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    Gerolzhofen

    Faszinierend: Obstbäume nehmen sich heuer eine Auszeit

    "Die jährliche Obstversteigerung der Stadt Gerolzhofen findet aus Mangel an Obst nicht statt", heißt es im Amtsblatt. Warum, das erläutert Stadtgärtner André Ditterich.
    Die Obstbäume auf der Wiese am Lindenbrunnen in Richtung Dingolshausen tragen in diesem Jahr nur schwach.
    Die Obstbäume auf der Wiese am Lindenbrunnen in Richtung Dingolshausen tragen in diesem Jahr nur schwach. Foto: Klaus Vogt

    Ein nüchterner Satz im aktuellen Amtsblatt der Stadt lässt aufhorchen: "Die jährliche Obstversteigerung der Stadt Gerolzhofen findet aus Mangel an Obst nicht statt." Warum das so ist, erläutert auf Anfrage dieser Redaktion der Gerolzhöfer Stadtgärtner André Ditterich. 

    Im vergangenen Jahr 2018 gab es eine riesige Obsternte. Äpfel- und Birnenbäume hingen übervoll und vielerorts brachen an den Bäumen ganze Äste unter der Last der Früchte ab. In diesem Jahr hingegen fällt die Obsternte überschaubar aus. "Das ist aber völlig normal", sagt der Stadtgärtner, der auf eine langjährige Erfahrung zurückblicken kann.

    "Die Obstbäume haben nämlich so etwas wie eine innere Uhr", beschreibt André Ditterich die Gründe. Besonders ältere Bäume nehmen sich nach einem reichen Erntejahr wie 2018 eine Pause von ein bis zwei Jahren, um sich zu erholen - und um so am Leben zu bleiben. "Die Bäume haben heuer wieder reichlich geblüht und wurden auch bestäubt. Dann haben sie aber fast alle Fruchtansätze sofort abgeworfen", beschreibt Ditterich diese faszinierende Situation. Und momentan werden von den Bäumen oftmals sogar noch die ausgebildeten, aber noch unreifen Früchte abgestoßen. Der Baum erspart sich so das kräftezehrende Ausreifen der Früchte.

    Faszinierende Natur

    Die Natur hat es so eingerichtet, dass der Obstbaum praktisch genau "weiß", was er zu tun hat. Um seinen Fortbestand zu sichern, vermeidet er wie in einem bewussten Schutzmechanismus, unnötige Kräfte zu vergeuden. Deshalb tragen viele Bäume in diesem Jahr laut André Ditterich "wenig bis gar nichts". Es ist einfach Teil ihrer "höchst interessanten Überlebensstrategie".  Wer sich näher mit diesem Phänomen beschäftige, insbesondere wie sich Bäume auch im Wechsel der Jahreszeiten verhalten, der könne durchaus den Eindruck gewinnen, dass Bäume eine Art von "Gehirn" haben, sagt Ditterich.   

    Die Obstbäume erholen sich in diesem Jahr und bilden nur relativ wenig Früchte aus.
    Die Obstbäume erholen sich in diesem Jahr und bilden nur relativ wenig Früchte aus. Foto: Klaus Vogt

    Rund 350 Obstbäume befinden sich im Eigentum der Stadt Gerolzhofen, viele davon sind noch jung und wurden erst in den vergangenen Jahren auf neu angelegten Ausgleichsflächen gepflanzt. Die Zahl der älteren Bäume, wo sich das Verwerten der Früchte lohnt, liegt derzeit bei rund 120. Meist sind dies jedoch Mostapfel-Sorten. Bei den Neuanpflanzungen, die in einigen Jahren dann zur Verfügung stehen werden, hat die Stadtgärtnerei aber nun auch auf Lagerapfel-Sorten zurückgegriffen.

    Preis mit Symbolcharakter

    Weil relativ wenig Äpfel an den alten Bäumen hängen, lohnt sich der öffentliche Obstverstrich in diesem Jahr nicht. Trotzdem können Interessierte, unter denen es laut André Ditterich einige langjährige Stammkunden gibt, an Obst kommen. "Wer will, kann sich jetzt einen Baum raussuchen", erklärt der Stadtgärtner. Der Baum kann dann einfach mit einem Bändchen und einem Namensschild gekennzeichnet werden. "Damit ist dann klar, dass der Baum nicht mehr zur Verfügung steht." Nach der Ernte wird beim Stadtgärtner bezahlt. Wobei der Preis eher Symbolcharakter hat. "Wir verlangen zwei Euro pro Zentner."

    Derzeit plant Stadtgärtner André Ditterich gemeinsam mit Stadtteilmanager Daniel Hausmann ein neues Projekt, das im kommenden Jahr anlaufen soll: Die Stadt Gerolzhofen wird bei "Mundraub.org" mitmachen. Auf dieser Internetseite sind bundesweit Bäume und Sträucher gelistet, bei denen man sich legal an den Früchten bedienen darf, ohne Gefahr zu laufen, wegen Diebstahl angezeigt zu werden. "Wenn man als Radfahrer oder Wanderer an einem Obstbaum vorbeikommt, darf man dann für den Eigengebrauch zugreifen", erzählt Ditterich. 

    Kennzeichnung per GPS

    Für die Stadtgärtnerei bedeutet dies, dass die entsprechenden Bäume und Sträucher, deren Früchte die Stadt für den freien Verzehr freigeben will, per Global Positioning System (GPS) eingemessen und dann der Datenbank von "Mundraub.org" zur Verfügung gestellt werden. Allerdings sollen auch künftig nicht alle Obstbäume in diese Liste aufgenommen werden. Denn: "Wir wollen natürlich die alte Tradition des Obstverstrichs weiterhin erhalten", sagt André Ditterich.

    Wer Interesse an Obst von Einzelbäumen hat, kann sich mit Stadtgärtner André Ditterich beziehungsweise mit Michael Finster in der Stadtgärtnerei unter Tel. (09382) 316101 in Verbindung setzen (werktags jeweils von 9.15 bis 9.30 Uhr).

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