeeilt.

    Gegründet 1931

    Die Fahne des am 8. Dezember 1931 gegründeten Burschenvereins Geldersheim ist im Besitz der katholischen Kirche Geldersheim. Heimatpfleger Alfred Popp hat zum 85. Jubiläum zusammengetragen, was über die Fahne in Geldersheim, beim Ordinariat und in Vasbühl zu erfahren war.

    Die Burschenschaft Vasbühl war der Patenverein der Geldersheimer. In dem Gemeindearchiv des heutigen Ortsteil von Werneck sind die Jahre von 1933 bis 1945 nicht ausgelöscht – anders in Geldersheim. Im Archiv der Gemeinde Geldersheim findet das etwas kurzlebige Tausendjährige Reich der Nationalsozialisten nicht statt. Alle Unterlagen aus diesen 13 Jahren sind verschwunden.

    Keine Unterlagen in Geldersheim

    In Geldersheim fand Popp lediglich einen Eintrag in der Chronik des Obst- und Gartenbauvereins, dem zu entnehmen ist, dass dieser und die anderen örtlichen Vereine an der Fahnenweihe am 16. Juli 1933 teilnehmen wollten – und zwar mit einem eigenen Festwagen.

    Der Termin platzte, weil die paramilitärische Kampforganisation der Nationalsozialisten in Geldersheim die Macht hatte, das Fest zu verbieten. Nachgeholt wurde die Weihe dann hinter verschossenen Kirchentüren am 8. September 1933.

    Zum Jubiläum herausgeholt

    Da sich nach 1945 keine katholische Burschenschaft in Geldersheim formierte, blieb die Fahne im Abstellraum, bis sie jetzt zum Jubiläum von Alfred Popp herausgeputzt wurde. Die Vorderseite ist beschriftet mit „kathol-Burschen-Verein, 1931 - 1933, Geldersheim“, die Rückseite mit „Christus König, Dir folgen wir“ sowie den Zielen der Burschenschaft: „Heimatliebe, Berufstüchtigkeit, Glaube u. Sitte, Frohsinn“.

    Zur Fahne gehörte ein vom Patenschaftsverein Vasbühl gestiftetes Fahnenband mit der Aufschrift „Der kath. Burschen Verein Vasbühl seinem lieben Paten“. Dieser hatte die Geldersheimer dann auch noch einmal im Jahr 1934 besucht, am 31. Januar. Auch dieses Treffen fand nicht in der Öffentlichkeit statt.

    Einmal in der Öffentlichkeit

    Getragen wurde die Fahne beim Kreiserntedankfest der katholischen Landjugend am 20. September 1958 in Geldersheim von Artur Huppmann. Der Berichterstatter des Schweinfurter Tagblatt vermerkte damals als weitere Besonderheit: „..., dass nur zwei Wagen von Gespannen gezogen wurden, alle anderen (12) waren mit Traktoren bespannt“.

    Die katholischen Burschenvereine in Bayern setzten sich bis 1934 für den Erhalt und die Förderung von Glaube und Sitte, Berufstüchtigkeit und Heimatliebe sowie Freundschaft und Frohsinn unter der männlichen Jugend auf dem Lande ein. Organisiert wurden religiöse, belehrende und unterhaltende Veranstaltungen, berufliche und staatsbürgerliche Schulungen. Gefördert wurden soziale Einrichtungen. Es gab Beratungen in Rechtsangelegenheiten, Vereinsblätter und eine Vereinsbücherei, aber auch Turn- und Sportveranstaltungen.

    Tadellose sittliche Lebensführung

    Nicht katholische Burschen wurden zwar aufgenommen, durften jedoch kein Amt bekleiden. Die ordentlichen Mitglieder wurden bei Verheiratung, unverheiratete auf Antrag nach dem vollendeten 40. Lebensjahr zu außerordentlichen Mitgliedern. Ausgeschlossen wurde, wer religiöse Pflichten (etwa notorisches Versäumen der Osterkommunion), längere Zeit und unentschuldigt fernblieb, den Beitrag nicht zahlte, disziplinlos war, einen ärgerniserregenden Lebenswandel führte oder eine entehrende gerichtliche Bestrafung erhielt.

    Zu den Pflichten zählte eine tadellose sittliche Führung, die Beteiligung an feierlichen Prozessionen wie etwa an Fronleichnam sowie an vaterländischen Veranstaltungen im Vereinsbezirk. Versagt war der Eintritt in Vereine, deren Grundsätze den Zwecken des Burschenvereins widersprachen. Dies galt gleichermaßen für politische, wirtschaftliche wie sportliche Organisationen, die nicht auf dem Boden der katholischen Weltanschauung standen.

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