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    Schweinfurt

    Gericht: Zum Sprung ins Gesicht angesetzt

    Bei derart massiver Gewalt komme eine Bewährungsstrafe nicht in Betracht, sagt der Richter. Angefangen hatte alles mit der sexuellen Belästigung zweier Frauen.
    Ein 33-Jähriger muss ins Gefängnis: Das Schweinfurter Schöffengericht sieht für seine brutale Attacke gegen das Gesicht eines am Boden Liegenden keinen Raum für eine Bewährungsstrafe. Foto: Oliver Berg/dpa

    Früher Morgen des 18. Dezember 2016, die Schweinfurter Disco schließt gerade. Da werden zwei Frauen aus einer fünfköpfigen Gruppe junger Männer heraus sexuell belästigt – durch Po-Grapschen. Ein Logistik-Beschäftigter (35) mischt sich ein, um dies zu unterbinden, allerdings verbunden mit einer Beleidigung: "Scheiß Ausländer" schimpft er im Zorn. Da stürzt sich die Gruppe auf ihn. Der Mann liegt bald am Boden – ein Zeuge sagt, wie beim Rugby-Spiel – und wird verprügelt. Einer aus der Gruppe traktiert den 35-Jährigen besonders brutal mit einem wuchtigen Tritt ins Gesicht. Dann setzt er gar zu einem Sprung an – wieder Richtung Gesicht des am Boden Liegenden. Ein Dritter greift ein, schubst den Aggressor, so dass er den Kopf des Opfers doch nicht voll trifft.      

    1000 Euro für einen Schubser?

    So etwa fasst der Vorsitzende des Schweinfurter Schöffengerichts das Geschehen am siebten Verhandlungstag in seinem Urteil zusammen. Er ist genau von diesem Ablauf überzeugt und stützt sich auf das gute Erinnerungsvermögen und die detaillierten Angaben zweier Zeugen. Eine der belästigten Frauen konnte detaillierte Angaben machen und ein Mann aus der Gruppe des 33-jährigen Angeklagten. Diesem habe man "zuerst alles aus der Nase ziehen müssen", so der Vorsitzende, dann aber habe er glaubhaft immer mehr Einzelheiten berichtet und den Angeklagten stark belastet.

    Beide Zeugen kennen den Mann demnach persönlich und haben ihn wohl auch nicht "verwechselt", worauf die Verteidigung abstellte. Bei diesem Licht und aus einiger Entfernung habe man gar nicht genau erkennen können, wer was gemacht habe, führen die beiden Anwälte an. Also sei die Tat dem Angeklagten auch nicht sicher nachzuweisen. Das Gericht sieht diesen als Täter dagegen sicher als identifiziert an. Das Opfer trug erhebliche körperliche Verletzungen davon, war zwei Wochen krank geschrieben, litt aber auch psychisch darunter, so das Gericht. Und: Der Angeklagte hatte dem Verprügelten bereits 1000 Euro als Täter-Opfer-Ausgleich zukommen lassen, obwohl er behauptet, diesen lediglich "geschubst" zu haben. Wieso dann die Geldzahlung?

    Überzeugt von der Schuld

    Die Staatsanwältin ist von der Schuld des 33-Jährigen überzeugt und fordert für die gefährliche Körperverletzung eine Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten, wobei hier ein älteres Urteil einbezogen wäre. Der Mann war schon einmal zu 20 Monaten Haft verurteilt worden, hatte einen Teil davon abgesessen, der Rest wurde zur Bewährung ausgesetzt. Die Verteidigung sieht die Schuld des Mannes als nicht hinreichend erwiesen an und fordert Freispruch oder wegen allenfalls einfacher Körperverletzung eine Gesamtfreiheitsstrafe mit Bewährung.

    Dem folgt das Gericht letztlich nicht. Allein für den Tritt gegen den Kopf des am Boden Liegenden und den Sprung Richtung Gesicht sei, so der Vorsitzende, angesichts einer derart "massiven Gewalt nur eine Strafe oberhalb des bewährungsfähigen Zeitraums angemessen". Zwei Jahre und fünf Monate hierfür lautet das Urteil, zusammen mit dem offenen Rest drei Jahre und fünf Monate. Gegen das Urteil sind Berufung oder Revision möglich.

    Opfer zahlte für Beleidigung

    Das Opfer war übrigens auch angezeigt worden – wegen der  rassistischen Beleidigung "Scheiß Ausländer", nachdem die Frauen begrapscht worden waren. Das sei selbstverständlich nicht nicht ok, so der Vorsitzende. Das Verfahren gegen das Opfer ist längst gegen eine Geldauflage eingestellt. Der Logistik-Beschäftigte habe aber "Zivilcourage gezeigt", indem er gegen die massive sexuelle Belästigung der beiden Frauen eingeschritten sei. Dieses Delikt wiege deutlich schwerer als die ebenfalls nicht hinnehmbare Beleidigung.

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