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    Gochsheim

    Fünf kleine Igelbabys und ihr Weg in die große Freiheit

    Familie Wenker aus Gochsheim hat fünf kleinen Igelbabys das Leben gerettet. Aus den verwaisten Stadtkindern sind echte Landtierchen geworden. Sebastian (8) freut sich, dass es den fünf Jungs inzwischen so gut geht. Foto: Katja Beringer

    Eine Million Igel werden jährlich auf Deutschlands Straßen überfahren, sagt der Bund Naturschutz.  Was ihre Art Millionen von Jahre vor Feinden geschützt hat, ist nun ein schlechter Plan:  Sich einrollen, liegenbleiben, auf den Panzer von rund 7000 Stacheln verlassen. Mit Autos hat die Evolution nicht gerechnet. Oft stirbt nicht nur ein Igel, sondern gleich eine ganze Familie. Wird das Muttertier überfahren, haben die Kleinen keine Chance. Nur manchmal, da hilft das Schicksal. Und der Lebenswille der Kleinen.

    Es ist ein Samstag Ende August, als Erika Giegler an der Straße bei ihrem Anwesen den toten Igel findet. Ein erwachsenes Tier, scheinbar tot. Oder doch nicht? Die Schweinfurterin beginnt herumzutelefonieren. Wer kann weiterhelfen? Irgendwie landet sie bei der Tierhilfe Schweinfurt. Eine Dame kommt, bestätigt den Verdacht. Der Igel ist tot, und es ist ein Weibchen. Dass es Junge hat, nicht ausgeschlossen. Bis Sonntagabend werden Gieglers drei Igelbabys in ihrem Garten finden. Sie sind mehr tot als lebendig. Über fünf Ecken findet Erika Giegler jemanden, der den Kleinen helfen kann und will: Familie Wenker aus Gochsheim. Gieglers packen die drei ein, fahren nach Gochsheim, wo sie am Montag und Dienstag auch Nummer vier und fünf hinbringen werden.

    Da schlummern sie satt, fast wie in Mumienschlafsäcken. Gerade mal zwischen 74 und 101 Gramm haben die Kleinen gewogen, als sie bei Wenkers ankamen, waren mehr tot als lebendig. Foto: Christine Wenker

    Schon die ersten drei wiegen nur zwischen 92 und 101 Gramm, erinnert sich Christine Wenker (39). Tik, Trik und Trak soll das Trio heißen. Doch dann kommen auch noch die beiden anderen, Fränzchen und Gustav. Fünf kleine Igelbabys, der ganze Wurf. Die beiden Nachzügler sind noch schwächer. Gerade mal 88 und 74 Gramm zeigt die Waage bei ihnen an.

    Für Christine Wenker beginnt eine harte Zeit. Fünfmal am Tag muss sie die Kleinen mit der Spritze päppeln. Tochter Denise (19) hilft dabei. Auch Sebastian (8) hat die Igelchen gleich ins Herz geschlossen. Der Karton, in dem die Kleinen am Anfang im Haus leben, bekommt ein selbst gestaltetes Igelhaus. "Eine echte Villa." Den Kleinen, die vermutlich gerade mal drei Wochen alt sind, geht es immer besser.

    Pink, Blau, Silber, Lila und Farblos

    Der Mix aus Aufzuchtmilch, Vitaminen, Fencheltee und anderen Zutaten wirkt wahre Wunder. Nach gut einer Woche können die fünf Jungs weg von der Spritze, ran an die Fressnäpfe. Sie haben gut zugelegt, wiegen jetzt zwischen 248 und 308 Gramm und heißen inzwischen so, wie die Nagellack-Kleckse auf ihren Stacheln: Pink, Blau, Silber, Lila und Farblos. Anders könnte man sie nicht unterscheiden. Und das ist schließlich wichtig, muss doch genau geguckt werden, dass alle weiter schön wachsen und gedeihen.

