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    Geldersheim

    Geldersheim: Vertriebene Pfarrer, verschwundene Altäre

    Auch der Gänsebrunnen hinter dem Rathaus steht auf historischem Grund. Im Umfeld von St. Nikolaus stand nicht nur das Pfarrhaus, sondern war auch ein Friedhof zu finden. Erst 1803 wurde der Friedhof vom Kirchhof an den heutigen Platz neben der Lehmgrube verlegt. Es wird vermutet, dass sich auf dem einst nur durch den Torbogen der alten Schule zugänglichen Kirchhof auch ein Frauenkloster befand. Foto: Helmut Glauch

    In der Geldersheimer Kirchengeschichte und damit auch in der Historie der Ortskirche, die dem heiligen Nikolaus geweiht ist, finden sich reichlich markante Jahreszahlen. Zählt doch Geldersheim zu den Urpfarreien Frankens. Geldersheim war "Mutterpfarrei" von Euerbach, Hilpersdorf (nicht mehr existent), Kronungen, Kützberg, Niederwerrn, Obbach, Oberwerrn und Sömmersorf. Schon 1238 wird "St. Nikolaus" erstmals erwähnt. Von drei Altären ist dort die Rede, der Hochaltar kam im September des gleichen Jahres dazu. Geld und Einfluss scheinen vorhanden gewesen zu sein, dennoch war "Ur-St.Nikolaus" relativ bescheiden und mit 7,50 Meter Breite und 12,50 Meter Länge eher in die Kategorie "Kirchlein" einzuordnen. 

    Erinnerung an das Weihejahr. Pfarrer Markus Grzibek (links) und Heimatforscher Alfred Popp vor dem Wappen des Fürstbischofs Johann Gottfried von Aschhausen. Foto: Helmut Glauch

    Der jetzige Chorraum und das Langhaus wurden von 1608 bis 1619 erbaut, wobei wir beim wohl wichtigsten Datum der Geldersheimer Kirchengeschichte, dem 15. August 1619, angelangt wären. An diesem Tag wurde die Kirche eingeweiht, sie blickt in ihrer heutigen Form also auf 400 Jahre zurück. Allzu schwer dürften sich die Geldersheimer seinerzeit nicht getan haben mit der Finanzierung ihres Gotteshauses, galt die Gemeinde doch seinerzeit als reichste im gesamten Bistum Würzburg.

    Nach dem Motto "Die Kirche plant, die Gemeinde zahlt", trat die Gemeinde als Bauträger auf, erhielt allerdings von Fürstbischof Julius Echter eine Leihgabe von 1000 Goldgulden. Die Fertigstellung der Kirche hat Echter nicht mehr erlebt, starb er doch 1617, weshalb auch das Wappen seines Nachfolgers Fürstbischof Johann Gottfried von Aschhausen, der auch die Einweihung vornahm, die nördliche Außenwand des Gotteshauses ziert.     

    Ein Dreieck mit Geschichte: Am Turm ist noch gut zu erkennen, wo sich die Giebelspitze des alten Kirchen-Langhauses befand. Foto: Helmut Glauch

    Was alles so reibungslos klingt, war es bei näherer Betrachtung nicht. Die Arbeiten müssen eine rechte Plackerei gewesen sein, war doch die Kirche von drei Seiten von einem Gaden-Ring umgeben, auf der Seite auf der heute der Haupteingang ist, befand sich eine torlose Mauer. Jeder Stein, alles Baumaterial, musste also durch den heute noch existierenden Torbogen zwischen Rathaus und Fränkischem Hof zur Baustelle gebracht werden.

    1606 war der Torturm-Eingang so umgebaut und verlängert worden, dass darüber Platz war für das erste Klassenzimmer Geldersheims geschaffen wurde, denn dort wurde eine Schule eingerichtet. Rund um die Kirche befand sich ein Friedhof, viel deutet darauf hin, dass bei der Kirche auch ein Nonnenkloster untergebracht war.

    Ein Bauarbeiter stürzte vom Dach, ein Pfarrer, von ihm ist der Name Emmerich Kratzer überliefert, soll 1615 auf dem Weg zur Nachbargemeinde umgebracht worden sein. Auch seinem Nachfolger Valentin Alberti schien es nicht recht gewesen zu sein in Geldersheim, denn er wird nur für das Jahr 1616 als Pfarrer geführt. Der nächste im Glied, Peter Zürlein, blieb immerhin von 1617 bis 1627, war also auch amtierender Geistlicher, als die Kirche eingeweiht wurde. Ein sicherer Posten war Pfarrer in Geldersheim auch in den kommenden Jahrzehnten nicht. Am 2. März 1632 und im Zuge der schwedischen Zwischenregierung schenkte Gustav Adolf Geldersheim und 17 weitere Ortschaften der Reichsstadt Schweinfurt. Geldersheim erhielt einen lutherischen Pfarrer. Hans Georg Scharrer hielt sich zwei Jahre, wurde 1634 durch Andreas Brückner ersetzt, doch der scheint nicht sonderlich beliebt gewesen zu sein, wurde er doch noch im gleichen Jahr vertrieben. Am 19. Dezember 1634 wurde die alte Ordnung wieder hergestellt, der katholische Geistliche Kaspar Götz übernahm Schäfchen und Kirchengemeinde.           

