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    Schweinfurt

    Gedenkveranstaltung zum Pogrom vom 9. November 1938

    Aus Worten werden Taten. Davor warnte SPD-OB-Kandidatin Marietta Eder bei der Gedenkveranstaltung zum Pogrom vom 9. November 1938, die musikalisch vom Evangelischen Posaunenchor mitgestaltet wurde. Foto: Karl-Heinz Körblein

    Menschenfeindliche Äußerungen dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Dieser Satz prägte die Gedenkveranstaltung zum Pogrom vom 9. November 1938, zu dem die SPD und die Initiative gegen das Vergessen am Samstag eingeladen hatten. Dazu waren weit über 100 Menschen ans Mahnmal in der Siebenbrückleinsgasse gekommen, an den Ort, an dem einst die Synagoge stand.

    In der Begrüßung wies die SPD-Kreisvorsitzende Julia Stürmer-Hawlitschek darauf hin, dass Judenfeindlichkeit nicht erst mit dem Nationalsozialismus begonnen hat. Schilder mit "Juden sind hier unerwünscht" seien schon im späten 19. Jahrhundert in deutschen Städten zu lesen gewesen. Mit dem 9. November 1938 habe die Gewaltspirale jedoch eine katastrophale Dynamik aufgenommen, mit der systematischen Ermordung der europäischen Juden, der Shoah.

    Die Gesellschaft brauche Gedenktage der Selbstvergewisserung wie diesen. Wenn sie von ihren Schülern fassungslos gefragt werde, ob es wieder soweit kommen könne, komme ihr angesichts der Entwicklung der letzten Jahre ein "Nein" nicht mehr sicher über die Lippen. "Denn das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen", sagte Stürmer-Hawlitschek mit der Autorin Christa Wolf. Es reiche nicht mehr zu mahnen. "Wir müssen täglich hinhören, wir müssen empfindlich sein dafür, wann, wo und wie Menschenfeindlichkeit wächst, wir müssen täglich Stellung beziehen."

    Jungen Menschen müsse geholfen werden, den Fallstricken latenter und offener rechter Hetze in den Sozialen Netzwerken zu entgehen. Ihren Schülern rate sie, denen entgegenzutreten, die vordergründig die Meinungsfreiheit bedroht sehen, wenn sie sich mit einem "Das wird man wohl noch sagen dürfen" echauffieren, "die aber tatsächlich unsere Offenheit und Toleranz – unsere Demokratie vergiften wollen".

    Marietta Eder, OB-Kandidatin der SPD und stellvertretende Landesvorsitzende ihrer Partei, verwies darauf, dass seit der letzten Gedenkveranstaltung vor einem Jahr weitere schreckliche Taten begangen worden seien, beispielsweise die Ermordung des Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübke oder der Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Das seien keine Einzeltaten gewesen.

    "Mich erschreckt es, wenn Studien zeigen, dass jeder vierte Deutsche antisemitische Äußerungen teilt." Aus Worten würden Taten. Darum gelte es zu handeln, sagte Eder. "Wir wollen, dass hier alle sicher leben können, durch unseren Staat, die Polizei, den Rechtsstaat, durch uns alle." Am Tag des Mauerfalls vor 30 Jahren dürfe es nicht zugelassen werden, "dass Rechte, Faschisten und Rechtspopulisten wieder Grenzen in den Köpfen bauen wollen".

    Von einem Staatsversagen oder blinden Flecken auf der Pupille sprach Klaus Hofmann von der Initiative gegen das Vergessen, zu den zunehmenden menschenfeindlichen Äußerungen. Die Judenfeindlichkeit nehme zu, obwohl kaum jemand einen Juden kenne. In einem Rundgang führte Hofmann zu den Stätten jüdischen Wirkens in der Stadt.

    1938 hätten 368 Juden, 0,9 Prozent der Bevölkerung, in Schweinfurt gelebt. Sie seien in den unterschiedlichsten Berufen tätig und in der Bevölkerung angesehen gewesen. Am frühen Morgen, des 10. Novembers verwüsteten SA- und SS-Leute jüdische Geschäfte und Wohnungen, die Synagoge. Jüdische Männer wurden verhaftet, kamen in das Konzentrationslager Dachau.

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