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    GEROLZHOFEN

    Gemisch aus Liebe, Abhängigkeiten und Arbeitszeitmodellen

    Ein Baustein: Die Ausstellung „Unbezahlbar“ sei ein Baustein, andere Visionen der gesellschaftlichen Wirklichkeit und des Zusammenlebens entstehen zu lassen, so Erhard Scholl in seinem Vortrag im Gotikmuseum Johanniskapelle. Foto: Gudrun Theuerer

    Familie – wo lebt sie und wo ist sie? Dieser und weiterer Fragen ging Erhard Scholl, Psychologe und Theologe, in seinem Vortrag „Unbezahlbar – Familie zwischen Sehnsucht und Realität“ nach, einem Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung „unbezahlbar“ in der Johanniskapelle in Gerolzhofen. Für Margarete Frey-Lingscheidt vom Organisationsteam die ideale Ergänzung. Waren es doch vor allem Familien die vergangenen Sommer beim Kunstprojekt „Unbezahlbar“ bleibenden Eindruck hinterließen.

    Mit einem Ausflug in die griechische Sagenwelt, zu König Midas, der zu verhungern drohte, als alles, was er berührte, zu Gold wurde, blickte Scholl auf die Situation der Familien, deren Belange immer weniger Berücksichtigung fänden. Familien könnten der Welt nicht ausweichen, aber sie können diese mitgestalten. Denn in den Familien wird vermittelt – und entschieden –, welche Werte in der Gesellschaft gelebt werden, ob Unbezahlbares wertgeschätzt wird und ob sich der Einsatz dafür lohnt.

    Druck durch die Gesellschaft

    Wie sieht das Spannungsfeld von Sehnsucht und gesellschaftlicher Realität aus, in der sich die Familie befindet? Der Mensch sehnt sich nach Anerkennung, Angenommen werden, Resonanz, Antwort – grundlegende Erfahrungen in der Familie. Aber die Entwicklung verlässlicher Beziehungen gerät durch die Gesellschaft stärker unter Druck. Leistungsdruck, Altersarmut und „Generation Praktikum“ sind Stichworte dazu. Enorme Leistungen der Familien für die Gesellschaft, wie das Großziehen der Kinder oder die Pflege der Eltern, werden in der gesellschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung nicht berücksichtigt, bemängelte Scholl.

    Mit Worten der Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan stellt er fest: „Den Eltern fehlt die Zeit für sich und die Kinder, weil die Arbeitswelt sie auffrisst. Es kann nicht zu einem erfüllten Familienleben kommen.“ Dennoch, meinte Scholl, stärkt die Familie Menschen den Rücken und gibt neue Kraft für den Alltag.

    Flexibilität gefragt

    Scholl zitierte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles („Über das Ideal, beide arbeiten Vollzeit und sind glücklich dabei, kann ich nur lachen“) und Christiane Florin, Journalistin der Zeitung „Die Zeit“, die schrieb, dass sich das Gros der Eltern täglich neu einen Weg schlängelt, um den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden, den Arbeitgeber nicht zu enttäuschen und vielleicht noch so etwas wie eigene Interessen zu bewahren: „Familie rüttelt sich heute irgendwie zusammen; sie ist ein Gemisch aus Liebe, Abhängigkeiten und Arbeitszeitmodellen.“

    Zum Thema „Wettbewerbsmanie“ stellte der Referent fest, dass Eltern zwischen dem Druck stehen, ihr Kind bei schulischen Herausforderungen zu unterstützen und gleichzeitig zu vermitteln, dass Leistung nicht der oberste Wert ist. Es gilt laut Scholl, eine gesellschaftliche Vision zu entwickeln, in der Leistung eingeordnet ist, aber nicht den obersten Platz hat.

    Er warb für die verschiedenen Formen der Familie. Familie ist aus seiner Sicht in jedem Fall positiv, wenn sich Menschen, egal welcher sexueller Orientierung , dazu entschließen, verbindlich miteinander zu leben, füreinander da zu sein, die Kinder, die zur Familie gehören, anzunehmen und miteinander zu erziehen.

    Zum Zerbrechen von Familien berichtete Scholl, dass er in seiner langjährigen Erfahrung als Ehe- und Lebensberater nie ein Paar erlebt hat, das sich leichtfertig getrennt hat. Letztlich ist das, was an Liebe, Zuneigung und Sorge füreinander gelebt wird und gelebt wurde unbezahlbar.

    Mit einer Reihe von Gedichten näherte sich Scholl dem Thema „Liebe und Zuneigung“. Die Frage, wie Liebe entsteht, ist schwer zu beantworten. Vielleicht ist es die Idee des Philosophen Platon, der annimmt, dass die Götter die Menschen in zwei Teile geteilt haben, und jeder muss nach seiner Hälfte suchen.

    Auf Wunsch der Zuhörer gab es noch ein Beispiel zur Veränderung in der Paarbeziehung nach der Familiengründung. So lässt sich laut des Referenten regelmäßig feststellen, dass die Qualität der Beziehung mit Beginn der Elternschaft abnimmt. Zunehmend mehr Elternpaare lassen sich scheiden.

    Schwelende Konflikte

    Den Abschluss des Abends bildete das Thema „Familien in der Krise“. Dabei können kleine, oft unabsichtliche Verletzungen und Kränkungen „unterirdisch“ schwelen und irgendwann eskalieren. Fehlt es dann an klärenden Gesprächen, kann es zu unnötigen Trennungen oder Scheidungen kommen. Dabei zitierte Scholl den Soziologen Ulrich Beck, der sagt, dass Scheidungen aus der Sehnsucht nach Geborgenheit, emotionaler Erfüllung und intensiver Beziehung erfolgen. Man erwartet viel, vielleicht zu viel von einer Beziehung.

    gth

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