    Geheimnisvolle Zeichnungen an der Decke der uralten Krypta der Geldersheimer Kirche, die vermutlich aus dem 13. Jahrhundert stammt. Warum dieser Engel mit allerlei Waffen und Werkzeug in der Hand seit Jahrhunderten an der Decke schwebt, erfahren die Gäste bei der historischen Kirchenführung am 8. September ab 14 Uhr. Foto: Helmut Glauch

    Freilich blieb St. Nikolaus nicht 400 Jahre lang unverändert. 1764, 1809, 1890, 1929, 1958, 1980 und zuletzt von 2003 bis 2005 wurde renoviert. Am eindrucksvollsten dürfte sich das neue Gotteshaus dennoch in seiner Ursprünglichkeit präsentiert haben, besaß es doch lange Zeit drei Altäre. Der Hochaltar war der Maria Himmelfahrt, der rechte Nebenaltar Johannes, der linke Nebenaltar Maria Magdalena geweiht. Aus Kiefern- und Lindenholz gefertigt waren die Altäre, weiß Heimatforscher Alfred Popp, der umfangreiche Unterlagen über die Geldersheimer Kirchengeschichte zusammengetragen hat. Die vom Würzburger Bildhauer Halbig gefertigten Altäre wurden erst 1958 abgebaut, dennoch ist nicht bekannt, wo sie abgeblieben sind.  Immerhin haben ein Teil der Figuren wieder einen Platz in der Kirche und im benachbarten Seniorenheim gefunden.    

    Blick auf den ältesten Teil der Geldersheimer Kirche Foto: Helmut Glauch

    Unter der Ägide von Ferdinand Lipowsky, der von 1949 bis 1977 Pfarrer in Geldersheim war, wurden nicht nur die bisherigen neugotischen Altäre durch die heutigen Barockaltäre ersetzt. Auch die zweite Empore, auf der der Legende nach auch hin und wieder ein Kartenspielchen den Gottesdienst verkürzte, wurde abgebaut. Die "neuen" Altäre standen vorher in der Kirche von Heustreu, waren damals schon 258 Jahre alt, die Kanzel stammt aus dem Jahr 1790. 1980/81 dann eine weitere unaufschiebbare Renovierung. Der hintere Giebel hat einen Sprung auf der ganzen Länge, an der Giebselseite wird um fünf Meter angebaut, zwei Treppen zur Empore werden angebracht. Seit dieser umfangreichen Renovierung befindet sich auch der Altar in der Mitte des Chorraumes und die neue Orgel ersetzt die alte, die auch hörbar mehr als 100 Jahre auf dem Buckel hatte.  

    Alles andere als geplant dann die Arbeiten, die als Folge der Sturmnacht vom 25. auf den 26. September 2002 in die Kirchengeschichte eingehen. Ein Teil der Kirchendecke fiel herunter,das Fresko von Gregor dem Großen, einem der vier Kirchenväter mit denen Johann Peter Herrlein das große Deckenfresko umgab, trotzte der Schwerkraft nicht mehr. Verletzt wurde niemand, denn die Kirche war leer, doch beim Fallen schlugen die Steine einem Engel die Flügel ab. Die Folge: Kirche geschlossen, Gottesdienste im Pfarrheim, umfangreiche Untersuchungen an der Kirchendecke, von den hohen Kosten ganz zu schweigen. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Das Fresko ist wieder an seinem alten Platz, Fachleute haben das Gregor-Puzzle meisterlich zusammengesetzt.  

    Wer sich heute nach Spuren der Geldersheimer Ur-Kirche umschaut braucht nur am Turm, der im wesentlichen noch von der alten Kirche stammt, hinauf zu blicken. Das alte Langhaus (1608 abgebrochen), war am Turm angebaut. Das Dreieck, an dem sich einst die Spitze des Langhaus-Daches befand, ist noch am Turm sichtbar.  Die Ecke an der Nordseite der Kirche stammt noch vom alten Kirchenschiff, darunter die eindrucksvolle Krypta.   

    Anlässlich des Jubiläums 400 Jahre Kirchenschiff findet am Kulturwochenende und Tag des offenen Denkmals (8. September) eine historische Kirchenführung mit Heimatforscher Alfred Popp statt. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Haupteingang der Kirche. Anmeldung: Alfred Popp Tel.: 09721/86507 oder christian.treutlein@gmx.de 

    Diese Aufnahme stammt aus den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals waren noch die Original-Seitenaltäre im Gotteshaus. Foto: Archiv: Alfred Popp

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