    Genau beobachtet Hundedame Momo, wie die kleinen Igel gefüttert werden. Foto: Christine Wenker

    In den Napf kommt nur das, was kleinen Igelmägen gut tut. Katzenfutter für Kitten, trocken oder nass, Hauptsache ohne Getreide, mit viel Fleisch und ohne Soße oder Gelee, getrocknete Würmer, angebratenes Hackfleisch oder auch mal ein schwabbeliges Rührei. Lecker für die Igel, Christine Wenker schüttelt es da eher.

    Bauchmassage nach dem Essen, das muss bei so kleinen Igeln sein. Drei Wochen waren die Fünf am Anfang wohl alt. Foto: Christine Wenker

    Viel Zeit hat die Familie in die Aufzucht der Tiere gesteckt. Und auch einiges an Geld. "Günstig ist das nicht", auch wenn der Tierarzt, zu dem sie mit den Kleinen sofort hingegangen ist, für die Behandlung nichts verlangt hat und der Taxifahrer – Wenkers haben kein Auto – nur die Hälfte der Strecke berechnet hat. Weil er es so toll fand, wie sich die Gochsheimer für die Tiere einsetzen.

    Für Wenkers ist es nicht das erste Mal. 15 Igel haben sie in den letzten vier Jahren hochgepäppelt. Der erste hieß Lilly, eine Igeldame, die sich auch zwei Jahre, nachdem man sie laufen lassen konnte, immer im Herbst sehen ließ. Begonnen hat alles mit einer besonderen Liebe zu den Stachelmännern, der von Momo. Momo ist eine der Hunde der Wenkers, ein riesiges Tier mit sanftem Blick und Wesen. Igel findet Momo richtig gut, wenn sie einen entdeckt, bleibt sie stehen und lässt Frauchen nachsehen, ob der Stachelball Hilfe braucht. So sind die Tiefreunde auf den Igel gekommen. Auch weil sie damals, als Momo die abgemagerte Lilly entdeckte, keinen fanden, der helfen konnte. Die Igelstation in Gerbrunn in Würzburg, ja, die kenne man zwar. Doch für Wenkers ohne fahrbaren Untersatz war die zu weit weg.

    Vor Wochen auf Sebastians Hand. Foto: Christine Wenker

    Also hat sich Christine Wenker schlau gemacht, eingelesen. Mehr als die Igel, die sie selbst findet oder die Bekannte bringen, kann und möchte Wenker aber nicht päppeln. Den Tieren zu helfen, ist nicht einfach, sagt sie. Und betont gleich: "Da kann man viel falsch machen." Die Internet-Seite www.pro-igel.de kann die 39-Jährige da nur wärmstens empfehlen. Und den Gang zum Tierarzt. Die einzige Stelle in der Region, die Igel aufnimmt, ist die in Gerbrunn. Ebenfalls eine private Initiative.

    Und jetzt. Ganz schön groß sind sie geworden, findet auch Sebastian. Foto: Katja Beringer

    Zurück zu den fünf Jungs, die inzwischen nach draußen umgezogen sind – in einen Hasenstall. Gemütlich schlummert der Trupp im Stroh und weiß noch nicht, dass er bald in die große Freiheit trippeln kann.

    Das Datum für den Abschied steht fest: Am 21. September werden die Fünf in Schwebheim bei einer Bekannten von Christine Wenker ausgewildert. Die hat ein wahres Igelparadies, einen großen Garten direkt am Wald mit vielen Verstecken und ganzjähriger Fütterung

    Wenn die kleinen, gebürtigen Schweinfurter dort in ihr eigenes Leben ziehen, will Familie Wenker nicht dabei sein. Auch Erika Giegler würde der Abschied schwer fallen, sagt sie. Das stachelige Quintett will die Schweinfurterin vorher noch ein letztes Mal besuchen. Denn auch sie hat sich schwer verliebt.

    Hilfe und Beratung findet man bei Tierärzten, bei der Igelstation in Gerbrunn bei Würzburg. Informationen gibt es auch im Netz, beispielsweise unter www.pro-igel.de oder www.nabu.de.

     

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